30-September-2277
ÖDLAND
Die letzte Nacht ist sehr unruhig gewesen. Nach den ersten drei Stunden Schlaf bin ich immer wieder aus Alpträumen aufgeschreckt und als der Morgen sich am Horizont mit einem blassen Streifen ankündigte, habe ich es aufgegeben wieder einschlafen zu wollen. Ich habe zerbrochene Balken und andere Holzstücke auf einen Stapel geworfen und mit Hilfe von ein wenig trockenem Gras ein Feuer gemacht. Appetit hatte ich noch immer nicht, doch ich spürte, wie hungrig ich war und wusste, dass ich etwas essen sollte.
Ich holte das Fleisch vom Vortag aus meinem Rucksack, wickelte es ein wenig angewidert aus seinem Stofffetzen aus und spießte es auf eine dünne Metallstange.
Während ich das Stück übers Feuer hielt und mit leerem Blick in die Flammen starrte, kamen die Erinnerungen an die Träume der vergangenen Nacht zurück. Ich weiß nicht mehr viel davon, immer wieder war ich in einer Vault, die Tür war verschlossen und ich schrie, bis meine Stimme versagte, schlug auf den Stahl ein, bis meine Hände bluteten. Mal war ich auf der Flucht vor grässlichen Kreaturen, mal war es mein Vater, der die Tür vor meinen Augen schloss.
Ich schloss die Augen, rieb mir die Schläfen und versuchte, auf andere Gedanken zu kommen. Der Geruch des gebratenen Fleisches half. Ich muss zugeben, dass es nicht ganz so ekelhaft roch wie Maulwurfsrattenfleisch und um Welten besser als RAD-Kakerlakenfleisch.
Ich dachte an Bryan und hoffte, dass er sich auch ein Frühstück machen würde, dass er vielleicht mit Maggie und Harden spielen würde, hoffte, dass es ihm gut ging.
Als das Fleisch durchgebraten war hatte ich sogar ein klein wenig Appetit bekommen. Ich ließ das Fleisch kurz abkühlen, nahm eine Wasserflasche aus dem Rucksack und betrachtete den Sonnenaufgang während ich frühstückte. Auch nach eineinhalb Monaten sind es die Sonne, das Spiel ihrer Lichtstrahlen, der goldene Glanz, in den sie das Ödland taucht, die mich am meisten faszinieren. Doch an heute Morgen konnte ich den Anblick nicht recht würdigen, zu viele trübe Gedanken kreisten in meinem Kopf. Ich beeilte mich, aufzuessen und packte meine Sachen, sobald ich fertig war.
Ich verließ die Ruine, die mir in der Nacht Unterschlupf geboten hatte, und sah mich um. Nicht weit von mir konnte ich eine alte Straße erkennen, die in die ungefähre Richtung meines Ziels führte. Ich beschloss ihr zu folgen. Zufrieden stellte ich fest, dass ich von der Verletzung an meinem Bein nichts mehr spürte, auch ansonsten fühlte ich mich verhältnismäßig gut, nur der Kopf schmerzte an der Stelle an der mich der Schlag getroffen hatte noch ein wenig.
Je weiter ich mich von der unheilvollen Vault entfernte, je höher die Sonne stieg, desto besser wurde meine Laune. Von "gut" war sie zwar noch weit entfernt, doch ich hatte das Gefühl, diesen lähmenden Schrecken hinter mir zu lassen.
Ich folgte der Straße eine ganze Weile, die Waffe locker griffbereit, bis mir der Wind süßlich schweren Verwesungsgeruch entgegen wehte. Sofort wurde ich langsamer, zog die Waffe und sah mich aufmerksam um. Gerade hatte ich eine Kurve hinter mich gebracht, jetzt sah ich vor mir ein Gebäude, links daneben verlängerte sich die Straße, auf der ich lief, zu einer Autobahnbrücke, doch ich entdeckte kein Zeichen von Leben. Ich ging vorsichtig weiter.
Das erste was mir dann auffiel war das Schild, das über der Straße hing. AREFU NEXT EXIT. Ich hatte offensichtlich mein Ziel erreicht.
Das nächste was mir auffiel waren die toten Brahmins. Sie lagen in einem Gehege zwischen dem Gebäude und der Straße, ich vermied es, näher zu kommen, im Gegenteil, als der Wind noch einmal kräftig in meine Richtung wehte wurde der Gestank fast unerträglich und ich beeilte mich, weiterzugehen.
Ich folgte der Straße auf die Brücke hinauf. Der Asphalt war rissig, Schutt und kahle Autowracks türmten sich zu beiden Seiten auf, doch in der Ferne konnte ich etwas erkennen, das wie Häuser aussah. Eine Siedlung auf einem Highway? Sicher nicht die schlechteste Idee, solch ein Ort sollte sich eigentlich halbwegs vernünftig verteidigen lassen.
Im sicheren Glauben, das Ziel meiner Reise erreicht zu haben und in Erinnerung an Lucys Worte, was für ein friedvoller Ort das doch wäre, ließ ich die Waffe ein wenig sinken und ging weiter. Das war vielleicht mein Glück. Wenn ich die Flinte weiterhin im Anschlag gehabt hätte, hätte der Mann, der hinter einem Haufen Sandsäcke lauerte und seine Waffe auf mich richtete, sobald ich in Reichweite war, vielleicht erst geschossen und dann Fragen gestellt.
So jedoch fragte er mich zuerst wer ich sei und was ich hier wolle - und ich antwortete ihm wahrheitsgemäß, dass ich nur ein Reisender war und niemandem etwas tun wollte.
Er schien mir zu glauben, denn er ließ die Waffe sinken und stellte sich vor. Evan King, er schien hier das sagen zu haben. Er erklärte mir, dass Arefu von der "Familie" bedroht wird, dass sich niemand mehr aus dem Haus traut und dass diese Kerle die Brahmins getötet hatten. Innerlich seufzte ich. Problemloser kleiner Auftrag, ja? Ich dachte mir noch, dass ich einfach den Brief abgeben und verschwinden sollte, doch da hörte ich mich schon fragen, ob ich irgendwie helfen könnte.
Er erklärte mir, dass er seinen Posten nicht verlassen könne und bat mich, nach den Bewohnern Arefus zu sehen, ob sie die letzte Nacht gut überstanden hatten. Ich stimmte zu, ich wollte ja sowieso die Familie West finden.
Ich ging zur ersten Hütte, ähnlich gebaut wie die in Megaton, Metallplatten von Metallstreben, rostigen Schrauben und viel gutem Willen zusammengehalten. Ich klopfte an. Nach einem Augenblick erklang eine Stimme, die mich fragte, ob ich das Magazin bringen würde, dass sie bestellt hatte. Nach einem kurzen Was-um-alles-in-der-Welt-Moment gab ich an, das Magazin zu bringen. Die Tür öffnete sich und ich sah mich einer Frau gegenüber, die - nunja - nicht ganz so helle schien. Sie sah mich erwartungsvoll an, doch ehe ich etwas sagen konnte, kam ein Mann zur Tür, der erst die Frau anfuhr, was ihr einfiele, die Tür zu öffnen, dann mich nur unwesentlich freundlicher fragte was ich wollte.
Ich erklärte ihm, dass Evan King mich schickte, nach dem rechten zu sehen und ausrichten ließ, dass sie sich weiter in ihren Häusern einschließen sollten. Der Mann, der sich als Mr. Ewers vorstellte, teilte mir mit, dass alles in Ordnung war, meckerte kurz darüber, dass King nichts tat, um die Bedrohung abzuwenden und schloss mir dann wieder die Tür vor der Nase.
Ich ging zum zweiten Haus.
Dieser Bewohner war intelligenter, er weigerte sich auch mir die Tür zu öffnen und ich konnte ihn im Stillen nur dafür loben. Die Frau stellte sich als Mrs. Schenzy vor, versicherte mir, dass alles in Ordnung war und konnte sich ebenfalls eine bissige Bemerkung über Evan Kings Methoden nicht verkneifen.
Als ich von der Tür zurück trat fiel mein Blick in östliche Richtung, wo die Sonne inzwischen ein wenig höher stand und den blassen Himmel in ein warmes Gelb tauchte. Ich trat an die Mauer, die den Highway begrenzte, sah hinab. So trostlos der Anblick des kargen Landes mit seinen toten Bäumen und ausgebrannten Fahrzeugskeletten auch war, so schön war das sich leicht kräuselnde Wasser, das die Sonnenstrahlen reflektierte, so verlockend der Ferne Horizont, der grenzenlose Freiheit versprach, wenn man denn lange genug lebte, ihm entgegen zu laufen.
Ich merkte, wie diese Aussicht mich beruhigte und blieb einige Minuten dort stehen, sah gedankenverloren in die Ferne. Ich ließ die warmen Sonnenstrahlen, die sich selbst noch durch meine geschlossenen Augenlider brannten, die letzten Erinnerungen an die beklemmende, düstere Vault in den Hintergrund drängen.
Als ich mich schließlich abwandte, die Augen wieder öffnete, tanzten bunte Lichtpunkte in meinem Sichtfeld herum und ich blinzelte ein paar Mal im vergeblichen Versuch, ihr Verschwinden zu beschleunigen.
Ich ging zum nächsten Haus, die Tür war verschlossen und auch nach mehrmaligem Klopfen und Rufen war nichts zu hören. Mir kam der Gedanke, dass das das Haus von Evan King sein könnte und ging weiter, zum letzten Haus.
Wieder klopfte ich, doch diesmal gab die Tür unter meinem Klopfen nach und schwang ein paar Zentimeter nach innen auf. Ich hatte keine Zeit, mich angemessen darüber zu wundern, denn durch den Spalt dran abermals Verwesungsgestank, nicht so stark wie bei den Brahmins, doch durch den Verdacht, den er erweckte, tausend Mal schlimmer.
Auch wenn alles still war trat ich zur Seite, ehe ich der Tür einen Stoß gab und sie ganz aufschwingen ließ. Ich lauschte. Nichts.
Nach ein paar Sekunden nahm ich meinen Mut zusammen und trat ein. Die Hütte war nicht groß, der Anblick traf mich sofort, wie ein Schlag. Getrocknetes Blut hatte große Teile des Hüttenbodens rotbraun gefärbt. Zwei Leichen lagen dort. Er zusammengekrümmt auf dem Boden, inmitten der Blutlache, sie ausgestreckt auf dem Bett, auf der Matratze, die sich ebenfalls voll Blut gesogen hatte. Ich blickte mich hektisch um. Nichts. Niemand. Ich steckte die Waffe, die ich vorsichtshalber gezogen hatte, wieder weg und trat an die nächste Wand, so weit weg von den Toten wie möglich.
Ich versuchte die Szene so neutral wie möglich zu betrachten, herauszufinden, was passiert war, doch mein Herz, das mir im Hals zu stecken schien und mein Magen, der am Überlegen war, ob er das Yao Guai Fleisch wieder hergeben sollte, ließen mich nicht darüber hinwegsehen, dass das hier vermutlich Lucys Eltern waren. Es war das letzte Haus in Arefu und ich hatte die Familie West bisher nicht gefunden.
Ich dachte an den Brief in meiner Manteltasche, an Lucys unbesorgte Mine, als ich sie fragte, ob sie glaube, dass ihren Eltern etwas passiert war und sie verneinte, und schloss die Finger so fest um das Bettgestell, neben dem ich stand, dass es schmerzte.
Schließlich musste ich den Blick einen Moment abwenden, atmete möglichst ruhig und tief durch und sah mich nach anderen Hinweisen um. Ich fand nichts. Das einzige, was ich bemerkte, war die Tatsache, dass sich in dem winzigen Raum drei Betten befanden, aber nur zwei Leichen. Wohnte hier noch jemand? Und falls ja, wo war er?
Der Gedanke daran, dass eine weitere Person vielleicht noch nicht tot war, vielleicht noch gerettet werden konnte, war es, was mich den Blick wieder auf die Leichen richten ließ. Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie erst seit dieser Nacht tot waren, wer weiß, wie lange die Leute sich schon, jeder für sich, in ihre Hütten eingeschlossen hatten.
Es kostete mich eine Menge Überwindung, mich den Toten zu nähern, neben ihnen in die Hocke zu gehen, sorgsam darauf bedacht, nicht mit dem Blut in Berührung zu kommen, auch wenn es sowieso getrocknet war und meine Kleidung nicht beschmutzen würde. Mit so wenig Kontakt wie möglich versuchte ich den Kopf des Mannes zur Seite zu drehen, um einen besseren Blick auf seine Verletzungen haben zu können. Schnell zog ich die Hand zurück, als ich feststellte, dass er noch ganz steif war, schon diese kurze Berührung eines Körpers, der eigentlich warm und lebendig sein sollte, ließ mir einen Schauer den Rücken hinunter laufen.
Irgendetwas kam mir trotzdem komisch vor. Durch das viele Blut war es erst schwer zu erkennen, doch ich fand keine Schussverletzungen, keine Schnitte, stattdessen war die Kehle des Mannes vollkommen zerfetzt. Mein Magen meldete sich wieder, ein wenig eindringlicher als zuvor, doch ich kämpfte dagegen an. Ich konnte mir keine Waffe vorstellen, die eine solche Verletzung hervorrufen könnte, es sah eher aus, als hätte ihm jemand den Hals zerbissen.
Diese Erkenntnis war genug, ich beeilte mich, wieder auf die Beine zu kommen, schwankte zur Wand zurück und stützte mich ab, eine Hand vor den Mund gepresst. Noch einmal schaffte ich es, sehr knapp, mein Frühstück bei mir zu behalten, doch ich wollte mein Glück nicht herausfordern, die Leiche der Frau besah ich mir nur kurz, und nicht aus nächster Nähe. Es sah genauso aus.
Ich ging zur Tür zurück, blickte dann noch einmal in den Innenraum. Drei Betten, zwei Leichen und soweit ich sehen konnte nur zwei Blutlachen, kein Anzeichen dafür, dass hier noch jemand verletzt worden war. Aber was könnte dann passiert sein? War er vielleicht verschleppt worden, oder geflohen und versteckte sich nun irgendwo? Ich würde es nicht herausfinden, indem ich hier stehen blieb.
Ich zog die Tür hinter mir zu und ging zu Evan King zurück, um ihm die schreckliche Nachricht zu überbringen.
Er war ziemlich geschockt, doch der Schreck wurde schnell zu Wut auf die "Familie". Ich weiß noch immer nicht, was das sein soll, die "Familie", vielleicht eine Art Raiderbande? Doch Evan King scheint überzeugt zu sein, dass sie es waren. Außerdem bestätigte er natürlich meinen Verdacht, dass es sich bei der Familie im letzten Haus um die Wests gehandelt hatte.
Arme Lucy.
Ich dachte daran, dass ich ihr die Nachricht würde überbringen müssen und schluckte leicht. Keine schöne Aufgabe, zum zweiten Mal einem Kind die Nachricht überbringen, dass seine Eltern tot sind, auch wenn sie natürlich älter ist als Bryan, macht es das kein Stück besser.
Ich sprach King auf die merkwürdigen Verletzungen an und er war ratlos. Vielleicht hatten sie einen Hund dabei, schlug er vor. Das konnte ich mir schwer vorstellen. Einen Hund, ein Kampf, und niemand will etwas gehört haben?
Doch was viel wichtiger war, ich sprach ihn auf das dritte Bett an und er war erstaunt, dass ich nur zwei Leichen gefunden hatte. Der Sohn, Ian, fehlte!
King konnte sich das nicht erklären, er vermutete etwas ähnliches wie ich: Dass die "Familie" den jungen Mann entführt hatte. Ich hatte mich schon entschieden, Ian zu suchen, ehe King mich überhaupt darum bitten konnte. Ich fragte ihn weiter aus, woher die Familie kam, wo ich suchen sollte, doch er war alles andere als hilfreich, mehr als dass sie jedes Mal aus Osten oder Nordosten kommen und ein paar Orte, wo sie sich vielleicht, eventuell, möglicherweise aufhalten könnten, konnte er mir nicht verraten, auch nicht die Orte auf meiner Karte zeigen.
Hamiltons Schlupfwinkel, im alten Moonbeam-Kino oder in der Metrostation Northwest Seneca - wo auch immer diese Orte sein sollten. Frustriert gab ich mich wohl oder übel damit zufrieden. Ich würde auf gut Glück nach Nordosten gehen müssen.
Ich beschloss allerdings, zuerst die anderen Einwohner zu befragen, vielleicht konnte mir einer von ihnen noch irgendeine nützliche Beobachtung mitteilen. Ich ging von Haus zu Haus, doch niemand hatte etwas bemerkt, alle waren nur entsetzt, Mrs. Schenzy, die mich nun sogar einließ, überlegte sogar, Arefu zu verlassen. Ich versprach ihr, mich darum zu kümmern, Ian zu suchen und bat sie, sich vorerst wieder einzuschließen. All das half mir nicht weiter, ich würde mich einfach auf die Suche machen müssen.
Vorher zog ich mich jedoch hinter eine der Hütten zurück, nutzte das Tageslicht und die Sicherheit der Siedlung, meine Rüstung auf Schäden zu überprüfen. Zum Glück hatte sie den gestrigen Tag besser überstanden als meine Rippen, ich konnte außer Dreck und ein paar neuen Löchern im Stoff nicht feststellen, nichts, das mich beeinträchtigte.
Ähnlich verfuhr ich mit den Waffen, ich überprüfte alle, auch die, die ich tags zuvor den Söldnern abgenommen oder in der Vault gefunden hatte. Sie schienen alle funktionstüchtig zu sein. Ein Gewehr, für das ich keine passende Munition hatte, legte ich zur Seite, ich wollte keine unnötige Last mitschleppen. Ich packte die Schrotflinte in den Rucksack, gestern hatte ich eine neue Pistole gefunden, die mir lieber war. Zwar waren ihre Kugeln genauso tödlich, die Wirkung jedoch weniger verheerend.
Seitlich an den Rucksack band ich dann das Sturmgewehr und eine große Flinte, den Rest stopfte ich hinein, wie immer hielt ich außerdem ein paar Granaten und Notfallmedikamente in meinen Taschen bereit.
Schließlich war ich fertig, setzte den Rucksack auf, verließ Arefu und sah auf meine Pip-Boy-Karte, sobald ich wieder festen Ödlandboden unter den Füßen hatte. Osten oder Nordosten. Fürs erste ging ich auf das Gewässer zu, das ich von Arefu aus gesehen hatte, dann am Ufer entlang nach Norden, ich wollte lieber einen Anhaltspunkt für meine Richtung haben, als schon wieder querfeldein zu laufen. Eine rasche Bewegung im Wasser ließ mich dann jedoch schnell den Abstand zum Ufer vergrößern; an einem Steg meinte ich ein Mirelurk-Gelege gesehen zu haben und auf eine weitere Begegnung mit diesen Viechern konnte ich gut verzichten.
Unbehelligt kam ich voran bis das Gewässer vor mir zuende zu sein schien. Vielleicht beschrieb es auch einfach nur eine weite Biegung, auf jeden Fall würde ich mich nun von seinem Ufer entfernen müssen. Vor mir ragte ein Steg auf, ein paar einfache Holzstufen führten auf einen Hügel hinauf.
zuerst untersuchte ich den Steg, fand ein paar Kisten unter ihm, in diesen jedoch nicht viel brauchbares, immerhin ein wenig Munition.
Was ich auf dem Steg entdeckte war weniger erfreulich. Ein Skelett lag dort, neben ihm ein Teddybär, Nahrungsmittel, Getränkedosen. Ein gespenstischer Anblick und ich kam nicht umhin mich zu fragen, wie diese Person wohl gestorben war, wie sie gelebt hatte. Ich wandte mich von dem bedrückenden Anblick ab, ehe er meine Stimmung noch weiter drücken konnte.
Ein kurzer Blick auf die Karte verriet mir, dass die Stufen genau in Richtung Nordosten führten, also machte ich mich daran, den Hügel zu erklimmen.
Oben angekommen wurde mir schnell klar, dass ich den ersten beschriebenen Ort gefunden hatte. Picknicktische standen dort, Geschirr und Flaschen lagen herum, Spielzeug lag ebenfalls auf dem Boden, daneben ein Grill, seit zweihundert Jahren unbenutzt. Einige hundert Meter entfernt ragte eine Leinwand in den Himmel hinein, verdrecktes Weiß, davor eine Ansammlung von Autowracks, alle in die gleiche Richtung zeigend. Ich erinnerte mich daran, was ein "Kino" war, so etwas ähnliches wie ganz großes Fernsehen. Dann war das hier also das Moonbeam-Kino und ganz offensichtlich war niemand außer mir hier.
Trotzdem durchsuchte ich den Platz gründlich, spähte in die Autos, hinter die Leinwand, doch in fand nichts. Also ging ich weiter in Richtung Nordosten.
Ich kam wieder an ein Gewässer, ich bin mir nicht sicher, ob es das gleiche wie zuvor war, gehe aber davon aus. Ich ging eine Weile am Ufer entlang, auf eine Brücke zu, doch als ich nah genug heran gekommen war sah ich, dass sie zerstört war, gute fünfzehn Schritte Luft trennten mich vom anderen Ufer. Trotzdem trat ich auf sie hinaus, ging bis etwa zur Mitte und sah hinüber. Auf der anderen Seite konnte ich ein Gebäude erkennen, es sah irgendwie merkwürdig aus, nicht so rechteckig wie die normalen Häuser, stattdessen erhob sich eine Seite doppelt so hoch wie der Rest, in einer Art Turm. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, fand jedoch, dass das Gebäude hübsch aussah. Ich sah nach rechts, nach links und bemerke zu meiner Linken, an einer Stelle, die ich am Ufer gerade passiert hatte, eine weitere Möglichkeit - zumindest hoffte ich es - den Fluss zu überqueren.
Felsen türmten sich dort auf, schienen einen sicheren Weg auf die andere Seite zu bilden, vielleicht durch eine Explosion aufgeschüttet, vielleicht vom Wasser selbst im Laufe der Zeit angeschwemmt. Gerade als ich beschlossen hatte, mein Glück an dieser Stelle zu versuchen, ließ mich ein Geräusch herumfahren.
Ich hatte den Mirelurk nicht kommen hören, auf einmal stand er da, kaum mehr als zehn Meter hinter mir. Der blasse Chitinpanzer glänzte noch feucht, vermutlich war er gerade aus dem Wasser gekrochen, und seine mörderischen Zangen schnappten bedrohlich. Ich machte mir nicht die Mühe, nach meiner Pistole zu greifen, stattdessen riss ich die Flinte vom Rucksack, zielte und schoss, eine Kugel nach der anderen, während ich zurückwich.
Obwohl jede Kugel traf, schien er kaum langsamer zu werden, ich dagegen musste stehen bleiben, denn hinter mir war nichts mehr, wohin ich noch zurückweichen konnte, die Brücke war zuende, ein weitere Schritt und ich würde in die Tiefe fallen, in das Wasser, und jämmerlich ertrinken. Ich sprintete zur Seite, wollte wenigstens das Geländer im Rücken haben, schoss wieder und begann mich zu fragen, wie viele Kugeln wohl im Magazin Platz hatten bei dieser Waffe. Noch ein Schuss, noch einer, und dann, endlich, kam der Vormarsch dieses Dings ins Stocken. Anscheinend hatte ich endlich eine empfindliche Stelle erwischt und es sank in sich zusammen, blieb reglos liegen.
Das Herz schlug mir bis zum Hals und ich schaffte es erst im dritten Anlauf, das Magazin der Waffe zu öffnen. Eine Kugel noch. Das war mehr als knapp gewesen.
Nachdem ich mich mit einem gründlichen Blick in die Runde versichert hatte, dass keine weiteren Gegner auf mich zukamen, gab ich dem Verlangen meiner zitternden Knie nach und setzte mich einen Augenblick auf den Boden, lehnte mich an die Steinmauer in meinem Rücken, während ich den Rucksack öffnete und nach neuer Munition suchte.
Erst als ich mir sicher war, dass meine Beine mich auch wieder tragen würden, stand ich auf, zog den Rucksack wieder auf und ging zu der Ansammlung von Felsbrocken zurück. Aus der Nähe betrachtet wirkten sie noch gewaltiger und ich begann, Stück für Stück hinauf zu klettern. Ich achtete darauf, nicht abzurutschen oder mir meinen Fuß einzuklemmen und kam deswegen nur langsam voran, doch immerhin kam ich auf der anderen Seite an. Hier hatten die Felsen ein altes Schiff eingekeilt, es schien fast nur noch aus Rost zu bestehen, doch ein paar Kisten waren noch intakt. Wieder durchstöberte ich sie, fand Munition, Energiezellen, Medikamente und Granten, ein guter Fund. Als ich dann den steinernen Damm wieder hinabstieg hatte ich über diesen Fund die kurze Begegnung mit dem Mirelurk schon fast wieder vergessen.

Ich lief am Ufer entlang, bis ich die Brücke wieder erreicht hatte, nur diesmal von der anderen Seite. Einen Augenblick lang sah ich in die Richtung zurück, aus der ich gekommen war, dann wandte ich mich ab und folgte der Straße weiter. Ich kam an einem kleinen, beschädigten Unterstand vorbei, näherte mich dem komischen, hübschen Gebäude immer weiter, es schien auf einer Seite von seltsamen, von Menschen geformten Steinen umgeben zu sein. Sie waren flach, oval und standen alle aufrecht. Die Neugier darüber ließ mich für einen Augenblick fast meinen eigentlichen Auftrag vergessen.
Dann brach die Hölle los.
Ich sah die Rakete nicht kommen, sie traf ein Autowrack nur einige Schritte vor mir, ließ es in einem Feuerball explodieren und scharfkantige, heiße Metallsplitter auf mich hinabregnen, als ich zu Boden geschleudert wurde. Einen Moment lang war ich benommen, begriff ich gar nichts mehr, dann übernahm mein Instinkt die Kontrolle, ich kroch zur Seite, so schnell ich es mit dem Rucksack konnte, auf einen großen Schatten zu, der sich als Bus entpuppte. Ich schmeckte Blut und Asche auf meinen Lippen, doch meine Brille hatte meine Augen geschützt, auch sonst schien ich nicht nennenswert verletzt zu sein.
So nützlich die Brille gewesen war, so sehr behinderte sie mich jetzt, sie war voller Dreck und Blut und ich zog sie ab, steckte sie blind in irgendeine meiner Taschen. Ich zog den Rucksack aus, lehnte ihn an den Bus, nahm das Sturmgewehr ab und entsicherte es, während ich angestrengt lauschte.
Wer griff mich hier an, aus welcher Richtung kam er, verfolgte er mich oder wartete er darauf, dass ich meine Deckung verließ?
Ich erahnte die Schritte eher, als dass ich sie hörte, doch ich hatte keine Wahl als mich darauf zu verlassen, ich schlich in die andere Richtung, bis zum Ende des Busses, halb um die Ecke herum, wartete, ich musste wissen, mit wem ich es zu tun hatte. Ein Schritt, noch einer, eine Silhouette kam hinter dem anderen Ende des Busses hervor. Als ich erkannte, was für ein Wesen es war, das auf mich geschossen hatte, hatte ich das Gefühl, dass mir das Blut in den Adern gefrieren würde.
Und als wäre ein Mutant nicht genug, hörte ich noch immer Schritte, obwohl dieser hier stehen geblieben war, mich - da bin ich mir sicher - bösartig anstarrte und seine Waffe hob.
Ich dachte an alles, was ich mit dem Anblick dieser Mutanten verband. Ich dachte an meinen ersten Versuch, D.C. zu betreten, daran, wie ich schon damals fast gestorben wäre; ich dachte an meinen Besuch in Canterbury Commons, ich dachte an die Frau, die gestorben war und die Angst lähmte mich fast, ließ mich nicht klar denken. Ich wollte nur noch wegrennen, doch der kleine Funken Verstand in mir, der noch arbeitete, machte mir klar, dass es Selbstmord wäre, vor zwei Monstern mit Raketenwerfern übers freie Feld davonzulaufen.
Ich zog mich ruckartig zurück, gerade als der Mutant wieder feuerte. Das Geschoss sauste an mir vorbei, schlug irgendwo weit hinter mir ein, ich dachte nicht einmal daran, mich umzusehen. Eigentlich gab es nur eine Möglichkeit, sie oder ich und ich machte mir keine Illusionen darüber, wie gut es um meine Chancen stand. Ich zögerte nicht, dachte nicht darüber nach, wie kurz ich wohl davor war, in feinen Sprenkeln in der Landschaft verteilt zu werden, ich trat wieder aus meiner Deckung, hielt mich nicht lange mit zielen auf, schoss einfach drauflos, diese Biester boten ja wirklich genug Fläche.
Ich traf auch, doch wie zuvor bei dem Mirelurk schien es den Mutanten kaum zu stören, er knurrte ärgerlich, hob seinen Raketenwerfer wieder, legte die nächste Rakete in den Lauf, ich hörte die Schritte hinter mir näher kommen und kam dann endlich auf einen Gedanken, der mir wohl das Leben gerettet hat. Ich hörte auf, wie wild auf seinen Körper zu schießen, ich zielte stattdessen auf seinen Arm, auf seine Hand und auf die Waffe und tatsächlich, er ließ sie fallen. Er knurrte diesmal nicht nur ärgerlich sondern auch schmerzerfüllt, ein halbes Dutzend Kugeln in einer Hand schien sogar ihn mehr als nur zu jucken, doch mir blieb keine Zeit, mich zu freuen. Von hinten kam ein Hitzeschwall auf mich zu, ich rannte los, doch ich war nicht schnell genug, die Flammen streiften mich, ich roch verbrannten Stoff, verbrannte Haare, schrie auf, als das Metall meiner Rüstung glühend heiß wurde. Ich rannte direkt auf den ersten Mutanten zu, sprang nach vorne, als er sich endlich schwerfällig nach seinem Raketenwerfer bücken wollte, kam ihm zuvor, umklammerte das Ding mit beiden Händen, als mich ein Faustschlag in die Seite traf. Mir blieb keine Luft zum schreien, meine Zähne schlugen aufeinander und ich schmeckte mehr Blut, doch ich ließ den Raketenwerfer nicht los, nutzte stattdessen den Schwung des Hiebes, den ich eingesteckt hatte, um zur Seite zu rollen, einmal, zweimal, noch einmal, dann griff ich ihn richtig, ohne überhaupt aufzustehen. Ich hatte keine Zeit, die Möglichkeiten abzuwägen, ein Gegner war direkt hinter mir, der andere bewaffnet, ich entschied mich für den bewaffneten, hob den Raketenwerfer und schoss.
Der Rückstoß riss mir fast den Arm ab, zumindest fühlte es sich so an, doch ich traf und der zweite Mutant wurde regelrecht zerfetzt.
Dafür hatte der erste mich inzwischen eingeholt und mich traf noch ein Schlag, ich ließ den für mich jetzt nutzlosen Raketenwerfer fallen, krümmte mich zusammen und versuchte, nach hinten zurückzuweichen, schaffte es irgendwie, dem nächsten Hieb auszuweichen, jedoch nicht, auf die Beine zu kommen. Ich krabbelte weiter, auf den Bus zu, die einzige Deckung, die für mich erreichbar schien, aber ich war zu langsam, spielerisch hielt der Mutant mit mir Schritt, trat nach mir und ich konnte hören, wie mein Bein brach, meine Kraft verließ mich, meine Arme gaben unter mir nach und ich stürzte mit dem Gesicht voran auf den Boden.
Einen ganz kurzen Augenblick lang wollte ich einfach aufgeben, liegen bleiben, ich hatte keine Kraft mehr, keine Waffe, keine Chance, doch dann spürte ich in den Taschen meiner Rüstung etwas hartes, erinnerte mich an die Granaten. Noch einmal schaffte ich es, mich weit genug aufzurichten, dass ich mit einer Hand eine Granate aus der Tasche ziehen konnte. Der Mutant hatte nicht noch einmal zugetreten, vielleicht wollte er mich leiden sehen, vielleicht lieber den Raketenwerfer holen und mich in Fetzen sprengen, ich weiß es nicht, doch es war meine Chance. Ich entsicherte die Granate und auch wenn mir klar war, dass er sich viel zu nah bei mir befand, warf ich sie, ein Stück hinter ihn. Ich versuchte noch, zur Seite zu rollen, ehe die Granate explodierte, doch ich schaffte es kaum, wenn der Mutant nicht einen Großteil der Energie abgefangen hätte, hätte die Druckwelle mich noch voll erwischt. Auch so bekam ich noch genug ab, mir wurde schwarz vor Augen, als die Explosion über mich hinweg fegte, mein gebrochenes Bein verdrehte, doch ich kämpfte dagegen an, das Bewusstsein zu verlieren. Ich ahnte schon, dass das nicht genug gewesen war, dem Ding den Rest zu geben und holte noch ehe ich mich mühsam aufstützte eine weitere Granate aus meiner Tasche. Der Mutant war schwer getroffen, doch er lebte noch. Ich robbte mit den Armen und dem unverletzten Bein noch ein Stück zurück, schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen, doch ich konnte noch genug sehen, dann warf ich die zweite Granate und bereitete auch diesem Mutanten ein Ende.
Ich ließ mir keine Zeit, mich zu erholen, ich kroch zurück zum Bus und lehnte mich dagegen, durchwühlte meinen Rucksack, fand die Schmerzmittel und weitere Medikamente, von denen ich mir erhoffte, dass sie meinen Kreislauf lange genug beisammen halten konnten, bis ich einen Platz gefunden hatte, an dem ich halbwegs sicher war. Während ich darauf wartete, dass das Zeug wirkte, versuchte ich eine halbwegs erträgliche Position für mein Bein zu finden; vergeblich.
Ich dachte an das hübsche Gebäude und dass es der vermutlich einzige Unterschlupf in für mich erreichbarer Nähe war; andererseits auch vermutlich der Unterschlupf dieser Mutanten, und wenn es mehr als zwei gewesen waren, würde der Rest dort auf mich warten. Doch ich würde nicht weit kommen und hier konnte ich auch nicht bleiben, wenn sie mich fanden, wenn ich nicht bei Bewusstsein wäre... Himmel, auch wenn ich bei Bewusstsein wäre, ich glaubte nicht, es in diesem Zustand auch nur mit einer Maulwurfsratte aufnehmen zu können.
Ich wagte es nicht, die Augen länger als einen Moment zu schließen, meine Ohren klingelten noch immer so laut von den ganzen Explosionen, dass ich Angst hatte, sich nähernde Schritte überhaupt nicht hören zu können.
Als die Schmerzmittel endlich zu wirken begannen, hatte ich bereits einen wahnwitzigen Plan gefasst. Ich kroch, das verletzte Bein nutzlos hinter mir her schleifend, zu dem toten Mutanten, der den Raketenwerfer benutzt hatte. Es war kein schöner Anblick, das war er von Anfang an nicht gewesen, doch die zweite Granate hatte ihn fast in Stücke gerissen. In den Überresten seiner Rüstung fand ich jedoch, was ich suchte; zwei weitere Raketen.
Ich steckte sie ein, kroch weiter zum Raketenwerfer und schleppte ihn hinter mir her zum Bus zurück. Dort steckte ich zuerst eine der Raketen in den Raketenwerfer.
Ich würde versuchen müssen, das Gebäude zu erreichen und ich musste so gut es ging vorbereitet sein. Ich stopfte alle Schmerzmittel und alle Granaten aus meinem Rucksack in meine Rüstungstaschen, zumindest in die, die noch nicht aus Fetzen bestanden, packte den Raketenwerfer und die Flinte so, dass ich sie hinter mir herziehen konnte und machte mich langsam, sehr unelegant und alles andere als unauffällig auf den Weg zum Gebäude.
Der Boden war übersät mit Steinen und den Metallsplittern des explodierten Autos, ich zerstörte mir das, was von den Beinen meiner Rüstung noch übrig war und meine Handflächen schmerzten schon nach den ersten Metern. Ich ließ mich davon nicht beirren, schlich mich weiter, so gut es eben geht, wenn man zwei Waffen hinter sich herzerrt und meine Vorsicht erwies sich als begründet.
Hatte ich gestern noch gesagt, dass der Yao Guai das widerlichste Biest war, das mir je begegnet ist? Was da zwischen vertrocknetem Dornengestrüpp und komischen, vertikalen Steinen auf mich zukam, ich weiß nicht, ob sich das noch übertreffen lässt. Es war vielleicht nicht einmal das Aussehen an sich - auch wenn das schon ekelhaft genug war - nein, es war die Tatsache, dass dieses Ding aus menschlichen Körperteilen zu bestehen schien. Es bewegte sich auf vier Händen vorwärts, ob sich dahinter noch weitere Körperteile verbargen, konnte ich nicht erkennen. Auf einem verkrüppelten Körper, dem wiederum die Arme zu fehlen schienen, saß ein hässlicher Kopf, der nur entfernt menschlich wirkte und aus dessen Mund - Maul? - irgendetwas heraushing. Ich konnte es einfach nur anstarren, unfähig, mich zu rühren, ich vergaß über meinem Entsetzen sogar, die Waffe zu nehmen.
Dieses Ding kam noch ein paar Schritte näher, dann blieb es stehen und dann... dann spuckte es irgendetwas auf mich. Schleim legte sich auf meinen linken Ärmel, fraß sich durch die Rüstung, brannte sich in meinen Arm und ich erwachte endlich aus meiner Starre. Ich versuchte es gar nicht erst mit der Flinte, ich hob den Raketenwerfer hoch, zielte und schoss, diesmal halbwegs auf den gewaltigen Rückstoß gefasst. Was immer das für ein Ding gewesen war, einen Augenblick später regente es in Einzelteilen auf das Dornengestrüpp hinunter. Ich nahm die letzte Rakete, legte sie in den Raketenwerfer und kroch weiter.
Schließlich hatte ich fast das Gebäude erreicht, ich hielt mich in einem Winkel, der es unmöglich machte, mich von drinnen mit irgendetwas zu erschießen, dann grübelte ich. Ich musste davon ausgehen, dass sich dort drinnen noch jemand befand, alles andere wäre mehr als leichtsinnig gewesen. Ich wartete.
Als sich auch nachdem ich einige Minuten gewartet hatte, niemand zeigte, wurde ich ungeduldig. Ich hätte nicht übel Lust gehabt, einfach eine Granate durch das zerstörte Dach zu werfen, doch ich wollte nicht das Risiko eingehen, dass sich dort drinnen jemand befand, der kein Mutant war - egal wie klein es auch sein mochte. Stattdessen nahm ich eine Granate, bedauerte kurz die Verschwendung und warf sie dann in Richtung des Eingangsbereichs. Die Explosion, die darauf folgte, würde hoffentlich jeden herauslocken, sonst würde ich es riskieren müssen und zum Eingang gehen oder das Gebäude umrunden und damit selbst zur Zielscheibe werden.
Zum Glück kam es nicht soweit.
Einige Sekunden nach der Explosion nahm ich eine Bewegung wahr, hob den Raketenwerfer und in dem Moment, als der Mutant aus dem Gebäude trat, hatte ich schon den Abzug betätigt. Der Mutant wurde noch zwei Meter weit mitgerissen und dann mitsamt des Baumstamms, gegen den er geprallt war, in Stücke gerissen.
Ich ließ den Raketenwerfer fallen, nahm die Flinte, wartete noch einige Minuten, doch es kam nicht noch jemand aus dem Gebäude. Ich musste es jetzt riskieren.
Möglichst leise, was mit nur einer Waffe wesentlich leichter war, kroch ich zum Eingang, nahm allen Mut zusammen und sah um die Ecke. Nichts. Der Raum war auf den ersten Blick leer und ich sah auch keinen Ort, an dem ein Wesen von der Größe eines dieser Mutanten sich hätte verstecken können.
Ich atmete erleichtert auf, zog mich komplett in den Raum und sah mich um. Es befanden sich kaum Möbel darin, zwei umgestürtzte Tische, ein Pult, ein Regal, ein paar Einkaufswagen. Ich sah genauer hin, erstarrte kurz, dann robbte ich so schnell ich konnte zu den Wagen. Nicht Wagen, Käfige. Je zwei Einkaufswagen waren mit Stacheldraht zusammengebunden worden. Neben ihnen lag die Leiche eines Mannes, doch in einem der Wagenkäfige saß eine Frau, und diese Frau lebte noch!
Sie sah mich mit großen Augen an und flehte mich leise an, sie zu befreien. Ich nickte, griff nach dem Draht und schnitt mir prompt die Hand daran auf. Ich fluchte leise, atmete einmal tief durch. Es bestand keine unmittelbare Gefahr, also sah ich mich um, entdeckte eine Zange und durchtrennte mit ihr vorsichtig den Draht, ohne mich abermals zu verletzen. Dankbar kroch die Frau ins Freie.
Ich kann mir nicht vorstellen, was diese Mutanten mit ihr vorgehabt haben, und vielleicht will ich es auch gar nicht wissen. Sie bedankte sich immer wieder bei mir, bot mir ihre Ausrüstung an, die in einer Kiste in der Nähe lag, doch ich lehnte ab. Die würde sie selbst brauchen hier draußen. Stattdessen bat ich sie, meinen Rucksack hereinzuholen. Sie stimmte zu und während sie nach draußen ging und ich ihr nachsah fragte ich mich noch, ob es eine so schlaue Idee gewesen war, sie könnte auch einfach damit abhauen, dann säße ich gewaltig in der Klemme. Doch mein Vertrauen wurde belohnt, sie kam so schnell wie möglich zurück, gab mir meinen Rucksack mit allem drum und dran. Diesmal war ich an der Reihe mich zu bedanken.
Sie fragte mich, ob ich noch etwas brauchte, doch ich lehnte dankend ab. Das einzige, was ich gebraucht hätte, wäre ein Arzt gewesen, doch dass sie keine Ahnung von Medizin hat, konnte ich schon an ihrem Blick erkennen. Ich riet ihr, sich einfach so schnell wie möglich auf den Heimweg zu machen, was sie dann, nachdem sie sich noch einmal bedankt hatte, auch tat.
Als sie fort war, sah ich mich genauer um. Dieser Ort war unheimlich. Die Mutanten hatten überall blutige Haufen aufgehängt und ich begann mich ernsthaft zu fragen, was alle Welt hier oben so dekorativ an blutigem, verwesendem Fleisch findet.
Ich fand ein paar Granaten, zwei Bücher, Munition, die zu keiner meiner Waffen passte und steckte alles in meinen Rucksack. Dann nahm ich ihn und meine Waffe, schleppte mich in die Ecke direkt neben der Tür, zog mir den umgestürzten Tisch so zurecht, dass ich mich dahinter verbarrikadieren konnte und breitete meinen Schlafsack aus. Ich hatte keine Chance, diesen Ort heute noch zu verlassen, das war mir klar.
Zuerst leerte ich dann meine Rüstungstaschen, stelle mit Erstaunen und Freude fest, dass meine Brille das ganze - irgendwie - fast unbeschadet überstanden hatte. Ich putzte sie und setzte sie wieder auf.
Ich schaffte es irgendwie, zumindest den oberen Teil meiner Rüstung auszuziehen und begann damit, meine Verletzungen zu versorgen. Die Haut an meinem linken Arm war verätzt, nicht gefährlich tief, aber der Pip-Boy wies mich darauf hin, dass das Zeug, das dieses Monster gespuckt hatte, radioaktiv gewesen war und ich wusch es eilig ab, so gut es ging, wickelte einen Verband darum.
Meinen Rücken tastete ich nur kurz ab; die Haut war überaus empfindlich, vermutlich knallrot und würde sich wohl in ein paar Tagen schälen, doch es war keine schlimme Verbrennung; ich beschloss, es erst einmal zu ignorieren.
Als nächstes tastete ich mich von Kopf bis Fuß ab, konnte jedoch keine weiteren Brüche entdecken, überlegte nur, ob ich Wetten mit mir selbst abschließen sollte, ob ich morgen eher dunkelrot oder eher bläulich aussehen würde.
Schließlich kam ich zu meinem Bein; es schien ein einfacher Bruch zu sein, mit zusammengebissenen Zähnen, da das trotz der Schmerzmittel kein Spaß war, versuchte ich, die Knochen in die richtige Position zu bringen, dann wickelte ich mit ein paar langen, schmalen Holzbrettern eine Schiene darum. Ich hoffte nur, mit Hilfe des Stimpacks würde alles richtig zusammenwachsen, ich konnte mir nur zu gut vorstellen, mit welcher Begeisterung der Doc alles nochmal brechen würde.
Als ich fertig war, zwang ich mich dazu, einen Schluck Wasser zu trinken, dann goss ich ein wenig auf ein Tuch und wischte mir den Schmutz und das Blut aus dem Gesicht und von den Händen. Von den ganzen Medikamenten war mir übel und ich verspürte nicht das Bedürfnis, etwas zu essen. Stattdessen nahm ich eines der gefundenen Bücher zur Hand, ich hatte sowieso keine andere Wahl als abzuwarten und schlafen wollte ich noch nicht.
Ich las das ganze Buch, fast ohne Pause, auch wenn es eigentlich nicht besonders interessant war, selbst für ein Vorkriegsbuch. Eine irgendwie verstörende Geschichte, in der Menschen vorkamen, die das Blut anderer Menschen tranken, sich durchs ganze Land jagten, kämpften und die Köpfe abschnitten. Am Ende war ich eigentlich nur verwirrt, doch ich schob es auf die Medikamente, holte stattdessen mein Tagebuch heraus.
Die letzten Stunden habe ich nur geschrieben, heute habe ich noch länger gebraucht als sonst, aber das ist gar nicht so schlecht, denn jetzt ist es so spät, dass ich schlafen kann. Wenn ich viel Glück habe, bleibe ich heute Nacht unbehelligt und kann morgen mein Bein wieder vorsichtig belasten.
Gerade wollte ich das Tagebuch weglegen, da ist mir eingefallen, was das hier für ein Ort ist, also will ich das noch schnell festhalten. Ein Friedhof. Oder eher, das da draußen ist ein Friedhof, die vielen Steine stehen jeweils für einen Menschen, der unter ihnen begraben liegt. Ein Ort, an den die Menschen gegangen sind, um sich an ihre Toten zu erinnern; zu einer Zeit, als es noch mehr Lebende als Tote gab.
Dann ist das Gebäude, in dem ich mich befinde, also wohl eine Kirche. Ein Ort, an dem die Menschen früher zu Gott gebetet haben, statt in einem verseuchten Tümpel zu einer tödlichen Bombe.
Vielleicht habe ich ja Glück und heute Nacht wacht irgendjemand über mich. Auch wenn ich nicht so recht daran glaube. Wenn es ihn gibt, wie hätte er zulassen können, dass wir seine Welt so sehr zerstören.