You are not logged in.

Dear visitor, welcome to Ei der Zeit. If this is your first visit here, please read the Help. It explains in detail how this page works. To use all features of this page, you should consider registering. Please use the registration form, to register here or read more information about the registration process. If you are already registered, please login here.

41

Wednesday, February 15th 2012, 8:51pm

Die nächste halbe Stunde durchstöberte ich die Häuser, während Sam in den Ruinen jedem Staubkorn nachjagte und den merkwürdigen Roboter verwirrt anbellte, was diesen jedoch nicht zu interessieren schien. Ich beeilte mich ohnehin, aus seiner unmittelbaren Nähe fort zu kommen, sein Radioprogramm machte mich wahnsinnig. Schließlich hatte ich mich für einen Ofen entschieden, der am vielversprechensten aussah und stand schon dem nächsten Problem gegenüber: Es kostete mich eine Viertelstunde, ihn auch nur aus der Tür des Hauses heraus zu schieben, nach Megaton würde ich ihn alleine nicht bekommen. Ich würde Hilfe brauchen.

In Gedanken ging ich die Bewohner von Megaton durch. Moira? Eher würde ich ihn zwei Tage lang Zentimeter für Zentimeter selbst zurück schieben. Sheriff Simms? Irgendwie war mir nicht wohl bei dem Gedanken. Ich war ihm schon gestern begegnet, hatte mich bei ihm vorsichtshalber für mein Verhalten entschuldigt, auch wenn ich mich an keine Konfrontation mit ihm erinnerte. Er hatte die Entschuldigung einfach angenommen und mich verständnisvoll angesehen. Vermutlich hatte er selbst auch schon einiges erlebt und konnte irgendwie nachvollziehen, wie es mir gegangen war.
Dann dachte ich an Gob und seufzte leise auf. Bei ihm hatte ich mich noch nicht entschuldigt. Ich erinnerte mich dunkel daran, ein wenig ausfallend geworden zu sein, als er sich geweigert hatte, mir weiteren Alkohol zu verkaufen. Hoffentlich hatte Moriarty ihn nicht dafür bestraft. Ich ließ den Ofen Ofen sein, rief nach Sam und machte mich abermals zurück auf den Weg nach Megaton.

Dort betrat ich sofort den Saloon, ging zur Theke, ein Kloß hatte sich in meinem Hals gebildet, mir war gar nicht bewusst gewesen, wie wichtig mir seine Freundschaft war. Falls man das überhaupt so nennen konnte. Doch er war so ziemlich der einzige Einwohner Megatons, mit dem ich ab und an ein paar freundliche Unterhaltungen gehabt hatte, die über belanglose Floskeln heraus gegangen waren.
"Gob", sprach ich ihn leise an und er warf mir einen undeutbaren Blick zu.
"Ich habe in 30 Minuten Pause", sagte er einfach nur und ich nickte.
Ich ging wieder nach draußen, lehnte mich ans Geländer und wartete. Es waren verdammt lange 30 Minuten.


Als er denn endlich heraus kam, drehte ich mich nur zu ihm um und sah ihn an. Sein Blick verriet noch immer nicht, was er dachte, aber vielleicht bin ich auch einfach nur schlecht darin, die Mimik eines Ghuls zu deuten. Und ich wusste, dass es an mir war, sich zu entschuldigen.
"Gob, es tut mir so leid. Ich erinnere mich nicht genau, aber ich weiß dass ich ein riesen Arschloch war."
Er schwieg weiter und ich seufzte lautlos, meine Finger hielten das Geländer, an dem ich lehnte, fest umschlossen.
"Wenn ich dir irgendeinen Ärger eingebrockt habe, bitte sag es mir, ich will versuchen, es irgendwie wieder gut zu machen."
Wenn Moriarty ihn nun geschlagen oder anderweitig bestraft hatte, wie sollte ich mir das auch noch verzeihen können? Nur weil ich so ein riesiger Depp gewesen war. Ich wollte ihn schon anflehen, endlich zu antworten, als er doch von alleine zu sprechen begann. Er zuckte mit den Schultern, sah an mir vorbei über die Stadt, dann wieder mich an.
"Du hast da draußen", er zögerte kurz, formulierte es dann möglichst ungenau, "etwas erlebt, oder?"
Ich nickte beklommen, war mir nicht sicher, ob ich schon bereit war, darüber zu sprechen. Es war schon schwer genug gewesen, es aufzuschreiben, doch wenn er darauf bestehen würde, würde ich es versuchen. Meine Zustimmung schien ihm jedoch auszureichen. Er trat neben mich ans Geländer und nach einigen Minuten des Schweigens sprach er wieder. Er bedankte sich bei mir dafür, dass ich mich entschuldigt hatte und dafür, dass ich ihn wie einen Mensch behandelte. Ich versicherte ihm traurig, dass er menschlicher war als viele der Menschen, denen ich im Ödland in der letzten Zeit begenet war.

"Beweg deinen verfaulten Arsch hier rein, wenn du nicht noch mehr Schulden haben willst!"
Moriartys Stimme ließ uns beide aufschrecken. Ich konnte sehen, wie Gob nervös wurde.
"Ich muss zurück", stammelte er, doch ihn hielt ihn noch einmal am Arm zurück.
"Wie viel?", fragte ich ihn und als er mich verständnislos anstarrte, wurde ich deutlicher. "Die Schulden. Sag mir wenigstens, was ich zu verantworten habe."
Ich sah, wie Gob zögerte, eh er sich dazu durchrang mir eine Zahl zu nennen. Ich dachte mir nur "was ein verdammtes Arschloch" - und ich meinte nicht Gob - während ich nach dem Beutel mit Kronkorken in meiner Tasche tastete. Ich wusste ungefähr, was sich darin befand, nur ein klein wenig mehr als die Summe, die er mir genannt hatte. Ich musste sie ihm fast gewaltsam in die Hand drücken.
"Bitte nimm wenigstens das", drängte ich ihn und schließlich gab er nach, ließ den Beutel in seine Hosentasche gleiten, nahm danach noch einmal meine Hand und drückte sie dankbar, ehe er nach drinnen eilte. Ich sah ihm mit gemischten Gefühlen nach.

Ich glaube, wenn ich Moriarty einmal dabei erwische, wie er ihn schlägt, kann ich für nichts garantieren.

Ich versenkte die Hände in den Hosentaschen und ging langsam davon. Meine Gedanken wanderten wieder zum Ofen zurück. Auf dem Weg zu meinem Haus begegnete ich Billy Creel, er grüßte mich normal freundlich. Wenigstens einer, mit dem ich mich offensichtlich nicht angelegt hatte. Ich blieb stehen, wechselte ein paar belanglose Worte mit ihm und dann beschloss ich, die Gelegenheit zu nutzen: Ich fragte ihn, ob er mir helfen würde, den Ofen zu tragen. Er stimmte zu.

Gemeinsam gingen wir nach Springvale hinunter, verfolgt von Sam, der ausgelassen um uns herum sprang. Billy fragte mich nach dem Hund und ich erklärte ihm, wie ich ihm begegnet war, ohne die unangenehmen Details meines eigenen Zustands zu diesem Zeitpunkt genauer zu erläutern. Zusammen schafften wir es dann, den Ofen nach Megaton zu schleppen, Billy half mir, ihn bis in mein Haus zu tragen und an eine Wand im großen Zimmer im Erdgeschoss zu stellen. Ich bat ihn, kurz zu warten, lief nach oben und holte ein paar Kronkorken aus meinem Versteck, packte sie in einen leeren Beutel und ging nach unten, um ihm für seine Mühen wenigstens etwas zu geben. Er lehnte entschieden ab. Ich ging noch einmal nach oben, holte einen Teddybären, den ich irgendwo aus irgendeinem Grund eingesteckt hatte und drückte ihn ihm in die Hand. Für Maggie. Diesmal nahm er an, bedankte sich und ließ mich mit meinem neuen Ofen allein.

Die nächsten paar Stunden habe ich damit zugebracht, den Ofen zu reparieren, Teile auszutauschen, neue Zündflammen einzusetzen und ihn zu säubern. Es war spät, als ich damit fertig war, doch ich war ungemein stolz, als ich schließlich einen Topf Wasser auf die Flamme stellen konnte. Ich warf einige Nudeln ins Wasser und muss sagen, dass sie gekocht wirklich wesentlich genießbarer sind. Auch Sam hat sich über einige her gemacht und liegt nun wieder zu meinen Füßen, während ich in mein Tagebuch schreibe.

Was ich in Zukunft mit mir anfangen werde, weiß ich noch nicht. Ich verspüre nicht mehr das Bedürfnis, das Ödland nach Raidergruppen zu durchkämmen, der bloße Gedanke, mich Washington noch einmal zu nähern lässt mich zittern doch einfach hier sitzen und nichts tun kann ich nicht, das weiß ich jetzt schon.

Wer weiß, vielleicht höre ich mir morgen sogar an, was Moira als nächstes von mir will.
Habe ich das gerade tatsächlich gedacht und geschrieben? Ich muss verrückt sein.
Heal My Wounds #stars The Shining Light

» No one’s arguing about the need for a plan.
Your plan is just stupid and won’t work.
«
:create

42

Sunday, February 19th 2012, 9:00am

Hinweis: Bei der Erstellung dieses Kapitels wurden keine Maulwurfsratten verletzt.
...
Na gut, vielleicht doch.
Dieses Stelle war das erste Mal, dass ich die Uncut-Version wirklich vermisst habe :gdr
Vorsicht: Explodierende Köpfe.




22-September-2277
MEGATON

Ich bin verrückt. Ganz offensichtlich. Vielleicht habe ich mir einen Großteil meines Gehirns weg gesoffen oder eine Kugel zu viel abbekommen, aber ich bin heute nach dem Aufstehen und dem Frühstück tatsächlich ins Craterside-Lagerhaus gegangen und habe Moira gefragt, wovon Kapitel zwei handeln soll.
Ich nehme an, ich werde nicht zu viel vorweg verraten, wenn ich anmerke, dass ich es längst bereut habe.

Moira war natürlich begeistert, mich zu sehen, am Stück sogar, denn in Einzelteilen hätte ich nicht weiter Versuchskaninchen für sie spielen können. Sie gab mir einen Stock, der mit einem ekelhaften, grünen Zeug beschmiert war und erklärte mir, es handele sich um ein Maulwurfsratten-Abwehrmittel, das diese nervigen, ekligen Viecher verjagen soll. Ich sollte es für sie an ein paar Maulwurfsratten testen und ihr berichten, ob es funktioniert.
Klang ja erstmal nicht so schwer.

Sie beschrieb mir den Weg zu einem Kanalisationsschacht, in dem es besonders viele dieser Kreaturen geben sollte. Ich folgte ihrer Beschreibung auf meiner Karte und schluckte. Wenn ich mich richtig erinnerte lag der Eingang, den sie mir beschrieben hatte, direkt im Grenzgebiet zur Hauptstadt, an der Stelle, wo ich vor einigen Wochen erst den gepanzerten Wasserkreaturen, dann auf der Flucht den Mutanten begegnet war. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen - Maulwurfsratten, stinknormale Maulwurfsratten würde ich auch anderswo finden.

Ich stimmte also zu, nahm den Stab, sorgsam darauf bedacht, nicht mit der Pampe in Berührung zu kommen und ging erst einmal nach Hause zurück. So groß mein Vertrauen in Moiras Fähigkeiten auch war (sprich: nicht existent), ich wollte noch eine eigene Waffe mitnehmen. Ich ging zu meinem Waffenschrank und runzelte die Stirn, sobald ich ihn geöffnet hatte. In den vergangenen Tagen, auf meinen Rachefeldzügen gegen die Raider, hatte ich wohl so einiges eingesteckt. Da waren Waffen dabei, an die ich mich nicht einmal erinnerte, ich hatte alles, was ich nicht hatte eintauschen können in den Schrank gestopft. Einige Waffen waren fast unbrauchbar, andere so gut wie neu.

Ich verbrachte etwa eine halbe Stunde damit, sie nach Art und Zustand zu sortieren und entschied mich am Ende dafür, eine Jagdflinte mitzunehmen. Aus der Kiste am Treppenabsatz suchte ich die passende Munition heraus - auch hier hatte sich eine ganze Menge angesammelt. Schließlich sah ich nachdenklich zu meinem Rüstungsschrank. Ich war zwar recht weit gekommen, was die Verbesserungen bei meiner neuen Rüstung betraf, doch ganz fertig war ich noch nicht. Ich entschied mich dafür, sie nicht anzuziehen, ich hatte ohnehin vor, in der näheren Umgebung Megatons zu bleiben. Hier gibt es zwar recht viele wilde, streunende Kreaturen, vermutlich angezogen von den Menschen und ihren Abfällen, die sie unweigerlich produzieren, doch Raidern und anderen menschlichen Gegnern war ich noch nie begegnet.
Ich war auch einfach noch nicht wieder bereit, mich für den Kampf zu rüsten. Für einen richtigen Kampf.

Ich warf mir die Flinte über die Schulter, nahm den Stock und rief nach Sam. Der war ganz begeistert, Megaton zu verlassen und sich austoben zu können.

Diesmal bog ich vor dem Tor Megatons nach rechts ab, ging eine Weile an der Metallwand entlang, die die Stadt umgab und wandte mich dann in Richtung Süden. So würde ich wohl irgendwann wieder auf den Super-Duper-Mart stoßen, doch der Weg dorthin würde mich nicht durch Springvale, sondern über den Hügel auf der anderen Seite der vielen Felsbrocken führen.

Auf den ersten paar hundert Metern begegneten Sam und ich niemandem, keiner Kreatur, keinem Menschen, weder freundlichen noch feindlichen. Das erste, was ich dann von der Anwesenheit eines anderen Wesens zu spüren bekam, waren Schüsse. Sie verfehlten mich um ein gutes Stück, schlugen lediglich Funken aus den Felsen zu meiner Seite. Alarmiert zog ich meine Waffe und sah mich um.
Ich erblickte einen einzelnen Mann, keinen Raider, der sich zwischen einem ausgebrannten Autowrack und einem Felsen versteckt hielt und auf mich schoss. Ich ging ebenfalls in Deckung, rief Sam zu mir, doch er hörte nicht. Stattdessen stürzte er sich auf den Angreifer.
Ich fluchte, tastete mich an den Rand meiner Deckung vor und wagte es, um die Ecke zu sehen, da die Schüsse nicht mehr in meine Richtung fielen. Kein Wunder, ich sah, wie der Mann auf Sam zielte und hob ohne lange zu überlegen die Flinte, schoss auf seine Hand, gleich drei Mal und irgendein Schuss davon traf, schlug die Waffe fort und ließ ihn vor Schreck und Schmerz aufschreien.

Ich wartete nicht, verließ die Deckung und rannte hinter Sam her, der im Begriff war, sich auf den Mann zu stürzen.
"Sam. Stop. Hierher, sofort!"
Ich wusste nicht, ob der vorherige Besitzer einen Befehl dafür gehabt hatte, also schrie ich alles, was mir in den Sinn kam. Tatsächlich wurde der Hund langsamer, sah zu mir, dann zu dem Mann und wieder zu mir. Er schien verwirrt. Bei ihm angekommen tätschelte ich ihm den Kopf, wobei ich den Mann nicht aus den Augen ließ. Wimmernd hockte er in der Ecke, stammelte irgend etwas vor sich hin und zuckte zusammen, als ich mich aufrichtete.
"Pass auf!", versuchte ich, Sam zu befehlen und deutete auf den Mann. Wieder sah der Hund zwischen mir und dem Kerl hin und her, versuchte offensichtlich angestrengt, zu verstehen, was ich von ihm wollte, während die jämmerliche Gestalt weiter jammerte. Mein Mitleid hielt sich in Grenzen. Er war kein Raider, ich wollte ihn nicht töten, doch er hatte auf mich geschossen, falls er mich nicht hatte töten wollen, hatte er es in Kauf genommen, mich und Sam zu verletzten und jetzt konnte er meinetwegen sehen, wie er zurecht kam.
"Pass auf!", wiederholte ich noch einmal und Sam richtete seine Aufmerksamkeit auf den Mann. Als dieser sich das nächste Mal regte, knurrte Sam leise, sah dabei zu mir auf.
"So ists brav."
Ich tätschelte ihm ein weiteres Mal den Kopf, dann entfernte ich mich ein paar Schritte, um die Waffe des Angreifers aufzusammeln. Die würde ich ihm bestimmt nicht hier liegen lassen. Hinter mir hörte ich ein weiteres, warnendes Knurren und als ich mich umdrehte sah ich gerade noch, wie der Kerl wieder erstarrte.

Sam ist wirklich ein sehr, sehr braver Hund.

Ohne Eile ging ich zu den beiden zurück, musterte den Kerl, wütend. Es gab einfach keine Entschuldigung dafür, andere anzugreifen, andere zu verletzten und zu töten!
"Das nächste Mal bringe ich dich um", versprach ich ihm noch, in der Hoffnung, dass es bedrohlich klang und nicht einfach nur so frustriert, wie ich mich fühlte.
Dann wandte ich mich ab und ging davon. Sam sah kurz zu mir, verharrte aber brav bei dem Kerl. Wirklich sehr gut erzogen, dieser Hund. Als ich etwa fünfzig Meter weit gekommen war, rief ich ihn zu mir.
"Komm her, Sam."

Sofort hörte ich das vertraute Geräusch seiner Pfoten und kurz darauf war er wieder an meiner Seite. Ich lobte ihn noch einmal.

Wir gingen weiter und der nächste Zwischenfall war dann von der gewünschten Art. Ich erkannte die plumpen Bewegungen der Maulwurfsratte schon am Klang, noch ehe sie um den Felsen herum galoppiert kam. Sam knurrte, sah diesmal jedoch zu mir auf.
"Bleib", befahl ich ihm, deutete auf den Boden zu seinen Füßen und er winselte leise. "Bleib", wiederholte ich noch einmal.

Sam sah unruhig zu, wie die Maulwurfsratte näher kam, ich mit dem Stock vor ihrer Nase herum wedelte. Sie war überaus beeindruckt. Ich hatte nichts anderes erwartet. Schließlich ließ ich es drauf ankommen und schlug mit dem Stock nach ihr. Nach dem ersten Treffer schien die Maulwurfsratte irritiert zu sein. Soweit gut. Vielleicht funktionierte das Mittel ja doch, nur eben auf Kontakt.
Dann bemerkte ich den Rauch, der von der Kreatur aufstieg und noch ehe ich mich ganz darüber wundern konnte, platzte ihr Kopf. Ich stand also da, mitten im Ödland, einen klebrigen Stock in meiner Hand, von Kopf bis Fuß mit Maulwurfsratten-Gehirnmatsch bespritzt und wünschte mir nichts sehnlicher, als mit ebenjenem Stock so lange auf diese Möchtegernerfinderin einzuschlagen, bis SIE platzen würde.

Ich war sogar zu überrascht und sauer, um mich richtig ekeln zu können, als ich mit verschmierten Händen versuchte, die Pampe aus meinem Gesicht zu bekommen. Sam, der sich gewaltig erschrocken hatte, kam mit einem leisen, fragenden Winseln zurück und ich ging in die Hocke, streichelte ihn kurz. Zum Dank leckte er mir über das Gesicht. Das war danach zwar nass, aber das war mir noch lieber als Maulwurfsrattenreste darauf zu wissen.
"Abwehr"mittel, ja? Ratlos und mit gewachsenem Respekt starrte ich den Stock an. Konnte das Zufall gewesen sein? Ich glaubte nicht daran. Doch wenn ich Moira so richtig den Kopf waschen wollte, musste ich auf Nummer sicher gehen.
Ich vermied es, an mir hinab zu sehen und ging weiter, bis ich die nächste Maulwurfsratte traf, wo eine war befanden sich ja meist noch mehr. Diesmal schlug ich gleich mit dem Stock auf sie ein, zwei Mal - und konnte gerade noch so die Hand heben, als der Kopf nach dem zweiten Schlag sofort explodierte. Weitere Mordgedanken schossen mir durch den Kopf, die alle den Stock und verschiedene andere Dinge auf sehr kreative Weise vereinten, doch ich beschloss, noch einen dritten Versuch zu wagen.
Auch der Kopf der dritten Maulwurfsratte, die ich kurz darauf fand, explodierte einige Sekunden nach der Berührung mit dem Stock. Das waren mir genug Experimente. Mit spitzen Fingern hielt ich das Ding von mir weg, machte mich auf den Rückweg, während Sam um mich herum sprang. Nach dem ersten Schreck hatte er die beiden nächsten Ratten für einen großartigen Spaß gehalten und sich ein paar Gehirnstücke als Leckerbissen gesichert. Baaaah.

Zurück in Megaton stapfte ich auf das Craterside-Lagerhaus zu, öffnete die Tür mit einem gezielten Tritt und ging mürrisch zu Moira. Jemand, der mich nur in ihrem Laden beobachtet, muss mich für den schlechtgelauntesten Menschen aller Zeiten halten.
Doch ihr strahlend-fröhliches "Und? Hast du es schon getestet?" brachte das Fass zum Überlaufen. Ich nahm den Stock und piekte ihr damit testweise in die Seite. Ein Teil von mir hat vielleicht tatsächlich gehofft, dass einfach ihr Kopf platzen würde, doch es tat sich überhaupt nichts. Schade.
Moira sah mich verwirrt an.
Die Worte, die ich benutzt habe, um ihr zu erklären, was mit den Maulwurfsratten passiert ist, was ich von ihrem Abwehrmittel hielt und was sie mich in Zukunft mal können würde, möchte ich an dieser Stelle nicht wiederholen. Schließlich kaufte ich noch eine neue Hose und eine neue Jacke, zog die verschmierten Sachen gleich in ihrem Laden aus und knallte sie in die nächste Ecke, nahm das Bündel bestehend aus neuer Kleidung und meinen Waffen und lief nur in meiner Unterwäsche nach Hause, ehe ich mich noch vergessen und diese Frau doch noch erwürgen konnte.

In meinem Haus angekommen legte ich die neue Kleidung auf den Tisch, ging zum Waschbecken, füllte einen Eimer mit Wasser und verbrachte die nächste Stunde damit, mich so gründlich zu schrubben, dass meine Haut krebsrot wurde. Erst nachdem ich meinen Kopf zum fünften Mal in den Eimer getunkt und die noch immer nur spärlich vorhandenen Haare ausgewaschen hatte und mir sicher war, dass sich keine Maulwurfsrattenüberreste mehr auf mir befanden, wickelte ich mich frierend in eine Decke ein.
Ich war wütend auf Moira, aber auch auf mich selbst, auch wenn heute außer ein bisschen Sauerei gar nichts passiert war. Doch ich fragte mich, was ich mir dabei gedacht hatte, ihr überhaupt zum wiederholten Male meine Hilfe anzubieten. Noch dazu, da ich das Gefühl nicht los wurde, dass ich es - vielleicht erst in ein paar Tagen, vielleicht auch erst in ein paar Wochen - wieder tun würde.
Ich weiß wirklich nicht, was mich dazu treibt. Vielleicht einfach die Neugier? Die Langeweile, wenn ich es selbst gerade nicht schaffe, fast zu sterben? Oder der bloße Gedanke daran, was diese Frau mit einem Buch anrichten kann, in dem nicht nur ihre wahnsinnigen Ideen, sondern auch noch falsche Informationen dazu stehen?

Ic-


Beim Schreiben musste ich gerade an das Gebräu denken, das sie mir einmal verabreicht hat. Warum habe ich das nur getrunken. Sicherheitshalber habe ich eben noch einmal überprüft, ob mir auch keine zusätzlichen Gliedmaßen gewachsen sind. Bisher - und es ist ja schon drei Wochen her - habe ich keine Nebenwirkungen bemerkt. Aber wer weiß. vielleicht wache ich ja eines Morgens auf und bin lila, oder geplatzt, oder eine Schlammkrabbe.
Ich werde nie wieder etwas anderes als Kronkorken oder Waren von ihr annehmen.
Wo war ich stehen geblieben?


Ich schüttelte den Kopf, beschloss, dass ich trocken genug war und zog meine neue Kleidung an. Die Hose war diesmal blau, die Jacke dunkler, braun und in ihrem Stoff hatte sich eine dünne Kette verfangen, die ich mir ebenfalls über den Kopf streifte, nachdem ich meinen Hausschlüssel neben dem kleinen Anhänger aufgefädelt hatte.
Dann ging ich zum Kühlschrank, holte eine Dose Spaghetti Bolognese heraus und leerte sie in einen Topf auf dem Herd. Einen Teil des Essens schöpfte ich in eine Schüssel, als es erst lauwarm war, stellte sie Sam hin, bei meinem Anteil wartete ich, bis die rote Masse zu blubbern begann. Sofort musste ich an Maulwurfsrattenköpfe denken. Vielleicht hätte ich heute etwas anderes zu Essen wählen sollen. Nichts Rotes.
Ich drängte den Gedanken zurück, schaufelte das Abendessen auf einen Teller und zog mich mit ihm und einer Flasche Nuka-Cola in mein Arbeitszimmer zurück.
Während ich aß studierte ich die Karte auf meinem Pip-Boy und zeichnete einige Linien auf ein Blatt Papier ab. Zum einen, um mich von der Konsistenz und dem Geschmack meines Abendessens abzulenken, zum anderen, weil ich dringend eine Beschäftigung für die nächste Zeit brauchte, wenn ich nicht Moira nach Kapitel 2 Teil 2 fragen wollte.

Ich stellte fest, dass ich bisher nur das Ödland in östlicher Richtung jenseits des Flusses und in südlicher Richtung bis zum Grenzgebiet der Hauptstadt erkundet hatte, im Norden und Westen war ich noch überhaupt nicht gewesen. Doch in den anderen Richtungen hatte ich immerhin Canterbury Commons beziehungsweise Minefield zum Ziel gehabt.

Ich grübelte eine Weile, versuchte, mir auszurechnen, wie weit ich in jede Richtung an einem einzigen Tag wohl kommen könnte, kam jedoch zu keinem Ergebnis. Dann beschloss ich, es für den Tag gut sein zu lassen, räumte mein Geschirr zusammen, spülte es ab und ging wieder ins Arbeitszimmer zurück, um zu schreiben.
Jetzt bin ich fertig und neben mir liegt schon ein Buch, in dem ich vor dem Schlafen noch ein wenig lesen will. Ich habe von einem meiner kleinen Feldzüge - ich nehme an, aus dem Bürogebäude - auch Stifte, Ordner, Bücher und Spielsachen mitgebracht. Weiß der Himmel warum, doch ich bin froh darüber. Ich mag die Bücher aus der Vorkriegszeit.
Heal My Wounds #stars The Shining Light

» No one’s arguing about the need for a plan.
Your plan is just stupid and won’t work.
«
:create

43

Saturday, February 25th 2012, 4:31pm

27-September-2277
MEGATON

Wenn ich mir das Datum so ansehe, das ich gerade auf diese Seite geschrieben habe, muss ich feststellen, dass es kein gutes Zeichen ist, wenn ein paar Tage fehlen.
Also fange ich besser an, vom 23. September zu erzählen.

Nach dem Aufstehen habe ich erst einmal an meiner Rüstung weiter gearbeitet, ich wollte sie einfach fertig wissen. Ich verstärkte die Arme bis über die Ellbogen, die Oberschenkel und achtete besonders auf den Oberkörper. Dann probierte ich die Rüstung an, stellte sicher, dass ich mich gut bewegen und alle Taschen gut erreichen konnte und nahm noch ein paar Korrekturen vor. Es dauerte einige Stunden, bis ich fertig war.

Gegen Mittag verließ ich dann das Haus, ohne zu wissen, was ich jetzt tun sollte. Ich wusste nur, was ich nicht tun wollte: Das Craterside-Lagerhaus betreten. Ich schlenderte durch Megaton, alleine, denn Sam hatte es sich noch auf seinen Decken gemütlich gemacht, überlegte, vielleicht Gob im Saloon zu besuchen oder ein wenig mit Sheriff Simms zu plaudern, als ich den Jungen sah.

Es ist vielleicht ein wenig vermessen, ihn als Jungen zu bezeichnen, wie alt wird er gewesen sein? 16? 17? Ich selbst bin erst 19 Jahre alt und weit davon entfernt, mich als reif oder auch nur als wirklich erwachsen zu sehen, doch er? Er wirkte so jung in seiner Kleidung, die ihm zu groß war, schlaksig und ein wenig unbeholfen, auch wenn er das gewiss nicht war, wenn er hier draußen überlebte. Und er verließ Moiras Laden. Ich weiß nicht, warum, doch ich hatte kein gutes Gefühl, als ich ihn aus der Tür treten sah, vielleicht war es sein Gesichtsausdruck, vielleicht die Art und Weise, wie er einen Gegenstand einsteckte, wie er lief, aber ich verließ meinen Platz auf der Plattform vor Moriartys Saloon und beeilte mich, den Jungen einzuholen. Kurz vor dem Tor Megatons hatte ich ihn erreicht und sprach ihn vorsichtig an.
Schnell wurde mir klar, dass es einfach war, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Wir plauderten kurz, dann nahm ich meinen Mut zusammen und fragte ihn direkt über seinen Besuch bei Moira aus. Meine Vorsicht war unbegründet; aufgeregt und stolz zeigte er mir ein Gerät und erzählte mir von seiner "Mission".

Moira, diese wahnsinnige, unfähige, weltfremde, nervtötende, schreckliche Frau hatte ihn gebeten, die Tunnel unter dem Anchorage Memorial Denkmal aufzusuchen und eine Kamera in einem Nest voller Mirelurks zu platzieren. Bitte ohne bemerkt zu werden und ohne einen davon zu töten, das könnte ja die Aufzeichnungen verfälschen.
Mirelurks. Nun hatten diese Unterwasserkrabbenmenschen also einen Namen.
Natürlich hatte sie ihm eine hübsche Belohnung versprochen und als ich ihn so aus der Nähe musterte, wurde mir auch klar, warum er angenommen hatte. Er schien das Geld zu brauchen. In Gedanken stieß ich alle Flüche aus, die ich in meinem neunzehnjährigen Leben gelernt hatte oder mir selbst ausmalen konnte, während ich mit meinem Gewissen rang.
Ich war bei meinem gestrigen Besuch wohl ein kleines, ganz klitzekleines Bisschen ausfallend geworden und hatte Moira ziemlich deutlich die Meinung gesagt. Also hatte sie sich ein anderes Opfer gesucht. Einen anderen Dummen, der für ein paar Kronkorken mitten in ein Mirelurk-Nest spazieren würde. Ein anderer, nicht ich.

Ich hätte ihn einfach gehen lassen sollen, jeder ist für das, was er tut, selbst verantwortlich, doch ich konnte nicht.
Ich erzählte ihm von den vergangenen Aufträgen, die ich ausgeführt hatte und ließ kein Detail des Wahnsinns dieser Frau, der Informationen, die sie unterschlagen hatte und der fehlgeschlagenen Ideen aus. Zufrieden konnte ich sehen, wie er spätestens bei der Beschreibung von Minefield ein wenig blass um die Nase wurde.
Als ich fertig war, bot ich ihm an, ihm zumindest einen Teil der versprochenen Belohnung einfach so zu geben, wenn er mir das Überwachungsgerät überlassen und den Auftrag vergessen würde. Wie erwartet willigte er sofort ein. Ich gab ihm die Kronkorken, nahm die Kamera - und stiefelte zurück zum Craterside Lagerhaus.

Zum wiederholten Male trat ich fast die Tür ein, ging zum Tresen und knallte Moira die Kamera auf die Platte. In einigen knappen, nicht sehr freundlichen Sätzen erklärte ich ihr, ohne ihr Zeit zum Widersprechen zu lassen (und ohne mir Zeit zu lassen, es mir anders zu überlegen), dass ICH ihr bei ihren scheiß Forschungen zu ihrem scheiß Buch bis zum Ende helfen würde, unter den Bedingungen, dass sie niemand anderen mehr damit belästigt, ich die Aufträge dann ausführe, wenn ich bereit bin und ihr den Kopf abreißen werde, wenn sie mir noch einmal Details verschweigt.

Sie war natürlich entzückt.

Ich widerstand dem Drang, sie gleich an Ort und Stelle mit ihren eigenen Waren zu erschlagen, ließ mir die Stelle an der die Kamera platziert werden sollte, auf meiner Karte zeigen, versuchte, die versprochene Belohnung noch ein wenig höher zu handeln, was mir mehr schlecht als recht gelang und verließ ihren Laden wieder. So viel zu meiner Tagesplanung.

Ich war so sauer, dass sogar Sam mich mit einem fragenden Winseln begrüßte, als ich in mein Haus zurück kam. Ich war froh über die Wut, die ich verspürte, ich begrüßte sie, ich kostete sie aus, während ich meine Kleider und Waffen (natürlich ungeladen) durch den Raum warf. Ich gab mir alle Mühe, die Wut nicht erlöschen zu lassen.
Das Anchorage War Memorial befand sich nur ein paar hundert Meter von der Kanalisation entfernt, von den Mutanten, im Randgebiet D.C.s. Ich wusste, wenn die Wut erst einmal verraucht wäre, würde die Angst mich um den Verstand bringen, ich würde Ausrede um Ausrede erfinden, um den Weg herauszuzögern.

Sam beobachtete mich aus einem sicheren Versteck heraus, während ich mir dunkle, alte Kleider heraus suchte und anzog. Ich sollte keinen von ihnen töten - gut, ich wollte auch keinem von ihnen begegnen! In normaler Kleidung würde ich besser schleichen können und nachher weniger Mirelurkeierschleim von meiner Rüstung putzen müssen. Trotzdem befestigte ich eine Schrotflinte an meinem Gürtel und steckte so viel Munition und so viele Granaten ein, wie ich tragen konnte, ohne bei jedem Schritt zu klappern. Obwohl ich mich so sehr beeilt hatte, zitterten meine Hände, als ich die letzte Tasche über der Kamera schloss. Die Wut war fast verraucht, stattdessen hatte ich jetzt mit meinen Erinnerungen zu kämpfen.
Ich sah zu Sam, mir war klar, dass ich ihm befehlen sollte, hier zu warten, dass es zu gefährlich war, doch ich war zu feige dazu. Ich entschied, es ihm zu überlassen, ich versuchte mir einzureden, dass er vielleicht hier bleiben würde, nachdem ihn mein Verhalten offensichtlich irritiert und erschreckt hatte, auch wenn mir natürlich tief im Inneren klar war, dass er mitkommen würde.
Dann tat ich das Zweitdümmste an diesem Tag: Ehe ich das Haus verließ, nahm ich eine Whiskeyflasche vom Regal mit. Sam folgte mir natürlich, ich schloss die Tür hinter uns beiden und machte mich auf den mir so vertrauten Weg an Springvale vorbei zum Super-Duper-Mart.

Unterwegs studierte ich die Karte auf meinem Pip-Boy und als ich am Super-Duper-Mart angekommen war, war zum einen meine Flasche leer, zum anderen hatte ich beschlossen, so weit wie möglich auf der westlichen Seite des Flusses vorzudringen. Ich wusste nicht, ob es eine weitere intakte Brücke gab, doch das Memorial lag in der Mitte des Flusses und ich würde es vielleicht vermeiden können, mich der Stelle zu nähern, an der ich zum ersten Mal den Krabbenviechern begegnet war.
Ich überquerte den Parkplatz, ging weiter in Richtung Südosten und bewegte mich bald auf einer zerbrochenen, überwucherten Straße die am Ufer des Flusses entlang führte. Nach einigen hundert Metern sah ich links von mir ein Gebäude, Tische und Stühle standen davor. Ich verlangsamte meine Schritte, kam neugierig und vorsichtig näher.
Auf einem der Stühle saß eine ältere Frau, wir unterhielten uns und sie erklärte mir, dass sie hier mit ihren Söhnen lebt, die Yao Guai jagen - gefährliche Kreaturen, deren Fleisch angeblich schmecken soll. Ich wollte mir gar keine Gedanken darüber machen, was Yao Guai nun schon wieder waren und kaufte ihr nur schnell eine weitere Flasche Whiskey ab, ehe ich meinen Weg fortsetzte.

Nach einigen weiteren hundert Metern entdeckte ich dann zu meiner großen Erleichterung ein Schild, das mir den Weg zum Memorial wies - und eine Brücke, die direkt dorthin führte, ich würde der Hauptstadt also nicht näher kommen müssen, als unbedingt notwendig. Als ich zwei Minuten später dann vor dem Eingang zum Denkmal stand, war zwar auch die zweite Flasche halb leer, ich dafür nicht mehr nervös.
Ich öffnete vorsichtig die Tür, lauschte und als ich nichts hören konnte betrat ich den dunklen Gang, der sich vor mir geöffnet hatte. Ich wagte nicht, das Licht meines Pip-Boys einzuschalten und musste deswegen eine ganze Weile warten, bis sich meine Augen halbwegs an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Von irgendwoher fiel ein schwaches Licht in den Gang, vielleicht eine alte, noch immer intakte Notbeleuchtung, sie half mir, mich voran zu tasten.
Ich folgte dem Gang bis zu einer Abzweigung, wählte dort den linken Weg und schlich weiter, bis sich vor mir ein Raum auftat. Ich sah Schreibtische, Schränke, Computer - und einen Mirelurk. Mit angehaltenem Atem blieb ich stehen, doch Sam wartete nicht. Ich versuchte, ihn zurück zu halten, doch er ignorierte mich, griff die Kreatur an. Verzweifelt griff ich zu meiner Waffe, doch ich schoss nicht; Moiras Anweisungen waren mir zwar egal, doch ich würde unweigerlich den Hund ebenfalls treffen, wenn ich nun die Waffe benutzte.

Erst nachdem ich dem Kampf der ungleichen Gegner einige verzweifelte Augenblicke lang zugesehen hatte, bemerkte ich, dass er wirklich ungleich war und dass der Hund nicht wie ich angenommen hatte im Nachteil war. Er tanzte um das Wesen herum, biss ihm in die Gliedmaßen, wich mit spielerischer Leichtigkeit seinen Angriffen aus. Sam musste diese Wesen kennen, musste schon oft gegen sie gekämpft haben. Ich verhielt mich still, wartet ab, während der Hund dem Mirelurk weiter zusetzte und schließlich wohl eine empfindliche Stelle erwischte. Während das Krabbenwesen erst zuckte, dann irgendwann auf dem Boden liegend erschlaffte, kehrte Sam zu mir zurück. Ich hätte ihn für seinen Ungehorsam eigentlich nicht loben sollen, doch ich war so froh, dass es ihm gut ging, dass ich es trotzdem tat.

Ich sah zu dem toten Mirelurk; ich hatte keine töten sollen. Aber genau genommen hatte ich das auch nicht. Ich war es ja immerhin nicht gewesen. Ich beschloss, den kleinen Zwischenfall unter den Tisch fallen zu lassen. Informationen verschweigen, das Spiel konnte man auch zu zweit spielen.

Seite an Seite durchstöberten wir den Raum, ich auf Tischhöhe, Sam in Bodennähe. Ich durchsuchte die Schränke und Schubladen, fand auf einem Computer ein paar Programme, die nicht mehr funktionierten und sah dann eine Tür. Diesmal befahl ich Sam, hier zu warten, was er sichtlich unglücklich auch tat. Dann öffnete ich im Zeitlupentempo die Tür und spähte durch den entstandenen Spalt.

Ich sah einen dunklen Raum, ich sah drei Mirelurks, ich hörte, ich spürte Wasser. Ich hoffte, dass ich hier auch ein Nest finden würde.
Gerade so weit wie es nötig war um mich hindurch quetschen zu können drückte ich die Tür auf, dann huschte ich lautlos in den Raum. Statt der Waffe zog ich die Kamera, würden die Kreaturen mich entdecken würde ich sowieso erst rennen, dann schießen. Ich achtete darauf, keinen Laut zu verursachen und in Deckung zu bleiben, während ich mich dem Wasser in der Mitte des Raums näherte. Schließlich hockte ich hinter der letzten Deckung vor der überfluteten Raummitte.

Schleimig, glänzend und blass ragte ein Nest voll Mirelurkeier unter mir auf, nur zwei Armlängen von mir entfernt. Mein Herz schlug mir zwar bis zum Hals, doch der Alkohol ließ nicht zu, dass die Angst mich lähmte, ließ mich nicht lange überlegen, als ich mich lang auf den Boden legte, froh darüber, alte Kleidung genommen zu haben, und mich Zentimeter für Zentimeter näher an das Wasser heran schob. Ich spürte den harten, scharfkantigen Metallboden durch den dünnen Stoff hindurch, nach einem Augenblick schon hatte sich das Hemd mit Wasser vom feuchten Boden vollgesogen, die Hose folgte direkt darauf. Ich hatte den Blick auf den schleimigen Haufen Eier gerichtet, der vor mir im dunklen Wasser auf einem Metallpfeiler klebte. Bis zur Kante arbeitete ich mich vor, dann streckte ich die Hand mit der Kamera aus und quetschte das kleine Ding aus Metall langsam, ganz langsam zwischen die Eier. Das Gefühl der nachgiebigen, von schützendem Glibber ummantelten Eier war ekelhaft, das Geräusch, das meine Hand bei der Berührung verursachte schien in meinen Ohren zu klingeln, doch die erwachsenen Mirelurks bemerkten mich nicht.

Sobald die Kamera sicher platziert war, zog ich mich wieder zurück, es kostete mich meine ganze Willenskraft, mich wieder genau so langsam in meine Deckung zurück zu bewegen, wie ich mich dahinter hervor getraut hatte. Sobald ich dort saß wischte ich meine Hand so gut es möglich war an meiner Kleidung ab, dann warf ich noch einen absichernden Blick in Richtung der Mirelurks und huschte von meiner Deckung zu der dem Ausgang nahen Wand zurück. Sobald ich ganz sicher nicht mehr in ihrem Sichtfeld war, nahm ich die Beine in die Hand. Ich bemühte mich zwar noch immer, leise zu sein, doch noch mehr war ich nun darauf bedacht, so schnell wie möglich hier weg zu kommen. Ich flitzte in den Raum, wo Sam wartete, rief ihn zu mir und rannte durch die beiden Gänge zum Ausgang zurück. Draußen angekommen brachte ich noch ein paar Meter zwischen mich und die Tür, dann hockte ich mich auf den Boden.

Ich lachte, drückte den verdutzten Hund an mich und war vollkommen erleichtert. Ich konnte es nicht fassen. Keine Katastrophen. Ich war nicht gebissen worden, angeschossen, in die Luft gejagt oder verstrahlt.
Ich lachte noch immer, als ich den Lärm von Maschinengewehren von der anderen Seite des Flusses hörte. Die Geräusche brachten mich augenblicklich auf den Boden der Tatsachen zurück. Ich verstummte, stand auf und spähte misstrauisch zum anderen Ufer hinüber, doch ich konnte nichts erkennen.
"Wir verschwinden hier besser", murmelte ich leise und ging den Weg zurück, den ich gekommen war, über die Brücke, dann links bis zu dem Haus der alten Frau und ein Stückchen weiter noch.

Dann tat ich das Dümmste an diesem Tag.

Die Tatsache, dass alles so glatt gelaufen war, dass mir nichts passiert war, dass der Nachmittag kaum angebrochen war, versetzte mich in eine solche Hochstimmung, dass ich spontan beschloss, nicht sofort nach Megaton zurück zu kehren, sondern die Umgebung noch ein wenig zu erkunden. Auch auf dieser Seite des Flusses befanden sich Überreste der Hauptstadt, doch diese wirkten auf mich nicht annähernd so bedrohlich, wie auf der anderen Seite. Ich verließ also die Straße und wandte mich nach links.

Schon jetzt werden die Erinnerungen ein wenig undeutlich; ich weiß, dass ich einige Gebäude umrundet habe, einen Eingang zu einer Metro-Station fand, den ich aber ignorierte; dass ich einen Hügel hinaufstieg, ich sehe eine vollkommen zerstörte Straße, brennende Autowracks, die leer gähnenden Eingänge von Häuserfronten. Ich meine mich an Schüsse zu erinnern, an Schreie, aber nicht in meiner unmittelbaren Nähe. Ich wollte damit nichts zu tun haben.

Ich stieg den Hügel wieder hinunter, ging auf einen Highwaypfeiler zu, an dessen Fuß ein Haufen Müll gestapelt worden war. Auf der Suche nach brauchbaren Dingen durchwühlte ich den Kram, öffnete ich leere Kisten, schob ich Gegenstände zur Seite. Als das leise, charakteristische Piepen ertönte schien mir das Blut in den Adern zu gefrieren. Es war nur ein Reflex, der mich zur Seite springen ließ, doch es reichte nicht. Als die Mine explodierte war ich noch zu nah, die Druckwelle riss mich herum und alles wurde schwarz.

Ich weiß nicht, wie lange ich bewusstlos gewesen bin. Ich erwachte davon, dass Sam winselnd über mein Gesicht leckte und an meiner Kleidung zerrte. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich wieder in die Bewusstlosigkeit hinüber glitt, wie lange es dauerte, bis ich wirklich zu mir kam und wie ich es geschafft habe, mich aufzurichten. Meine Waffe war fort, meine Kleidung bestand nur noch aus Fetzen, meine Brille war zerbrochen und ich konnte weder mein linkes Bein noch meinen linken Arm bewegen.

Ich habe keine genauen Erinnerungen an den Rückweg, ich will mich auch gar nicht daran erinnern können. Ich nahm alles an Medikamenten, das ich in meinen Taschen und auf dem Boden wiederfinden konnte, schaffte es irgendwie, eine Schiene an mein Bein zu binden und eine Metallstange zu finden, die mir als Krücke dienen konnte. Als ich das Memorial verlassen hatte, war es früher Nachmittag gewesen; als ich in Megaton ankam, war die Sonne schon seit zwei Stunden untergegangen.
Den größten Teil des Weges hatte ich wohl halb an Sam hängend zurückgelegt, er hatte mich vorwärts getrieben, wenn ich aufgeben wollte. Direkt vor den Toren Megatons begegnete ich dann dem Sheriff, der mir sofort zur Hilfe eilte. Auf ihn und die Krücke gestützt humpelte ich in die Stadt.

Ich hatte kein Geld dabei und kannte Doc Churchs Einstellung - vielleicht würde er eine Ausnahme machen, wenn ich wirklich gerade starb, aber selbst mein momentaner Zustand würde dafür vermutlich nicht ausreichen. Natürlich hätte der Sheriff mir etwas geliehen, doch daran dachte ich überhaupt nicht; stattdessen dachte ich an Moira, daran, dass sie mir eine Belohnung schuldete und bat den Sheriff, mich zuerst zu ihrem Laden zu bringen. Er war zwar verwirrt, diskutierte jedoch nicht mit mir, sondern half mir einfach.

Wir betraten den Laden, ich forderte meine Belohnung, erstattete Moira Bericht - die Kamera war angebracht, ich hatte keines der Wesen getötet - und den Rest der Unterhaltung werde ich einfach als Einbildung abtun. Darauf schieben, dass ich halb wahnsinnig vor Schmerz und vollkommen erschöpft Dinge gehört habe, die gar nicht wirklich gesagt wurden. Meine Erinnerung will mir nämlich weismachen, dass Moira vollkommen begeistert war, als sie meinen Zustand bemerkte, mich ausfragte darüber, wie ich mich fühlte und meinen verletzten Körper hier und da untersuchte. Dann ließ sie noch die Bemerkung fallen, dass das ja großartig wäre, das wäre genau ihr nächstes Kapitel gewesen, dass ich doch bitte verletzt, am besten schwer verletzt mit ein paar unbrauchbaren Körperteilen, zu ihr kommen und ihr von meinen Erfahrungen berichten sollte. Und wenn sie das wirklich gesagt hätte, müsste ich sie spätestens jetzt töten. Und damit ich das nicht tue, werde ich bei der Version bleiben, dass ich mir das alles nur eingebildet habe.

Nach meinem Besuch bei Moira brachte mich Sheriff Simms zum Doc, zumindest gehe ich davon aus, auch wenn ich an den letzten Rest des Weges überhaupt keine Erinnerungen mehr habe. Das nächste, was ich wieder weiß, ist dass ich gestern Mittag aufgewacht bin. Ich fühlte mich noch immer schwach, doch ich konnte mich aufrichten, an mir herab sehen und nur Verbände erkennen, die meinen Arm, mein Bein und einen Teil meines Oberkörpers verbargen. Ich versuchte meine Finger und Zehen zu bewegen - es klappte. Dann fiel mein Blick auf die Nadel, die in meinem unverletzten Handrücken steckte, den Schlauch, der zu einem leeren Beutel führte und ich zog die Nadel heraus, schwang vorsichtig die Beine vom Bett. Mir war zwar schwindlig, aber ansonsten fühlte ich mich erstaunlich gut; erst nach einem Blick auf meinen Pip-Boy, der wundersamerweise unversehrt geblieben war, wurde mir klar, dass ich fast 3 Tage lang geschlafen hatte.

Während ich noch darüber erstaunt war, wie robust dieses Modell 3000 wirklich war, kam der Doc zurück.
"Wird aber auch Zeit, das ist ja kein Hotel hier. Ich verstehe nicht, warum Sie immer wieder da raus gehen. Lassen Sie mich nochmal sehen, dann verschwinden Sie."
Er wechselte die Verbände während ich zuerst an die Decke starrte, dann doch den Mut zusammen nahm und hinsah. Es war weit weniger schlimm als ich erwartet hatte. Als er fertig war gab er mir noch Medikamente und Verbandsmaterial mit, dann deutete er auf einen Haufen, der auf dem Boden lag und wohl die Überreste meiner Kleidung darstellte.
"Die Kronkorken habe ich mir schon genommen. Wenn Sie wollen, können Sie den Kram mitnehmen, aber brauchbar ist da nichts mehr von."
Ich schüttelte den Kopf, den Weg nach Hause würde ich schon in diesem lächerlichen Krankenhemdchen, das er mir stattdessen gegeben hatte, schaffen.
"Gut, dann raus hier."
Ich beeilte mich, auf die Beine zu kommen, die noch ein wenig weich waren, mich aber wieder trugen. Wie auch die Male zuvor verzichtete ich auf einen allzu überschwänglichen Dank, da ich mir nicht ein Skalpell im Rücken einfangen wollte und ging einfach.

Vor der Tür erlaubte ich es mir erst einmal tief durchzuatmen. Ich war keine Minute draußen, da kam ein braunschwarzer Blitz auf mich zugeschossen und riss mich von den Füßen, während mir etwas warmes, nasses den Atem nahm. Es war gar nicht leicht, Sam von mir herunter zu bekommen und als ich es geschafft hatte drückte ich ihn an mich.
"Einen treuen Freund haben Sie da."
Es war die Stimme des Sheriffs, der dem Hund gefolgt war und mich jetzt prüfend musterte. Ich lächelte ihm dankbar zu, offensichtlich hatte er sich um Sam gekümmert. Ich bedankte mich bei ihm dafür und versicherte ihm, dass es mir schon viel besser ging. Dann fragte ich ihn, was ich ihm für die Mühen schuldete, doch er winkte ab; Sam hätte in den 3 Tagen sowieso nichts zu Fressen angerührt.

Simms begleitete mich noch nach Hause. Dort füllte ich Sam erst einmal eine besonders große Schüssel mit Fleisch, dann suchte ich mir etwas anders zum Anziehen. Der kurze Weg hatte mich schon so erschöpft, dass ich mich hinlegte und auch bis kurz vorm Sonnenaufgang heute Morgen nicht wieder aufwachte.

Auch heute habe ich es ruhig angehen lassen. Wohl oder übel musste ich mir bei Moira eine neue Brille kaufen, doch ich ließ es zu keinem Gespräch mit ihr kommen und irgendwie schien sie geahnt zu haben, dass ich ihr den Hals umgedreht hätte, wenn sie damit angefangen hätte, denn sie hielt erstaunlicherweise die Klappe.

Den Rest des Tages verbrachte ich damit, aus einem kleinen Stück Metall eine Kopie meines Schlüssels zu feilen. Ich hatte ihn dank der Kette nicht verloren, doch es konnte immer wieder schnell passieren, ich wollte lieber einen Ersatz haben. Ich dachte darüber nach, ihn Gob anzuvertrauen, sobald ich fertig war.
Während ich das Metall bearbeitete, den Boden mit feinen Spänen bedeckte, ließ ich meine Gedanken wandern. Diesmal konnte ich wirklich niemandem außer mir die Schuld daran geben, was mir passiert war. Ich war einfach unvorsichtig gewesen. Unvorsichtig und übermütig wie ein kleines Kind war ich einfach da draußen umher spaziert, ohne auf meine Umgebung, auf den Boden zu achten. Das würde mir nicht noch einmal passieren.

Ich dachte auch an die Stelle, an der ich gewesen war, kurz ehe ich auf die Mine trat. Zumindest glaube ich, dass es kurz davor war, meine Erinnerung ist sehr verschwommen. Feuer, Kampfgeräusche ... es hat mich nicht interessiert, ich war froh, dass ich diesmal nicht in einen Kampf verwickelt worden war und der Alkohol hat wohl sein übriges getan, dass es mir vollkommen gleichgültig war, was dort geschah. Doch im Nachhinein muss ich sagen, dass mich die Frage, wer dort gegen wen gekämpft hat, beschäftigt; auch in diesen Häusern können Menschen leben, ganz normale Menschen, vielleicht wurden sie von Raidern angegriffen, vielleicht von Mirelurks; vielleicht hätte ich ihnen helfen können.

Ich bin so ein Idiot.

Ich denke ich werde morgen nachsehen gehen, auch wenn es inzwischen viel zu spät sein dürfte, sollten sie wirklich meine Hilfe gebraucht haben. Doch es wird mir sonst keine Ruhe lassen.
Heal My Wounds #stars The Shining Light

» No one’s arguing about the need for a plan.
Your plan is just stupid and won’t work.
«
:create

This post has been edited 1 times, last edit by "Laulajatar" (Mar 18th 2012, 1:19am)


44

Sunday, March 4th 2012, 7:35pm

So, es hat so ewig gedauert, weil ich diesen Tag am meisten von allen gehasst habe. Ich kann mich kaum noch an die Dialoge erinnern, an die Gegend, an irgendwas und noch dazu bin ich unschlüssig, was ich jetzt mit dem Jungen machen werde. Eigentlich müsste ich jetzt nach Rivet, ich will aber nach Nordwesten. Mal sehen.
Ich hoffe, ich schaffe jetzt wöchentlich, ich muss ja jetzt spielen, Mods korrigieren, Notizen machen und dann schreiben :D




28-September-2277
MEGATON

Es ist spät und ich bin müde, trotzdem werde ich mich bemühen, die Ereignisse des heutigen Tages so gut wie möglich festzuhalten. Der Vollständigkeit halber. Ich weiß noch immer nicht, ob dieses Tagebuch jemals jemand lesen wird, ob ich selbst es eines Tages nochmal lesen möchte, trotzdem will ich alle Ereignisse, zumindest die wichtigeren, aufschreiben.

Heute früh habe ich meine Ausrüstung zusammengesucht, meine Rüstung angelegt, eine Pistole und ein Sturmgewehr eingesteckt und sicherheitshalber, nur für den Fall, dass ich jemanden antreffen würde, der meine Hilfe benötigt, meinen Rucksack mit Vorräten und Medikamenten gefüllt. Dann habe ich mich auf den Weg gemacht, zu der Stelle, wo ich die Kämpfe bemerkt habe, auch wenn ich mir nicht ganz sicher sein konnte, ob meine Erinnerung mich da nicht täuschte.

Tatsächlich erwies es sich als schwierig, den genauen Ort wieder zu finden. Sam lief zwar fröhlich an meiner Seite, durchstöberte manchmal Schutthaufen und Grasbüschel, doch den Weg konnte er mir auch nicht zeigen. Zuerst ging ich zu weit in Richtung des Memorials, dann irrte ich ein wenig umher, umrundete einen ganzen Häuserblock, stieg über Trümmer und geborstenen Asphalt und gerade, als ich das Gefühl hatte, den richtigen Weg niemals entdecken zu können, wurde ich gefunden. Ein Junge rannte in meine Richtung, blieb stehen, als er mich sah und rief mir Warnungen zu. Die Monster, die Monster hätten alle geholt und wären auch hinter ihm her.
Ohne lange zu überlegen versuchte ich, ihn zu beruhigen, versicherte ich ihm, dass ich aufpassen würde, dass sie ihn nicht kriegen würden und zeigte ihm das Sturmgewehr. Auf den Jungen schien das Ding eine beruhigendere Wirkung zu haben, als auf mich, denn er glaubte meinen Worten. Schließlich gelang es mir, aus ihm heraus zu kriegen, was passiert war.


Riesige, Feuer spuckende Monster hätten die Stadt angegriffen, er war von seinem Vater getrennt worden und er bat mich, ihn zu finden. Ich konnte nicht anders, ich musste einfach zustimmen und fragte ihn noch im gleichen Atemzug, ob er ein Versteck hätte, wo er auf meine Rückkehr warten könnte.
Er versprach, sich in einem Bunker bei einem Diner zu verstecken, ich nahm das Gewehr von meinem Rücken, entsicherte es und wir machten uns auf dem Weg, im Gehen beschrieb er mir die Lage seines Hauses. Als ich mir sicher war, dass die Bunkertür fest hinter dem Jungen verschlossen war, lief ich los.

Noch ehe ich die erste Seitenstraße erreicht hatte, kam eines der "Monster" auf mich zu. Eine Riesenameise. Meine anfängliche Erleichterung - ich hatte diese Kreaturen als verhältnismäßig ungefährlich in Erinnerung - wich dann doch dem Entsetzen, als das Ding mir einen Feuerschwall entgegen spuckte. Ich wich rückwärts zurück, so schnell, wie ich es eben riskieren konnte, ohne hinzufallen, nahm das Sturmgewehr und schoss. Das Feuer hatte mich nicht erreicht, nur die Hitze hatte mich gestreift und hinterließ den unangenehmen Geruch von heißem Leder, brachte meine Augen zum tränen und mich dazu, um einiges vorsichtiger weiter zu gehen. Sam hielt sich zum ersten Mal dicht an meiner Seite, den Schwanz so weit es ging zwischen die Beine gekniffen, doch er lief nicht weg.

Aus jedem Hauseingang, hinter jedem Auto, zwischen allen Trümmerhaufen kamen sie hervor. Ich war unendlich froh, nur so zur Sicherheit meine gesamte Munition für das Gewehr eingepackt zu haben, denn ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich sie brauchen würde. Zum Glück schaffte ich es, die meisten der Insekten zu töten, ehe sie mir zu nahe kommen konnten, manchmal musste ich jedoch den Rückzug antreten, um ausreichend Abstand zu wahren, ehe genug Kugeln die widerlichen Chitinpanzer durchschlagen und mit den Ameisen auch ihren Flammenatem zum ersterben bringen konnten.

Ich schlug mich bis zum Haus Bryans durch. Ich öffnete die Tür, kniff die Augen zusammen, die sich nur langsam an das Dämmerlicht im Flur gewöhnen wollten und sah fast augenblicklich die Umrisse des Körpers am Boden. Ich schluckte. Eilig lief ich in den Raum, sah nur kurz nach rechts und links, doch außer mir war niemand hier. Neben dem Körper ging ich in die Knie, tastete nach seiner Halsschlagader, doch ich musste gar nicht auf den Puls warten um zu erkennen, dass der Mann tot war, er war schon ganz kalt. Ich zog die Hand zurück, musste mich überwinden, sie erneut auszustrecken um ihn umzudrehen. Die Ähnlichkeit zu dem Jungen war eindeutig zu erkennen. Die leise Hoffnung, dass es ein anderer Mann hätte sein können, der nur zufällig in dieses Haus gekommen war, war so schnell verflogen wie sie mich erfüllt hatte.
Ich richtete mich auf. Unschlüssig sah ich mich um. Ich hätte sofort zurück gehen sollen, doch ich brauchte noch einen Moment, einen Moment, den ich damit verbrachte, das Haus zu durchstöbern, auf der Suche nach einem Hinweis, was hier passiert war.
Ich würde dem Jungen sagen müssen, dass sein Vater tot ist. Wie sollte ich das nur tun? Ich musste an meinen eigenen Vater denken, etwas, das ich in den letzten Tagen nicht mehr getan hatte. Hatte ich ihn so schnell vergessen können? Vergessen können, dass ich eigentlich auf der Suche nach ihm war. Doch der Kampf ums Überleben, das Gefühl, gebraucht zu werden, Sam, all das hatten mich von meiner eigentlichen Aufgabe abgelenkt. Was würde ich tun, wenn ich diese Radiostation eines Tages erreichen würde und man mir sagen würde, dass er tot ist? Ich wusste es nicht. Und ich war nicht mehr acht Jahre alt. Allein der Gedanke, er wäre schon vor Jahren verschwunden ...

Ich ließ mich auf dem Bett nieder, stützte den Kopf auf die Hände und starrte vor mich hin. Nicht lange jedoch, ich machte mir zu viele Sorgen, dass dem Jungen nun auch noch etwas passieren würde, während ich hier grübelte. Ich verließ das Haus wieder, ging vorsichtig, Sam dicht auf den Fersen, zum Diner zurück. Dort angekommen klopfte ich an die Tür des Bunkers, wartete bis Bryan sie von innen entriegelt hatte. Als ich seinen erwartungsvollen Blick sah, die Freude, als er mich erkannte, fühlte ich mich, als hätte mir gerade jemand ein Messer ins Herz gestochen. Er fragte mich, ob ich seinen Vater gefunden hatte und ich zwang mich dazu, ihm zu antworten, ein Wort nach dem anderen auszusprechen.
Ich schaffte es nur einige Sekunden lang, meine eigenen Tränen zurück zu halten, doch als ich den am Boden zerstörten Jungen dann in die Arme schloss, um ihn zu trösten, liefen sie mir selbst über die Wangen.

Als er sich ein wenig beruhigt hatte bat Bryan mich, etwas gegen die Ameisen zu unternehmen und ich versprach ihm, herauszufinden, wo sie herkamen und dafür zu sorgen, das es aufhörte. Nur zu spät, leider zu spät. Es gelang mir nicht die kleine, nagende Stimme, die sich fragte, ob ich es wohl hätte verhindern können, wenn ich vor ein paar Tagen schon hierher gekommen wäre, komplett zu ignorieren.
Ich sagte ihm, er solle sich wieder im Bunker einschließen und ließ Sam bei ihm, dann machte ich mich auf den Weg nach Hinweisen auf die Herkunft der Viecher zu suchen. Ich durchstöberte ein paar Häuser, fand Aufzeichnungen der vermutlich allesamt toten Bewohner, aus denen ich nicht recht schlau wurde und entdeckte in einem Haus ein Geheimversteck mit einer Waffe. Immer wieder kamen neue Ameisen, die ich aus sicherer Entfernung erschoss, die Hitze ihrer Flammen brachte mich zum schwitzen und ich begann, mir Sorgen über meinen Munitionsvorrat zu machen.
Schließlich sah ich eine kleine Hütte direkt neben dem Haus der Wilks, brach das Schloss auf und fand mich in einem winzigen Raum voller technischer Geräte, Chemikalien und einem abgeschalteten Protektron-Roboter wieder. Ich ging zum Computer, knackte das Passwort und suchte auch hier nach Aufzeichnungen. Ich fand sie.

Ein gewisser Dr. Lesko, der hier wohl gearbeitet hat, hatte darüber geschrieben, wie er genetische Experimente durchführt, um die armen, unverstandenen Kreaturen wieder klein und ungefährlich werden zu lassen. Hat ja offensichtlich super geklappt.

Ich schwöre, den nächsten Irren, der Ameisen ganz doll lieb hat, werde ich erschießen, sobald ich ihn sehe!

Die Aufzeichnungen sprachen von der Marigold Metrostation als neuem Forschungsort und ich verließ die Hütte und machte mich auf den Weg zur Station, die ich bisher nur aus der Ferne gesehen hatte. Ich stieg die Stufen hinab und öffnete vorsichtig die Tür, doch alles blieb still.
Im Licht meines Pip-Boys tastete ich mich voran, folgte dem unterirdischen Tunnel, vorbei an den zerbrochenen Drehkreuzen, hinweg über von der Decke gestürzte Betonbrocken und Schutt. Die Luft hier unten war staubig und trocken, reizte meine Nase, doch ich bemühte mich, das Niesen zu unterdrücken, in der Stille waren schon meine Schritte unglaublich laut zu hören. Als ich an eine Rolltreppe kam, stieg ich vorsichtig hinunter, sah mich dann auf dem Bahnsteig um. Überall Schutt, Steine, verbogenes Metall, verrostete Geräte, keine Spur von Leben. Nach kurzem Zögern beschloss ich, den Gleisen zu folgen, ich lief zum Bahnsteigrand und sprang mit einem kleinen Satz hinunter. Vorsichtiger als zuvor, da der Boden hier durch die Gleise noch unebener war, ging ich weiter, das Licht des Pip-Boys auf den Boden gerichtet, die Waffe schussbereit.
Der Bahntunnel führte in einer sanften Kurve tiefer unter die Erde, es schien mir fast, als würde es hier unten noch stiller werden, als vorher, auch wenn das eigentlich kaum möglich sein konnte. In dieser Stille hörte ich das Trippeln vieler chitingepanzerter Beine auf dem harten Untergrund sofort. Ich hatte die Waffe schon gehoben, als die Ameisen um die Ecke kamen, ich feuerte einfach los, bis das Magazin leer war und mir die Ohren vom von den Wänden zurückgeworfenen Schall klingelten.

Nachdem ich das Gewehr wieder geladen hatte und ein weiteres Mal kurz überschlagen hatte, wie lange meine restliche Munition wohl noch reichen würde, betrat ich den Wartungstunnel, aus dem die Ameisen gekommen waren. Ich nehme an, dass es sich um einen handelte, Metallgeländer, Maschinen und Geräte, alles stumpf und verrostet, auch wenn hier und da nach all den Jahren noch immer kleine Lämpchen in Notbeleuchtung flackerten. Da ich hier nicht so weit nach vorne sehen konnte, ging ich langsam weiter, tastete mich von Raum zu Raum vor und begegnete nicht wenigen Ameisen, die ich allesamt erledigen konnte, bevor sie mir gefährlich nahe kamen.
Ich kam auch an dem ein oder anderen Lagerraum vorbei, durchstöberte alles, stopfte alle Sachen, die mir nützlich erschienen, in meinen Rucksack und war froh, auch etwas Munition zu finden, selbst wenn nur ein Teil davon zu den Waffen passte, die ich mit mir führte. In einem Löschschlauchkasten fand ich außerdem einen Schlüssel, den ich irritiert einsteckte.

Schließlich hatte ich das Ende des Wartungsbereichs erreicht und vor mir lagen wieder die Gleise. Ich nutzte den Pip-Boy um sicherheitshalber die Richtung zu bestimmen und ging dann weiter. Nach einigen Metern wurde der Weg durch einen verbeulten Waggon versperrt, an dem ich mich seitlich vorbei drückte. Rotorange blinkendes Licht erfüllte hier den Tunnel, eine Leuchte, die wohl vor irgendetwas lang vergessenem warnen sollte, drehte sich unablässig über einer Tür und erfüllte den Tunnel mit gespenstisch zuckenden Schatten. Ich öffnete die Tür, fand einen weiteren Lagerraum. Ich durchwühlte wieder alle Kisten und Schränke, dann entdeckte ich einen Tresor. Ich versuchte mein Glück mit einer Haarnadel, doch ich schaffte es nicht, das Schloss zu öffnen. Nach einigen Minuten und drei abgebrochenen Haarnadeln wollte ich es aufgeben, da erinnerte ich mich an den Schlüssel in meiner Hosentasche. Ein bisschen weit hergeholt, aber wer weiß..? Ich nahm den Schlüssel heraus, steckte ihn ins Schloss und er passte!

Neugierig öffnete ich die Tür, doch was ich fand war ein wenig enttäuschend. Abgesehen von etwas Vorkriegsgeld war dort nur ein Satin-Schlafanzug mit Leopardenmuster zu finden. Ich meine... was um alles in der Welt?! Und es wurde noch merkwürdiger.
Ich wollte gerade den Raum wieder verlassen, als auf einmal jemand vor mir stand. Dem Aussehen nach zu urteilen ein Raider, ich wollte schon meine Waffe ziehen, doch er griff mich nicht an, forderte mich nur auf, ihm sofort den Schlafanzug zu geben.

Vollkommen perplex antwortete ich etwas im Sinne von "Ich habs gefunden, ich werde es behalten" und der Kerl murmelte etwas unverständliches, drehte sich um und ging. Ich starrte ihm nach als hätte ich gerade einen Geist gesehen. Mein Blick wanderte von der Tür zu dem Schlafanzug in meiner Hand und zurück zur Tür, dann steckte ich das Ding in meinen Rucksack, verließ den Lagerraum. Einfach nicht drüber nachdenken.

Ich drückte mich an einem weiteren Eisenbahnwaggon vorbei und erreichte einige Meter später eine weitere Tür in der Wand des Tunnels, die offen stand. Ich hielt inne, lauschte, konnte Schritte vernehmen und schlich zur Ecke, um in den Raum spähen zu können. Ich sah eine Person im Laborkittel, ich nahm an, dass es dieser Dr. Lesko sein würde. Ich sicherte das Sturmgewehr, schwang es über die Schulter und zog stattdessen meine Pistole, die ich schussbereit hielt, als ich den Raum dann schließlich betrat.

Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass er mich nicht angreifen wollte. Er war nur relativ unbegeistert über die Störung und als ich ihn in ein Gespräch über die Ameisen verwickelte jammerte er mir etwas darüber vor, wie weit ihn dieser Zwischenfall in seinen Forschungen zurück geworfen hatte. Kein Wort des Bedauerns über die ganzen Menschen, die seinetwegen ihr Leben verloren hatte. Ich war wütend, doch ich bemühte mich, es mir nicht zu sehr anmerken zu lassen. Ich sprach ihn auf Bryan an und dieser Drecksack gab doch tatsächlich zu, zu wissen, dass der Junge am Leben und ganz allein war, wollte sich aber in seinen Forschungen nicht stören lassen. Dass ich es in diesem Moment geschafft habe, ihn nicht so sehr zu verprügeln, dass er mit seinem Kopf Forschungen in seinem eigenen Arsch vornehmen könnte, liegt wohl nur daran, dass er mich im nächsten Satz schon um Hilfe bat. Irgendetwas mit Computer und Injektionen und Wächtern der Königin im Bau der Ameisen. Ich hörte gar nicht richtig zu, erkannte jedoch die Gelegenheit, zur Wurzel allen Übels vorzudringen und hielt mich zurück. Natürlich würde ich dort hingehen und ... was auch immer tun. Natürlich, nicht die Ameisenkönigin töten. Sicher doch!

Ich verließ das provisorische Labor des Doktors auf der anderen Seite, dort war ein weiterer Bahntunnel und nach einigen hundert Metern tat sich in den Schienen ein Loch im Boden auf. Vorsichtig stieg ich hinab, die Pistole hatte ich schon wieder gegen das Gewehr ausgetauscht, das Licht des Pip-Boys erhellte den Weg gerade genug, dass es mir gelang, nicht auf dem rutschigen, von Steinen durchsetzten Erdboden abzurutschen und hinzufallen.

Schon nach der ersten Biegung kamen mir die nächsten Ameisen entgegen, doch hier war das Geräusch der Schüsse gedämpfter, der erdige Boden schluckte den Lärm, statt ihn zu reflektieren und die Luft war drückend schwer, ein wenig feucht und roch nach Schimmel. Ich ging weiter, folgte den gewundenen Gängen, vorbei an dem ein oder anderen Gerät, das Dr. Lesko hier zurückgelassen hatte und begegnete immer wieder weiteren Ameisen.

Als dann ein wenig Licht von vorne in den Tunnel fiel, wurde ich langsamer, spähte vorsichtig um die nächste Ecke. Der Gang weitete sich in eine große Höhle, die vom Licht einiger Lampen und Gerätschaften, die vermutlich der Doktor hier aufgestellt hatte, nur teilweise erhellt wurde. Ich hatte die Höhle noch nicht ganz betreten, als sich fünf - selbst für Riesenameisen - überdimensional große Kreaturen auf mich stürzten. Ich wich sofort in den Tunnel zurück, versuchte eine Wand zwischen mich und die Flammen zu bringen und feuerte blind in die Richtung der Viecher. Ich schoss das Gewehr leer und die Pistole, dann rannte ich in die nächste Deckung, schaffte es irgendwie nachzuladen, schoss wieder. Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, aber am Ende waren diese Dinger tot und ich lebte noch.
Als alles still war und sich nichts in meiner Nähe mehr regte, ließ ich mich erst einmal auf den Boden sinken und lehnte mich an die Wand. Ich fuhr mir über das schweißnasse Gesicht, ein paar Mal war es wirklich knapp geworden und der unangenehme Geruch verkohlter Haare hing in der Luft. Mürrisch tastete ich meinen Kopf ab, da hatte ich schon kaum noch welche, aber zum verbrennen reichte es offensichtlich noch.

Ich nutzte die Zeit, die ich brauchte, um wieder zu Atem zu kommen, um meine Ausrüstung zu überprüfen, die Waffen nachzuladen und die Rüstung abzutasten. Dann erhob ich mich wieder, ging wieder zum Übergang in die Höhle zurück. Alles blieb still, doch nicht vollkommen still. Ich hörte die Geräusche eines Lebewesens, selbst wenn ich sie nicht direkt ausmachen konnte, ich wusste, dass es da war, ich spürte förmlich seine Anwesenheit. Ein großes Lebewesen. Ich nahm an, dass ich das Nest der Ameisenkönigin gefunden hatte.

Wachsam ging ich weiter, doch ich hatte ihre Wächter offensichtlich bereits erledigt, keine sechsbeinigen Feuerspucker kamen auf mich zu, ich kam unbehelligt bis zu dem Computer des Professors. Als ich direkt davor stand, sah ich nach links. Dort, groß wie ein Auto, lag die fette, ekelhafte Ameisenkönigin in einer Pfütze von vermutlich radioaktivem Wasser. Flügel zierten ihren Rücken, als ob sie jemals fliegen könnte, ich bezweifelte sogar, dass dieses Ding überhaupt noch laufen konnte. Ich holte drei Granaten aus meinem Rucksack, entsicherte sie.

Ich muss zugeben, dass ich den Doktor irgendwie verstehen kann. Diese ganzen Tiere können nichts dafür, was aus ihnen gemacht wurde. Wir sind schuld, wir Menschen. Wir haben diese Welt zerstört, eine Welt, die nicht nur uns gehört hat, wir haben ihnen das angetan, wir haben all die friedlichen Kreaturen der Vorkriegszeit zu grauenhaften Monstern mutieren lassen, Monstern die von Hass und Hunger getrieben durch eine leblose Welt streifen müssen. Die Menschen angreifen, weil es sonst nicht mehr viel gibt, was man noch jagen kann.
Doch diese Gedanken hielten mich nicht davon ab, die Granaten in die Richtung der Ameisenkönigin zu werfen und hinter dem Schreibtisch in Deckung zu gehen. Als sich der erste Staub gelegt hatte, konnte ich erkennen, dass sie zwar schwer getroffen, aber noch immer am Leben war. Ich nahm das Gewehr und schoss, verdrängte den Gedanken daran, ob das, was ich hier tat, richtig war. Ich rief mir Bryan ins Gedächtnis, wenn ich die Königin nun nicht tötete, würde ihre Brut vielleicht irgendwann den Vater eines anderen Kindes umbringen.

Ich konnte mir den Luxus, an Angehörige einer anderen Spezies zu denken, im Moment einfach nicht leisten.


Als die Ameisenkönigin sich nicht mehr rührte, stellte ich das Feuer ein, sicherte die Waffe und hing sie mir wieder über die Schulter. Von einer unbestimmten Traurigkeit erfüllt ging ich zum Computer zurück, knackte das Passwort und löschte alle Aufzeichnungen die ich finden konnte, zerstörte das Serum, das in einem Tank neben dem Computer stand und nahm am Ende noch eine Metallstange, die hier lag und schlug auf alles ein, bis auch das letzte Lämpchen erloschen war.

Wirklich zufrieden war ich nicht. Ich ging durch das Höhlensystem zurück, über die Gleise und zurück zum Doktor. Für die Erledigung der Aufgabe hatte er mir eine Belohnung versprochen, doch mit der rechnete ich nach dem, was ich getan hatte, nicht mehr. Kurz angebunden erklärte ich ihm, was ich von seinen Versuchen hielt, dass ich alles zerstört und die Königin getötet hatte und dass er vielleicht mal zuerst an seine eigene Rasse denken sollte. Dann ließ ich ihn stehen. Vielleicht würde er mit der Forschung weitermachen und von vorne anfangen, vielleicht würde er es aufgeben, es war mir egal.

Ich ging durch die Bahntunnel zurück, die Rolltreppe hinauf und mein Blick fiel auf ein kleines Kassenhäuschen. Ich weiß nicht, warum, aber die Neugier trieb mich dorthin, vermutlich hoffte ich, noch irgendetwas brauchbares zu finden, vielleicht wenigstens ein wenig Geld.
Was ich fand war ein Skelett.
Neben ihm lag noch eine Waffe und eine kleine Kassette. Ich steckte beides ein und ging, noch ein kleines Bisschen deprimierter als vorher.

Unbehelligt kam ich bis zu Bryan zurück. Ich klopfte an den Bunker, er öffnete die Tür und ich erklärte ihm, was vorgefallen war, dass ich die Ameisenkönigin getötet und die Forschungen vernichtet hatte. Er bedankte sich bei mir, doch ich konnte sehen, dass es nur ein kleiner, ein sehr kleiner Trost war. Hilflos sah er mich an, fragte mich, was er denn jetzt machen sollte.
Ich nahm seine Hand, führte ihn ins Diner hinein und wir setzten uns hin. Er erzählte mir, dass er in Rivet City noch eine Tante hat, zu der er gehen könnte und ich musste an die Lage von Rivet City auf der Karte denken. Mitten in D.C. Ich schlug ihm vor, dass er erst einmal mit mir mitkommen könnte und wir würden sehen, wie es dann weitergehen würde. Zum ersten Mal seit der schrecklichen Nachricht schien sich ein klein wenig Hoffnung in seinen Blick zu schleichen.

"Warte hier noch ein wenig, ja? Ich möchte noch etwas erledigen."
Bryan sah mich fragend an und ich erklärte ihm, dass ich nicht vorhatte, seinen Vater im Haus liegen zu lassen. Dankbar schenkte der Junge mir ein ganz, ganz schwaches Lächeln.
Ich machte mich auf dem Weg, schichtete in einem vollkommen verfallenen Gebäude ohne Dach Bretter, Planken und Möbelteile aufeinander, übergoss alles mit allem Alkohol, den ich finden konnte. Dann holte ich eine Decke vom Bett, wickelte die Leiche von Bryans Vater hinein und schleppte ihn zu dem provisorischen Scheiterhaufen.

Ich ging zum Diner zurück und holte Bryan ab. Der klammerte sich an meine Hand, als wir losgingen und ich wünschte mir so sehr, mehr für ihn tun zu können. Ich fragte ihn, ob er seinen Vater noch einmal sehen wollte, doch er schüttelte den Kopf. Das konnte ich verstehen, er sollte ihn lieber lebendig in Erinnerung behalte. Am Haufen angekommen nahm ich ein Streichholz und entzündete den Alkohol. In Sekundenschnelle stiegen die Flammen auf, umrundeten den gesamten Holzhaufen, züngelten um den Stoff herum. Die Hitze trieb mir die Tränen in die Augen. Oder vielleicht war es nicht die Hitze, ich schämte mich nicht, ich hielt Bryans Hand, bis er sich abwandte.
"Können wir gehen?", fragte er ganz leise und ich nickte, führte ihn zu seinem Haus und sagte ihm, er solle alles einpacken, was er mitnehmen will. Es dauerte nicht lange. Er kam mit einem kleinen Rucksack wieder, in dem sich vermutlich all seine Habe befand. Gemeinsam machten wir uns zurück auf den Weg nach Megaton.

Die meiste Zeit schwiegen wir, ich erklärte ihm nur kurz, was ihn in Megaton erwarten würde, dass ich dort ein Haus hatte und dass er bei mir bleiben konnte, so lange er wollte.
Es war früher Nachmittag, als wir mein Haus erreicht hatten. Ich bat den Jungen, sich eine Weile irgendwo hin zu setzen, dann schnappte ich mir einen Karton, sammelte alle Alkoholflaschen ein, die ich finden konnte. Ich wollte das Zeug nicht im Haus haben, wenn ein Junge hier wohnte und da ich die Selbstvorwürfe noch immer nicht ganz vergessen konnte, wollte ich es auch selbst nicht mehr im Haus haben.
Ich brachte die Flaschen in den Saloon und verkaufte sie Gob, der sich über diese Entscheidung zu freuen schien. Ich erklärte dem Ghul kurz, welchen Gast ich zur Zeit hatte und bat ihn, ein Auge auf den Jungen zu haben, sollte mir etwas zustoßen. Gob stimmte zu.

Dann kaufte ich bei Moira ein paar Decken, Kissen und Brahmin-Milch und kehrte nach Hause zurück. Ich machte das Bett im Schlafzimmer neu und bereitete mir selbst aus den restlichen Decken und Kissen im Nebenraum einen neuen Schlafplatz.
Als ich fertig war, saß Bryan noch immer auf einem Sessel im großen Raum und starrte ins Nichts. Ich sprach ihn vorsichtig an, dann zeigte ich ihm sein Bett, gab ihm einen alten Koffer für seine Sachen, den er unter das Bett schieben konnte und holte zwei Schüsseln und Cornflakes aus der Küche. Irgendwie gelang es mir, ihn dazu zu bringen, wenigstens ein bisschen zu essen, dann wollte er schlafen gehen.
Ich brachte ihn ins Bett und setzte mich zu ihm, bis er eingeschlafen war. Selbst im Schlaf sah er noch so unglaublich traurig aus, dass mir das Herz schwer wurde.

Ich ging wieder hinunter, räumte die Beute des Tages aus meinem Rucksack, sortierte die Dinge, die ich behalten wollte, in die Schränke und kippte den Rest in eine Kiste. Den Waffen- und den Medikamentenschrank schloss ich vorsichtshalber ab, ich wollte nicht, dass der Junge drankommen konnte, auch wenn ich davon ausgehen muss, dass sowieso jedes Kind im Ödland, das es irgendwie geschafft hat, acht Jahre alt zu werden, weiß, wie man mit einer Waffe umgeht und wozu Medikamente da sind.

Dann setzte ich mich an meinen Schreibtisch und schrieb ins Tagebuch, wobei ich jetzt immer wieder zu Bryan sehe, der sehr unruhig schläft. Ich weiß, dass ich im Moment nicht mehr für ihn tun kann, doch das macht es nicht sehr viel besser. Gleich werde ich schlafen gehen und hoffen, dass die Welt morgen ein ganz kleines bisschen positiver aussehen wird.
Heal My Wounds #stars The Shining Light

» No one’s arguing about the need for a plan.
Your plan is just stupid and won’t work.
«
:create

45

Sunday, March 4th 2012, 9:37pm

Wieder ein schöner Eintag von Jonas. Laulajatar, du schreibst einfach wunderbar. :freunde Ich freue mich schon auf den nächsten Sonntag. :wackler
:D Input - output - kaputt

46

Monday, March 5th 2012, 1:32am

Ich danke dir für die Motivation, Hevel :freunde

Die zur Zeit wirklich ein wenig zu wünschen übrig lässt bei mir :rolleyes:
Aus lauter Frust habe ich heute Adopt Bryan Wilks übersetzt, inkl. Soundfiles. Da bin ich jetzt einfach mal ein ganz kleines bisschen stolz drauf :floet


Kennt irgendjemand eine Alternative zu Wasteland Travellers? Habe gerade Not alone in the Wasteland anymore gefunden. Ich hätte gerne ein bisschen mehr Gesellschaft da draußen ^^ Müsste aber sowieso beide für mich anpassen. Die werde ich mir wohl im Laufe der Woche noch anschauen. Ich suche nämlich noch mehr Menschen und mehr Interiors.
Heal My Wounds #stars The Shining Light

» No one’s arguing about the need for a plan.
Your plan is just stupid and won’t work.
«
:create

47

Monday, March 5th 2012, 5:00pm

Mich haben gerade sämtliche RPG- und Schreibgötter erhört :jubel

Ich war ja am Grübeln, wie ich Jonas jetzt nach Norden bekomme, weil er ja eigentlich nach Rivet City müsste. Da bekomme ich doch die Quest, von wem auch immer, eine Nachricht nach Arefu zu bringen. Und was ist genau der Ort, wo ich weitermachen wollte? :beifall

Spoiler Spoiler

Active Mod Files:
00 Fallout3.esm
01 Anchorage.esm
02 BrokenSteel.esm
03 PointLookout.esm
04 ThePitt.esm
05 StreetLights.esm
06 Selected Containers Respawn.esm
07 DCInteriors_ComboEdition DV.esm
08 Survival of the Fittest - Needs.esm
09 LeatherBackpack - deu.esp
0A Katis_Outfits2_german.esp
0B Laulas Kiste mit Kram.esp
0C EssentialFollowers+Caravans.esp
0D Survival of the Fittest - GMST.esp
0E Survival of the Fittest - Anchorage.esp
0F Survival of the Fittest - Pitt.esp
10 Survival of the Fittest - Point Lookout.esp
11 Survival of the Fittest - Broken Steel.esp
12 Survival of the Fittest - Water Kit Placement.esp
13 ACE2-0.esp
14 Selected Containers Respawn.esp
15 IntoTheDeepWoods.esp [Version 1.061]
16 NotSoFast.esp [Version 1.07]
17 Shadows and Dust - Southwest DC - Public.esp
18 UPP - Pack 1.esp
19 UPP - Pack 2.esp
1A UPP - Original Perks.esp
1B UPP - Quest Perks.esp
1C UPP - Experience Perks.esp
1D Lily.esp
1E Adopt Bryan DV.esp
1F Unique Dogmeat.esp
20 MTC Wasteland Travellers DV.esp [Version 2.0]
21 MTC Wasteland Travellers (Optional)- Crowded Cities less NPCs DV.esp
22 MiniHideout.esp
23 Canterbury Commons Home.esp
24 Megaton House.esp
25 Game_WastelandTravel.esp
26 SomePoses.esp
27 NBstoryposes.esp
28 ObjectPoses.esp
29 Auto Aim Fix v1.1.esp
2A Slightly Deadly Radiation.esp
2B Sprint- and Grenade-O-Matic.esp
2C CASM.esp


Ich habe jetzt neue Klamotten, Interiors, Wanderer, Körperteilschaden, 2 Questmods, Bryan wirklich mitgenommen, einen Sprintknopf, Hunger, Durst, Müdigkeit, ein Motorrad, mit dem ich statt schnellreisen in alle großen Städte fahren kann und ein schönes Canterbury-Häuschen :love
Da muss ich einfach mal noch ein paar Bilder anhängen, die nichts im Tagebuch an sich verloren haben.



Lone Wanderer


(Experimentelle Hundetextur... Sam bleibt jetzt doch ein Schäferhund.)

Canterbury Commons Night


(Da hatte ich mal eine andere Wettermod ausprobiert.)


Im Übrigen ist das jetzt das erste Mal, dass ich wieder spielen kann, seit ich angefangen habe zu schreiben
Heal My Wounds #stars The Shining Light

» No one’s arguing about the need for a plan.
Your plan is just stupid and won’t work.
«
:create

LilaMue

Bewahrerin autonomer Mymlas

  • Send private message

48

Tuesday, March 6th 2012, 1:40am

Ich verfolge Deine Zeilen immer wieder, und ich muss leider sagen, dass ich seitdem nicht mehr Fallout gespielt habe.....
das Lesen scheint interessanter zu sein :D
:meditieren
"Erfahrung ist der Anfang aller Kunst und jedes Wissens... oder so!"
(Aristoteles 384 - 322 v. Chr. + LilaMue)


Mein Projekt: LMWW
Meine neue Mod: Bärchen in Skyrim


49

Tuesday, March 6th 2012, 5:33pm

Verfolge deine Geschichte auch immer wieder gerne.
Glaube aber, dass ich doch den ein oder anderen Tagebucheintrag verpasst habe.
Jedenfalls hat mich deine Geschichte dazu animiert auch mal wieder in die Welt von Fallout 3 einzutauchen
und ich hab meine ganzen auf externer Festplatte gespeicherten Mods zusammen mit dem Spiel wieder installiert.
Es ist unglaublich was ich im Spiel für ein Waffenarsenal zur Verfügung hatte. 8-o
Leider ist es bisher beim Mods erneut auszuprobieren geblieben.
Bin inzwischen wieder nach Skyrim zurück gekehrt um meinen neuen Char zu "gestalten".
Kann aber jetzt jederzeit in FO3 eintauchen wenn es mich überkommt.
Und wenn ich deine tolle Geschichte weiter verfolge, könnte das sehr bald sein.

Weiter so :thumbup

50

Friday, March 9th 2012, 12:27pm

Ich danke euch beiden für eure lieben Worte :freunde


Ich habe vor ein paar Tagen - nach 34 Stunden Spielzeit - bemerkt, dass man Löcher in Dinge schießen kann :doh:
Ich bin offensichtlich nicht zerstörungswütig genug.


Aber mal was anderes: Kennt jemand eine gute Seite über die Unterschiede Oblivion/Fallout-Modding?
Ich lese gerade immer wieder etwas von einem Merged Patch mit FO3Edit, ist das vergleichbar mit dem Bashed Patch?
Über so Sachen wie Texture-Sets und die eine oder andere neue Funktion bin ich schon gestolpert, aber gibt es da irgendwo eine Zusammenfassung?
Offensichtlich kann man ja jetzt mit ESMs auch den Hauptworldspace bearbeiten, was in Oblivion ja nicht ging.

Bisher tue ich einfach genau das, was ich in Oblivion auch getan habe, aber ob das dauerhaft reicht?
Weiß jemand etwas, worauf ich unbedingt achten sollte, wenn mein Jonas nicht irgendwann durch ein schwarzes Loch fallen soll? :D
Heal My Wounds #stars The Shining Light

» No one’s arguing about the need for a plan.
Your plan is just stupid and won’t work.
«
:create

51

Sunday, March 11th 2012, 12:41pm

... irgendwie bin ich heute wieder über das Ziel hinaus geschossen :floet
Und das, wo die Vault eigentlich auch noch aus meiner Vor-Tagebuch-Phase kommt und ich nur noch einmal für Wegbeschreibungen hinein bin.
Naja.
Und im GECK habe ich festgestellt, dass ich einen Haufen Notizen übersehen haben muss. Bin echt blind wie ein Maulwurf, was das anbelangt, also weiß Jonas eben ein paar Sachen nicht. Ist vielleicht besser so *hüstel*



29-September-2277
ÖDLAND

[Bei dem folgenden Eintrag sind die Zeilen ein wenig schief geraten, einige Buchstaben zu nah beisammen, andere Wörter zu weit auseinander. Ein verschmierter, rostroter Streifen zieht sich am Rand entlang.]


L5&uWAZn! ?i(986fgT dr%t5B2Hr =oP4A76Gh 2?B-Gh7.4


Es ist so dunkel, dass ich die Seiten und meine Schrift kaum erkennen kann, aber ich traue mich auch nicht, das Licht meines Pip-Boys heller leuchten zu lassen. Ich liege auf meinem Schlafsack, in einem zerstörten, verlassenen Haus, über mir das einzige Stückchen der Zimmerdecke, das noch existiert und den Blick auf den sternklaren Himmel verdeckt.
Den Tag heute hatte ich mir anders vorgestellt. Aber ich lebe noch, auch wenn das das einzig Positive ist, das sich über den heutigen Tag sagen lässt.

Heute bin ich vor Bryan aufgewacht. Der arme Junge muss ziemlich erschöpft gewesen sein, was ich aber sehr gut nachvollziehen kann. Ich habe das Frühstück vorbereitet, noch ein wenig aufgeräumt und als er dann immer noch schlief habe ich das Haus verlassen und bin zum Saloon geschlendert. Um die Zeit ist dort normalerweise nicht viel los und ich kann ein paar ungestörte Worte mit Gob wechseln.
So war es auch heute, ich erzählte ihm ausführlicher von meinem kleinen Abenteuer in Grayditch und wie ich an den Jungen geraten war und er berichtete mir von Moriartys neuesten Gemeinheiten. Wir unterhielten uns auch über die Hauptstadt und ich gestand ihm, dass ich momentan nicht genug Mut hatte, nach Rivet City zu gehen und dort die Tante von Bryan zu suchen - noch dazu, da ich den Jungen ja würde mitnehmen müssen. Er konnte mir auch keinen sicheren Weg empfehlen, was aber wohl daran lag, dass im Ödland absolut nichts sicher ist. Gerade, als ich darüber nachgrübelte, was ich von nun an tun würde - einfach hier in Megaton bleiben oder nicht, und falls ja, wovon ich leben sollte - sprach mich eine Frau an. Sie stellte sich als Lucy West vor und meinte, dass ich doch aussähe, wie ein Abenteurer, ob ich für sie nicht eine Nachricht zu ihren Eltern nach Arefu bringen könnte. Der Name sagte mir nichts und ich ließ mir den Ort auf meiner Karte zeigen. Es schien nicht zu weit weg zu sein, ich erkundigte mich - zugegebenermaßen ein wenig misstrauisch - nach Gefahren und sie zählte nur die üblichen auf: Tollwütige Bestien, Raider, Strahlung.
Ich rang kurz mit meinem Gewissen, dann nahm ich den Auftrag an. Lucy versicherte mir, dass sie sich eigentlich keine Sorgen macht, dass sie nur davon ausgeht, dass ihre vorherigen Briefe ihre Eltern einfach nicht erreicht haben. Ich verabschiedete mich von ihr und von Gob und ging zurück nach Hause.

Bryan war inzwischen aufgewacht, saß am Tisch, wartete jedoch noch auf mich. Ich setzte mich zu ihm und wir frühstückten. Nach einer Weile des Schweigens sprach ich bei ihm ähnliche Themen an, wie bei Gob. Ich erklärte ihm, dass ich ihn sehr gerne eines Tages nach Rivet City bringen würde, ich aber vorher einen halbwegs sicheren Weg entdecken müsste und mir im Augenblick einfach der Mut dafür fehlt. Er schien das verstehen zu können.
Als nächstes kam ich auf den Auftrag, den ich erhalten hatte, zu sprechen. Es klang eigentlich ganz einfach, ich sollte ja schließlich nur einen Brief überbringen und würde dafür bezahlt werden. Nur würde ich Bryan dafür alleine lassen müssen, mindestens einen Tag lang. Doch der Junge versicherte mir, dass das kein Problem sei, in Grayditch wäre er ja auch alleine gewesen.

Es berührt mich, wie tapfer er mit der ganzen schrecklichen Situation umzugehen versucht. Ich klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter und versprach Bryan, ihm Sam zur Gesellschaft da zu lassen. Dann gab ich ihm den Ersatzschlüssel, den ich angefertigt hatte. Ich zögerte, doch schließlich erklärte ich ihm auch, dass sich Gob um ihn kümmern würde, sollte ich aus irgendeinem Grund nicht mehr zurück kehren. So einfach diese Mission auch klingen mochte, ein Raider zu viel konnte mein Ende bedeuten.

Um keine Zeit zu verlieren und vielleicht am gleichen Tag noch zurück kommen zu können bereitete ich mich dann vor. Meinen Rucksack von Vortag konnte ich genau so mitnehmen, die Nahrungsmittel und Medikamente für den Notfall waren noch drin, den Schlafsack rollte ich zusammen und band ihn daran. Den Brief steckte ich in eine Seitentasche, faltete dann noch meine normale Kleidung zusammen und legte sie ebenfalls in den Rucksack. Ich überprüfte meine Waffen, nahm das Sturmgewehr, einige Granaten, ein Messer und mit einigem Zögern eine abgesägte Schrotflinte mit. Ich hatte die verheerende Wirkung vom letzten Mal noch nicht vergessen, doch meine Pistole musste ich dringend genauer überprüfen und ein paar Kleinigkeiten reparieren und dazu fehlte mir die Zeit.
Schließlich nahm ich auch meinen Hut vom Regal und zog einen ärmellosen Mantel über die Rüstung. Als ich fertig war befahl ich Sam, bei Bryan zu bleiben, was der Hund mit einem fragenden Winseln quittierte.

"Keine Sorge ihr zwei, ich bin bald zurück."

Ich konnte spüren, wie zwei Augenpaare meinen Schritten zur Tür folgten und drehte mich noch einmal um, um betont unbesorgt zu winken. Es konnte so viel passieren, doch sich im Voraus den Kopf darüber zu zerbrechen, würde auch zu nichts führen.
Ich ging direkt zum Tor von Megaton, verließ die Stadt und entdeckte direkt vor den Toren eine Karawane. Die Gelegenheit nutzte ich, noch ein wenig mehr Munition zu kaufen, man konnte ja nie wissen. Dann sah ich auf meinen Pip-Boy und drehte mich, bis ich in die richtige Himmelsrichtung sah.

Es war noch früh, die Sonne stand noch recht tief und ich zog den Hut tiefer, um nicht zu sehr geblendet zu werden. Der trockene Boden, die blanken Felsen, das blasse Gras, all das reflektierte die goldenen Strahlen und ließ mir den Morgen wärmer erscheinen, als er tatsächlich war. Ein leichter Wind wirbelte ein wenig Staub auf, ich atmete den trockenen, sterilen Geruch des Ödlands ein. Ich muss gestehen, ich habe mich sogar ein wenig auf die Reise gefreut. Ich glaube nicht, dass ich einfach in Megaton bleiben könnte, es zieht mich hinaus, egal wie gefährlich es sein mag. Dieses tote Land hat eine ganz eigene Schönheit und vielleicht habe ich auch irgendwo die Hoffnung, eines Tages mehr zu finden, ein klein wenig Leben, das nicht wie die mutierten Kreaturen danach trachtet, alles anzugreifen, das ihm über den Weg läuft.

Ich lief los, doch schnell wurde mir klar, dass ich den direkten Weg nicht würde nehmen können, die Felsbrocken versperrten ihn. Also wandte ich mich nach Westen und kam bald an eine alte Straße, der ich eine Weile folgte. Die Sonne stieg langsam höher, die Straße verlief in sanften Kurven und das leise Auftreten meiner Schritte auf dem geborstenen Asphalt war das einzige Geräusch, das an meine Ohren drang. Zumindest bis mir wieder Schüsse um selbige pfiffen. Zum Glück befand ich mich gerade in der Nähe einer großen Plakatwand, als irgendjemand das Feuer auf mich eröffnete. Ich rannte die letzten Meter, ging in Deckung, zog die Schrotflinte und schlich mich bis an den Rand des Plakates vor. Durch einen Spalt konnte ich die Angreifer entdecken, mindestens drei und das Zeichen, das sie auf ihren schwarzen Rüstungen trugen, kam mir verdammt bekannt vor. Ich hatte eine Stunde damit verbracht, es von meiner abzukratzen.

Da ich nun davon ausgehen konnte, dass diese netten Herren auch wieder einen Mordauftrag in ihren Taschen hatten, warf ich schnell alle Bedenken über Bord. Ich wartete, bis der erste sich mir weit genug genähert hatte, beobachtete seine Schritte durch den winzigen Spalt hindurch und als er sich fast direkt auf der anderen Seite der Plakatwand befand begrüßte ich ihn mit zwei Schrotpatronen. Ich zog mich eilig zurück, lud nach denn den anderen hatte ich nun natürlich meine Position verraten. Eilige Schritte näherten sich, ich wartete angespannt und als der Söldner um die Ecke kam, schossen er und ich gleichzeitig. Er verfehlte mich, ich traf, doch mir blieb keine Zeit, mich darüber zu freuen, der zweite war jetzt auch um das Plakat herum gelaufen und seine Kugeln erwischten mich. Die Rüstung hielt stand, doch der Aufprall trieb mir die Luft aus den Lungen, ließ mich vergeblich nach Luft schnappen und ich ließ mich zu Boden fallen, rollte unter der Tafel hindurch und zog mich auf der anderen Seite mit zitternden Händen nach oben. Während ich um Atem rang beobachtete ich den Schatten, den die Beine des Söldners unter die Plakatwand warfen.
Ich sah hinter mich, entdeckte ein paar Felsen und handelte, ohne lange zu überlegen. Ich war angeschlagen, er nicht, ich würde es sowieso schnell beenden müssen, mit jedem Augenblick würden meine Chancen schlechter werden. Ich zog mit einer Hand eine Granate aus der Tasche, entsicherte sie, rannte zwei Schritte zurück und sprang dann hinter die Felsen, direkt nachdem ich sie unter der Plakatwand hindurch geworfen hatte.

Nach der Explosion richtete ich mich sofort wieder auf, auch wenn mein Brustkorb mir verriet, dass diese kleine Akrobatikeinlage sich nicht gerade positiv auf meine geprellten Rippen ausgewirkt hatte. Es war alles still, ich hatte den dritten wohl erwischt, mehr von ihnen schienen nicht hier gewesen zu sein. Langsam, die Schrotflinte noch immer schussbereit, näherte ich mich den Toten, kniete mich neben sie und durchsuchte ihre Taschen. Ich nahm Kronkorken und Medikamente mit, steckte die Waffen ein, ließ ihnen den Rest, die Rüstungen waren sowieso durchlöchert und voll Blut. Ganz zu schweigen von dem letzten Söldner, von dem allgemein nicht mehr sehr viel übrig war. In der Tasche des zweiten fand ich tatsächlich einen weiteren Kopfgeldauftrag. Irgendjemand da draußen hat mich offensichtlich ganz doll lieb.

Ich überlegte kurz, ob ich nach Megaton zurückkehren und es an einem anderen Tag nochmal versuchen sollte, entschied mich aber nach einem Blick auf meine Karte dagegen. Ich war schon so weit gekommen, den Rest würde ich auch noch packen. Dachte ich.

Nachdem ich sichergestellt hatte, dass meine Rüstung nicht zu stark beschädigt und meine Waffe wieder voll geladen waren, ging ich weiter.
Ich kam nur ein paar hundert Meter weit, dann ließ ein Brüllen mich herum fahren. Nur eine Handvoll Schritte von mir entfernt stand die widerlichste Kreatur, der ich bisher begegnet bin. Ich meine, Maulwurfsratten und Brahmins sind nicht gerade Schönheiten, Mirelurks sind bedrohlich, dabei aber gar nicht mal so hässlich, doch dieses Ding? Es war riesig, hatte kleine, bösartige Augen, einzelne verfilzte Haarbüschel, die Muskeln zeichneten sich unnatürlich stark unter der ungesund grünbraunen Haut ab und seine Gliedmaßen endeten in gigantischen Klauen. Yao Guai war der erste Gedanke, der mir in den Sinn kam; ob ich damit richtig liege, weiß ich nicht, wenn ich zurück in Megaton bin, werde ich jemanden fragen.

Ich stolperte auf jeden Fall zurück, riss die Waffe hoch und schoss, doch die beiden Schrotladungen schienen das Ding nur unwesentlich auszubremsen. Ich drehte mich um und rannte, auf einen Felsen zu, um ihn herum, mir war klar, dass ich dem Wesen über keine längere Strecke würde davonlaufen können, ich ließ die Schrotflinte fallen und riss das Sturmgewehr vom Rucksack, entsicherte es noch während ich weiter rannte, als ich die klauenbewehrten Pranken auf dem harten Boden hören konnte. Die Panik ließ mich trotz schmerzendem Brustkorb in Windeseile auf einen weiteren Felsbrocken klettern, ich nutzte den winzigen, winzigen Vorsprung und schoss, bis das Magazin leer war.
Auch als die Kreatur reglos am Boden liegen blieb, kletterte ich noch nicht gleich wieder nach unten, sondern blieb noch eine Weile auf dem Felsen sitzen. Das Herz klopfte mir bis zum Hals, das Blut rauschte in meinen Ohren und ich musste mich dazu zwingen, wenigstens die Umgebung nach Bewegungen abzusuchen, wenn ich hier schon wie auf dem Präsentierteller sitzen blieb.
Doch alles wahr ruhig, anscheinend war dieses Wesen alleine unterwegs gewesen. Ich nahm ein paar Patronen aus der Tasche, lud das Gewehr nach und befestigte es dann wieder an meinem Rucksack, ehe ich mich vorsichtig an den Abstieg machte. Meine Knie zitterten noch immer und ich wollte nicht abrutschen. Ich sammelte meine Schrotflinte wieder ein, lud auch sie nach und starrte dann die riesige Kreatur an, die aus der Nähe noch viel größer wirkte.

Ich dachte an die alte Frau, die ich auf dem Weg zum Memorial getroffen hatte. Und solche Dinger - vorausgesetzt natürlich, das hier war ein Yao Guai - jagten ihre Söhne freiwillig? Ich schüttelte den Kopf, doch ihre Worte gingen mir nicht aus dem Sinn. Die Söhne jagten sie, weil das Fleisch besser als das der anderen Kreaturen hier im Ödland ist und sich auch besser verkaufen lässt.
Ich nahm das Messer von meinem Gürtel und sah unschlüssig zu dem Ding. Schließlich ging ich neben ihm in die Hocke, streckte zögernd eine Hand aus und berührte ein Bein. Ein paar kurze Borsten, Überbleibsel von Fell vielleicht, die Haut war widerlich schmierig, die festen Muskeln verrieten mir, was mit mir passiert wäre, wenn so eine Klaue mich erwischt hätte.
Ich legte das Bein zurecht und es kostete mich noch viel mehr Überwindung, das Messer anzusetzen. Ich versuchte zwar, mir einzureden, dass das Essen, das ich in Megaton kaufen konnte, sein Dasein auch einmal nicht viel anders begonnen hatte, aber viel half das nicht. Ich beeilte mich, ein paar Stücke heraus zu schneiden, die für zwei großzügig bemessene Mahlzeiten reichen würden; länger würde es wohl sowieso nicht halten und das letzte, was ich gebrauchen konnte, war vergammeltes Fleisch in meinem Rucksack.
Ich wickelte die Stücke in ein Tuch ein, legte sie dann in einen Lederbeutel, der hoffentlich ein wenig dicht war. Als ich fertig war starrte ich auf meine blutverschmierten Hände. Es fühlte sich einfach falsch an und ich weiß noch immer nicht, warum. Eigentlich ist es doch nur vernünftig, in einer Welt, in der es fast nichts gibt, das wenige das man findet auch zu nutzen.

Ich hatte keine Lust, darüber zu philosophieren, ich wischte mir die Hände und das Messer an einem weiteren Tuch ab und stand auf. Als ich dann weiter ging, war meine Stimmung nicht mehr annähernd so gut wie am Morgen.

Durch die beiden Kämpfe war ich ein wenig vom Weg abgekommen und nach einem kurzen Blick auf die Karte beschloss ich, auch nicht dorthin zurück zu kehren, sondern querfeldein weiter zu gehen. Die Sonne stand inzwischen etwas höher, ich war froh, meinen Hut mitgenommen zu haben und behielt aufmerksam die helle Landschaft im Blick, die Schrotflinte immer schussbereit an meiner Seite.
Ich kam unbehelligt voran, lief auf einem sandigen Weg zwischen den allgegenwärtigen Felsen entlang, bis ich den Zaun sah. Einfach nur ein Zaun, genau so verfallen und dreckig, wie alles andere im Ödland, doch er weckte meine Neugier, denn wo ein Zaun war, gab es vielleicht auch einmal etwas anderes, vielleicht ein wenig Beute, vielleicht nur ein wenig Abwechslung.
Ich ging näher heran, betrat das eingezäunte Gebiet, doch nichts ließ darauf schließen, warum sich hier jemand die Mühe gemacht hatte, ihn zu errichten. Dann sah ich die Bretter, die eine Öffnung in der Felswand versperrten, grob zusammengezimmert, eine Tür. Ich dachte an meine Vault, ich dachte an die andere Vault, die ich entdeckt hatte und das Herz schlug mir mit einem Mal bis zum Hals. Sollte ich wirklich eine weitere Vault gefunden haben?

Mein Auftrag war augenblicklich vergessen, ich ging zu den Brettern, klappte sie zur Seite und ließ das Licht des Pip-Boys in den dunkel gähnenden Eingang leuchten. Ich konnte nur ein paar Schritte weit sehen, meine Augen waren zu sehr an die Helligkeit des Ödlands gewöhnt und ich musste weiter in die Höhle gehen, um heraus zu finden, ob ich Recht hatte, oder nicht. Ich tastete mich Schritt für Schritt voran, mit jedem einzelnen davon wurde meine Aufregung größer und dann sah ich sie, die Stahltür. Eine 106 zierte ihre Mitte. Einige Augenblicke lang blieb ich einfach nur stehen und starrte sie an, bemerkte gar nicht, wie meine Handflächen feucht geworden waren.


Die Aufregung darüber, wieder so etwas vertrautes zu sehen, solch eine Erinnerung an meine Kindheit, vermischte sich mit der unterschwelligen Furcht, als ich an die letzte Vault - 108 - dachte und was sich darin schreckliches abgespielt haben mochte. Kein Grund zur Sorge, redete ich mir ein, all die anderen Vaults scheinen sich schon vor vielen, vielen Jahren geöffnet zu haben, zumindest soweit ich gehört hatte.

Das einzige, was mich wunderte: Die Tür war verschlossen.

Automatisch ging ich zum Schaltpult, aktivierte es und gab den Befehl, die Tür zu öffnen; ein klein wenig Geschick war dafür schon notwendig, aber es war das gleiche Programm wie in Vault 101 und ich fand mich schnell zurecht. Als ich dann tief aus dem Berg das Geräusch des Arms hörte, der sich in der Tür verankerte, um sie aufzudrehen, hielt ich unwillkürlich die Luft an.

Wie in Zeitlupe wurde die Tür zurück gezogen, bis sich die Zähne befreit hatten, dann zur Seite gedreht. Ich wartete ab, bis sie ganz offen war, ehe ich es wagte, loszugehen. Vorsichtig, Schritt für Schritt.

Der Eingangsraum war rostig, heruntergekommen und bestätigte nur meinen Verdacht, dass diese Vault schon lange verlassen war und die Tür verriegelt worden war, damit sich niemand hinein verirrte. Doch etwas störte mich. Es dauerte ein paar Sekunden, ehe ich bemerkte, was es war: Das Schaltpult auf der Innenseite fehlte. Ich sah mich um, lief ein paar Meter, drehte mich um, suchte weiter, doch es war nirgends zu finden. Ein ungutes Gefühl breitete sich in meinem Magen aus. Nein, dafür konnte es dutzende Erklärungen geben. Trotzdem grübelte ich kurz, ob ich wirklich weitergehen wollte, allein der Gedanke, irgendjemand könnte das Tor schließen, während ich hier drinnen war und ich wäre den Rest meines Lebens alleine in einer verlassenen Vault gefangen, lähmte mich fast.

Doch schließlich gewann die Neugier die Oberhand, auch wenn ich noch einmal zum Schaltpult auf der Außenseite zurück ging und es nach allen Regeln der Kunst sperrte. Als ich fertig war, hatte ich so viele Passwörter eingerichtet, dass ich sie mir im Tagebuch notieren musste. Jeder, der versuchen würde, mich einzusperren, würde hoffentlich länger damit beschäftigt sein, sie zu knacken, als ich brauchen würde, die Vault zu durchsuchen.

Als ich damit fertig war, machte ich mich daran, die Vault zu erforschen. Alles hier fühlte sich wieder so vertraut an und beim Gedanken an meine Kindheit, an meinen Vater, an meine Freunde, überkam mich mit einem mal eine grenzenlose Traurigkeit. So faszinierend, so weit und frei das Ödland auch war, ich konnte nicht vergessen, dass ich alles andere verloren hatte. Ich drängte den Gedanken in den Hintergrund und ging weiter.

Zuerst suchte ich das Büro im Eingangsbereich auf. Hier war alles verrostet, umgestürzt und größtenteils unbrauchbar, ich durchsuchte ein paar Schränke, fand nichts weiter. Als nächstes durchstöberte ich die Büros der Vault-Wachen. Hier sah es ähnlich aus, doch ein Computer war noch funktionstüchtig. Ich schaltete ihn ein, knackte den Zugang und las ein paar alte, nichtssagende Dateien. Im Nachhinein kommt mir eine ins Gedächtnis: Der Aufseher sprach von einer Fehlfunktion des Lüftungssystems und dass kein Grund zur Sorge bestünde.
Fehlfunktion. Ich weiß nicht, was dort passiert ist, aber eine Fehlfunktion war das nicht.

Ich dachte mir nichts dabei, ging weiter und kam an eine Treppe, die wie ich vermutete zu den Wohnquartieren führen würde. Ich stieg hinab und auf einmal fühlte ich mich merkwürdig. Meine Sicht verschwamm, ich sah alles, wie durch einen blauen Nebel hindurch. Erschrocken klammerte ich mich am Geländer fest, kniff die Augen zusammen, öffnete sie wieder, doch es blieb dabei. Ich atmete einmal tief durch. Vielleicht lag es an der Verletzung, ich wollte mich nur noch ein wenig umsehen und mich dann ausruhen, dachte sogar daran, die Nacht hier zu verbringen, wenn es mich doch ärger getroffen hatte, als ich bisher gedacht hatte. Immerhin rechnete ich nicht damit, hier irgendjemanden zu treffen, weder Mensch noch Kreatur, höchstens die ein oder andere Rad-Kakerlake.

Als ich am Fuß der Treppe angekommen war, war der Effekt wieder verflogen und ich atmete kurz auf. Ich ging weiter, bog in den nächsten Gang ein, durchsuchte zwei Räume zu beiden Seiten des Ganges, fand nicht viel Nützliches und ging dann weiter. Und dann, nach der nächsten Ecke, ging es erst richtig los.

Wieder verschwamm meine Sicht und ich begann, mir ernsthaft Sorgen um meinen Zustand zu machen, tastete meinen Kopf ab, ob ich da nicht doch etwas abbekommen hatte. Doch das dauerte nur ein paar Sekunden, dann erstarrte ich, als mir klar wurde, dass alles, was ich durch den blauen Nebel hindurch sehen konnte, vollkommen unbeschädigt und intakt war. Ich rannte in den nächsten Raum - alles wie neu, alles wie bewohnt, die Schränke und Tische und Stühle an ihrem Platz, die Computer liefen. Mit klopfendem Herzen ging ich zu einem der Computer, tippte auf der Tastatur herum, doch die einzige Meldung, die kam, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Eine Notiz, von mir, an mich, ich solle mich doch damit abfinden, wie schön es hier ist. Ich rannte zum nächsten Computer, las eine ähnliche Meldung. Ich an ich, ich hätte hier alles, was ich brauche, ich sollte mich entspannen. Ich rannte von Computer zu Computer, überall die gleichen Meldungen, sonst nichts, am letzten angekommen schlug ich auf die Tastatur ein, ohne damit etwas zu bewirken. Dann sah ich einen Schatten an der Tür vorbeigehen. Ich hatte ihn nur kurz gesehen, doch ...

Ich rannte los, stürmte zur Tür hinaus, den Gang entlang.
"Papa? Papa!"
Die Figur war verschwunden, ich blieb vollkommen außer Atem und zitternd an die Wand gelehnt stehen und das Blau verflog. Ich wagte es kaum, mich zu rühren.

Ich wollte nach draußen rennen, nur weg von hier, doch ich konnte den Schatten nicht vergessen. War das auch eine Halluzination gewesen? Ich konnte nicht anders, ich musste weiter gehen. Ich folgte dem Gang, bis ich Schritte hörte, die auf mich zukamen.

"Papa? Bist du das?"
Ich Idiot vergaß alle Vorsicht, rannte los und wurde, kaum dass ich um die Ecke gebogen war, von einem mir vollkommen unbekannten Verrückten mit einem Messer angegriffen. Ich riss den Arm hoch, um mich zu schützen, schrie auf, als er meinen Unterarm aufschnitt und stolperte zurück. Ich versuchte, ihn anzusprechen, doch ich drang nicht bis zu ihm durch, der Wahnsinn stand in seinen Augen und was er sagte und schrie ergab keinen Sinn. Als es nichts mehr gab, wohin ich noch zurückweichen konnte, als ich mit dem Rücken an die Wand gepresst sah, wie er mit erhobenem Messer auf mich zukam, hob ich die Waffe und schoss.

Geschockt starrte ich dann auf den Toten am Boden, auf meinen Arm, über den das Blut lief und zu den Wänden, die jetzt mit dunkelroten Flecken gesprenkelt waren. Langsam ließ ich mich auf den Boden sinken, umklammerte zitternd meinen verletzten Arm, um die Blutung wenigstens so lange halbwegs zu stillen, bis ich mich in der Lage fühlte, einen Verband und einen Stimpak aus meinem Rucksack zu holen. Tausend Gedanken rasten durch meinen Kopf. Wieso war hier jemand? Wie konnte das sein? Diese Vault war doch nicht bewohnbar, aber sie hatte keine Türterminal gehabt, wieso war hier jemand eingesperrt gewesen, gab es etwa noch mehr Menschen hier?
Mit zitternden Händen verband ich den Schnitt, dann stand ich vorsichtig auf. Ich konnte mich nicht überwinden die Leiche mit mehr als meiner Fußspitze zu berühren, als ich sie umdrehte um die Zahl auf dem Rücken des Anzugs erkennen zu können. 106.

Mit der Schrotflinte in der linken Hand ging ich weiter, lauschte angestrengt auf jeden noch so kleinen Laut während ich mir einbildete, dass das Rauschen des Blutes in meinen Ohren sie alle überdecken könnte.

Ich erreichte den Durchgang zu den Wohnquartieren, öffnete die Tür und merkte sofort, dass das Rauschen die Schritte nicht überdeckte. Mehr als nur zwei Füße kamen auf mich zugerannt, ich hob die Waffe, doch ich zögerte noch. Ich zögerte selbst dann noch, als ich sehen konnte, dass sie alle Waffen trugen, einer eine Pistole, einer einen Baseballschläger, einer ein Messer. Ich zögerte noch immer, als die erste Kugel Funken aus der Wand neben mir schlug. Ich sah für einen kurzen Augenblick nicht nur die Gefahr, in der ich schwebte, ich sah drei Menschen, wie ich, wie mein Vater, wie Amata und alle, die ich neunzehn Jahre lang gekannt hatte, Menschen deren Vorfahren sich unter der Erde versteckt hatten, um einen schrecklichen Krieg zu überleben, Menschen denen etwas furchtbares widerfahren sein musste.
Erst als die nächsten Kugeln so nah an meinem Gesicht einschlugen, dass die aus der Wand geschlagenen Splitter meine Wange trafen, erwachte ich aus der Starre, hob die Waffe und schoss. Der erste Schuss erledigte denjenigen, der die Pistole trug, der zweite den mit dem Messer, dann war die Flinte leer und der dritte Angreifer mit dem Baseballschläger heran. Einem Schlag konnte ich ausweichen, der zweite traf mich, zum Glück hatte er beim zweiten Mal nicht so weit ausholen können. Er hatte mir das Knie zertrümmern wollen, es zum Glück verfehlt, nur meinen Oberschenkel getroffen, doch trotzdem ging ich zu Boden. Im Fallen warf ich mich nach vorne, umklammerte seine Beine, riss ihn zu mir hinunter und schob ihn dann nach oben, als ich sah, wie er sich am Geländer festhielt. Von dem plötzlichen Druck überrascht verlor er das Gleichgewicht, stürzte von der Plattform, auf der wir uns befanden, in die Tiefe; sein Schrei endete abrupt.

Als ich mich aufrichtete und die Schrotflinte nachlud, liefen mir die Tränen über das Gesicht. Ich wollte nicht weiter gehen, doch ich musste, ich musste herausfinden, ob hier noch irgendjemand lebte, eingeschlossen mit diesen Verrückten, irgendjemand, dem ich noch helfen konnte.

Ich durchsuchte schnell die Plattform, die anliegenden Räume, fand nichts, dann ging ich langsam die Treppe hinab. Mein Bein schmerzte, doch es würde mich tragen, nur die Treppe an sich war unangenehm zu bewältigen. Noch ehe ich am Fuß angekommen war, wurde wieder alles blau. Ich umfasste die Waffe fester, ging jedoch weiter, langsam hatte ich den Verdacht, dass diese Halluzinationen nicht an mir lagen, sondern an diesem Ort. War es das, was diese Menschen hier sahen? War es das, was sie in den Wahnsinn getrieben hatte?

Die Vision verflog wieder, ich ging weiter, kam an eine Kreuzung, zu beiden Seiten sah ich die Toiletten der Vault, warf nur einen knappen Blick hinein, ging dann weiter in die Wohnquartiere. Ich durchsuchte zuerst das linke Quartier, die Tür stand offen, doch ich fand nichts das mir verriet was passiert war, nur umgestürzte Schränke und Stühle. Gerade, als ich den Raum wieder verlassen wollte, hörte ich Schritte, Geschrei, Schüsse. Ich weiß nicht, wo der Verrückte herkam, doch er folgte mir in den Raum, ich ging in Deckung, erschoss ihn, bevor er mir zu nahe kommen konnte. Ich ging in den zweiten Raum, auch er stand offen, auch hier war nichts zu finden, dann zum dritten; die Tür war verschlossen, doch ich schaffte es, sie zu öffnen. Als sie aufschwang kam mir ein unangenehmer Geruch entgegen, der mich hätte warnen sollen. Modrig, staubig, tot. Ich trat in den Raum und sah zwei Betten, ein Doppelbett und ein Kinderbett. Genau so viele Skelette lagen darauf. Ich musste mich am Türrahmen festhalten, brauchte einen Augenblick, ehe ich mich überwinden konnte, den Raum zu durchsuchen. Nichts.

Ich drehte mich um, ging zur Treppe zurück, die Fragen, die sich in meinem Kopf immer weiter auftürmten zogen ein unfassbares Entsetzen mit sich. Skelette. Wie lange mussten sie da schon liegen, wie lange herrschte in dieser Vault schon der Wahnsinn, wer hatte diese Menschen hier eingeschlossen und was war ihnen widerfahren?

Ich ging die nächste Treppe hinab, machte mich daran, die übrigen Schlafräume zu durchsuchen. Schon im ersten wurde wieder alles Blau, alles neu und funkelnd und heil und schön. Ich hatte das Gefühl, mein Magen würde sich gleich umdrehen. Dann sah ich sie, sie stand mitten auf dem Gang.
"Amata!"
Ich wusste, dass sie es nicht sein konnte, tief in meinem Inneren habe ich es natürlich gewusst, doch ich rannte trotzdem los, schrie ihren Namen. Und sie verschwand.

Verloren blieb ich stehen, starrte leer an die Stelle, wo ich sie gerade eben noch gesehen hatte.

Ich musste mich richtig zusammenreißen, um weitergehen zu können. Ich schleppte mich von Schlafraum zu Schlafraum, fand nichts, nur wertlosen Müll, persönliche Gegenstände, Haushaltswaren ... alles Dinge, die mir erzählten, dass diese Menschen hier einst wie ich gewesen waren. Das machte es mir nicht leichter, meinen Weg fortzusetzen.

Ich verließ die Wohnquartiere, folgte einem Gang, der einem Schild zufolge in die Forschungslabore führte, fand mich dann in einem Raum wieder, von dem mehrere Gänge abzweigten. Wieder wurde alles blau, dann wieder normal, wieder wurde ich von verrückten Überlebenden dieser grausamen Vault angegriffen, wieder war ich schneller, wieder fand ich nichts, das mir verriet, was hier passiert war, nur ein paar leere Dosen, einige Rad-Kakerlaken und zerstörte Bücher. Und wieder sah ich Amata und meinen Vater. Ich rief nicht mehr ihren Namen, ich lief den Bildern nicht mehr nach, bis sie verschwanden, doch der Anblick versetzte mir einen Stich ins Herz.

Als ich anfing, den letzten Gang zu durchstöbern, hatte mich das ganze Grauen dieser Vault so gepackt, dass ich mich schon wieder leer fühlte.

Einmal wurde ich noch angegriffen, dann kam ich an eine weitere Tür. Ich öffnete sie, dahinter erwartete mich eine Art Wartungsraum und ein weiterer Überlebender kam auf mich zugerannt, schwang einen Baseballschläger. Ich hob die Waffe, doch ehe ich schießen konnte, wurde alles blau. Der Mann war verschwunden, stattdessen sah ich mich den Tunnelschlangen gegenüber. Sie rannten, Butch voran, auf mich zu, hielten ihre albernen kleinen Springmesser in der Hand, stießen Drohungen aus und versuchten, mich zu treffen. Ich wusste, dass es nur eine Halluzination war, doch ich konnte nicht schießen. Ich wich zurück, wich aus, wusste nicht, was ich tun sollte, hoffte, diese Vision würde wie die vorherigen schnell verfliegen. Dann war ich zu langsam, schoss mir ein stechender Schmerz durch den Brustkorb.
Es waren doch nur Halluzinationen, wie konnten sie mich verletzten?


Ich nahm die Schrotflinte am Lauf, holte aus und schwang sie gegen den nächsten Angreifer, mit der Faust wehrte ich mich gegen den nächsten, Butch, es fühlte sich so real an, als mein Handrücken sein Gesicht traf. Alles flackerte kurz, dann sah ich wieder normal, der Mann in dem Kittel stand direkt vor mir, der Baseballschläger raste auf mich zu. Ich duckte mich, doch er streifte mich noch am Kopf, mir wurde schwarz vor Augen und ich ließ die Waffe fallen. Auf dem Boden hockend, durch einen weiteren Nebel, der diesmal jedoch nicht blau sondern blutrot war, sah ich ihn erneut ausholen, ich zog mein Messer vom Gürtel, rollte mich nach vorne und stach auf sein Bein ein und dann, als er zu Boden ging, auf seinen Körper, seinen Hals.

Als er sich nicht mehr rührte, zog ich mich zurück, starrte auf meine Hände und Arme, voller Blut, meines, seines, das der anderen. Ich ließ das Messer fallen, zog mich in eine Ecke zurück und hoffte nur, dass mich niemand hier finden würde, als ich ohnmächtig wurde.

Ich weiß nicht, wie lange es gedauert hat, bis ich wieder aufgewacht bin. Ich weiß nur, dass mein Brustkorb und mein Kopf höllisch wehtaten und meine Kehle ganz ausgetrocknet war. Ich suchte mir eine Flasche Wasser aus dem Rucksack, einen Stimpack für die Platzwunde an meiner Schläfe und ein Tuch, das ich mit ein wenig Wasser tränkte, um wenigstens einen Teil des inzwischen getrockneten Blutes von mir abzuwischen. Mir war schlecht, mir ist noch immer schlecht, und ich glaube das liegt nur zum Teil an der Kopfverletzung.

Ich richtete mich vorsichtig auf, stützte mich an der Wand ab, als sich alles um mich herum zu drehen begann und sammelte dann langsam meine Waffen ein. Ich wischte auch das Messer ab, ehe ich es wieder in den Gürtel steckte, befestigte die Schrotflinte daneben und sah mich dann in dem Raum um. Ohne es zu merken hatte ich den Wartungsraum verlassen, das hier war eine Höhle, nackter Fels statt blankem Metall schluckte das Licht meines Pip-Boys, statt es matt zu spiegeln.

Ich ging ein paar Schritte auf einen merkwürdigen Haufen am Boden zu; als ich bemerkte, dass es sich um ein weiteres Skelett handelte, blieb ich wie angewurzelt stehen. Ich sah mich um. Steinbrocken lagen auf dem Boden, dazwischen Werkzeuge, ein paar Bomben ... ein Kloß bildete sich in meinem Hals als mir klar wurde, dass die Bewohner der Vault versucht hatten, sich einen Weg ins Freie zu sprengen.

Ich konnte nicht mehr weiter suchen, ich drehte mich um und lief zurück, so schnell ich es in meinem Zustand konnte, ohne jedes Bisschen Verstand zurück zu lassen und Gefahr zu laufen, dem nächsten Wahnsinnigen in die Arme zu rennen. Doch mir begegnete niemand mehr, ich durchquerte ungehindert Räume, rannte durch Gänge und erreichte schließlich mit brennenden Lungen den Eingang. Kurz, ganz kurz nur hatte ich die entsetzliche Vision, das Tor wäre nun verschlossen, ich hier gefangen und würde so enden, wie die übrigen hier, doch es war natürlich noch offen. Ich rannte noch einmal schneller, rannte nach draußen und blieb nicht stehen, ehe ich nicht den Himmel über mir wieder sehen konnte.

Es war inzwischen Nacht geworden, die Sterne funkelten auf mich hinab, der Mond stand halb voll daneben und nur einzelne, dunkelgraue Wolkenstreifen verdeckten sie, während sie eilig vorüber zogen.

Ich erlaubte mir, ein wenig zu Atem zu kommen, während ich über das nächste Problem nachdachte. Ich würde mir einen Platz für die Nacht suchen müssen, ich hatte keine Ahnung gehabt, dass es inzwischen so spät geworden war, halb zehn, wie mir ein Blick auf meinen Pip-Boy verriet. Doch eher hätte ich mich im Ödland von einem Yao Guai verspeisen lassen, als noch einmal einen Fuß in diese verfluchte Vault zu setzen.

Ich ging weiter, sehr vorsichtig, um in der Dunkelheit nicht auch noch zu stürzen, doch von der düsteren Vault waren meine Augen an das kaum vorhandene Licht schon fast gewöhnt. Ich folgte dem sandigen Weg, der sich nach einigen hundert Metern wieder ins weite Ödland öffnete, dann sah ich eine Silhouette vor dem Himmel aufragen. Eine Ruine wohl. Mehr suchte ich gar nicht.

Ich hielt die Schrotflinte nur so zur Sicherheit bereit, ging darauf zu und war gleich darauf froh über meine Vorsicht. Hundegebell, zwei Stimmen, Geschrei, Beleidigungen, Drohungen. Ich erkannte die Raider noch ehe ich sie sah. Als erstes kam der Hund auf mich zugerannt, tauchte auf einmal vor mir auf, sprang mich an und ich konnte nichts anderes tun als zu schießen. Es tat mir leid um das Tier, das ja auch nur von seinem Herren abgerichtet worden war, doch an diesem Tag tat mir schon so viel leid, dass ich es kaum noch spürte.
Ich duckte mich ins tiefe Gras, lud nach und verfluchte den Mond, der mich von hinten anschien und zur Zielscheibe machte, während die Raider im Schatten des Gebäudes verborgen waren. Zum Glück schienen sie diesen Vorteil nicht nutzen zu wollen, laut fluchend und hier und da Schüsse abfeuernd kamen sie langsam näher. Sie sahen mich offensichtlich nicht und ich zwang mich dazu, ruhig zu bleiben und zu hoffen, dass keine der blind abgefeuerten Kugeln mich treffen würde.
Als sie nah genug heran waren, sprang ich auf, schoss erst auf den einen, dann auf den anderen. Einer war sofort tot, der andere war ausgewichen, oder ich hatte nicht gut genug gezielt, auf jeden Fall ging er nur zu Boden, während das Fluchen lauter wurde, er wild um sich feuerte und mir mit einigen sehr unangenehmen Dingen drohte. Ich vergeudete keine Zeit damit, nachzuladen, ich rannte die paar Schritte nach vorne, packte die Flinte und schlug mit der Waffe selbst auf den Raider ein. Ein leises Knacken verriet mir, dass ich irgendetwas getroffen hatte und die Tatsache, dass er reglos in sich zusammensank, dass dieses etwas wohl wichtig gewesen war.

Ich widerstand dem Drang, meine Waffe aus lauter Frust auf den Boden zu schlagen, ich würde sie noch brauchen. Warum so viele Tote, warum gab es keinen anderen Weg?! Erst die Söldner, dann die Wahnsinnigen, dann die Raider. Warum musste am Ende immer jemand sterben?

Müde und erschöpft und das nicht nur körperlich ging ich zum verfallenen Haus hinüber, das diesen Namen kaum verdient hatte. Vier Wände, leere Tür- und Fensteröffnungen, ein winziges Stückchen der Zimmerdecke, das ein paar Quadratmeter noch überdachte, das war alles. Doch es würde reichen.

Ich ging zu der überdachten Stelle, breitete meinen Schlafsack auf einem alten Bettgestell aus und versuchte, den Verwesungsgeruch zu ignorieren, der zu mir herüber wehte. Als ich es schließlich nicht mehr aushielt, schaltete ich das Pip-Boy Licht heller und ging in den Nebenraum.
Der Kopf eines Brahmins hing an einer Kette von einem verbrannten Dachbalken, leere Augenhöhlen starten mich an, die verfaulte Zunge hing aus dem erstarrten Maul. Zum Glück hatte ich den ganzen Tag noch nichts gegessen, sonst hätte ich es nicht bei mir behalten können.

Ich nahm eine Eisenstange, schob die Kette von dem Balken und nahm das ganze Ding dann, indem ich es so weit wie möglich von mir weg hielt, und trug es zu den beiden toten Raidern. Nur weg damit.

Zurück im Haus setzte ich mich auf meinen Schlafsack, nahm den Rucksack ab und holte meinen Medikamentenvorrat heraus. Eine Platzwunde am Kopf, ein paar geprellte oder sogar gebrochene Rippen, eine Schnittwunde über meinen ganzen Unterarm, einen schönen Bluterguss am Bein, heute hatte ich wieder nicht viel ausgelassen. Ich war fast eine Stunde damit beschäftigt, mich wieder zusammen zu flicken, was natürlich durch die Tatsache, dass mein rechter Arm auch verletzt war, erheblich verzögert wurde.

Ich trank noch ein wenig, aber Appetit hatte ich keinen, auch ein Feuer zu machen wagte ich nicht. Deswegen schreibe ich jetzt auch nur im blassen Licht des Pip-Boys. Am Anfang habe ich mir gesagt, dass ich nur warten muss, bis die Schmerzmittel wirken, doch das tun sie schon seit einer ganzen Weile. Aber wenn ich die Augen schließe wird wieder alles blau, sehe ich Amata und meinen Vater, sehe ich die Überlebenden, sehe ich das Blut, das an meinen Händen klebt, auch wenn ich sie inzwischen gründlich gesäubert habe.
Der Geruch von Alkohol liegt in der Luft. Eine Flasche Scotch, die ich in der Vault gefunden und ohne nachzudenken eingesteckt habe, war so verlockend, vielleicht hätte sie geholfen, die Erinnerungen für ein paar Stunden zu verdrängen, doch ich dachte an Bryan, an den Ausflug zum Memorial und dann habe ich sie an der nächsten Wand zerschlagen.
Ich muss einfach versuchen, so zu schlafen. Ich wünschte nur, Sam wäre hier. Sein warmes Fell, seine feuchte Zunge auf meinem Gesicht, seine treuen, braunen Augen, er könnte mich bestimmt ein wenig trösten.

Ich hoffe nur, dass mich niemand findet, während ich schlafe, aber das Risiko muss ich wohl eingehen.

Heal My Wounds #stars The Shining Light

» No one’s arguing about the need for a plan.
Your plan is just stupid and won’t work.
«
:create

This post has been edited 1 times, last edit by "Laulajatar" (Mar 18th 2012, 1:19am)


52

Sunday, March 18th 2012, 1:50pm

30-September-2277
ÖDLAND

Die letzte Nacht ist sehr unruhig gewesen. Nach den ersten drei Stunden Schlaf bin ich immer wieder aus Alpträumen aufgeschreckt und als der Morgen sich am Horizont mit einem blassen Streifen ankündigte, habe ich es aufgegeben wieder einschlafen zu wollen. Ich habe zerbrochene Balken und andere Holzstücke auf einen Stapel geworfen und mit Hilfe von ein wenig trockenem Gras ein Feuer gemacht. Appetit hatte ich noch immer nicht, doch ich spürte, wie hungrig ich war und wusste, dass ich etwas essen sollte.
Ich holte das Fleisch vom Vortag aus meinem Rucksack, wickelte es ein wenig angewidert aus seinem Stofffetzen aus und spießte es auf eine dünne Metallstange.

Während ich das Stück übers Feuer hielt und mit leerem Blick in die Flammen starrte, kamen die Erinnerungen an die Träume der vergangenen Nacht zurück. Ich weiß nicht mehr viel davon, immer wieder war ich in einer Vault, die Tür war verschlossen und ich schrie, bis meine Stimme versagte, schlug auf den Stahl ein, bis meine Hände bluteten. Mal war ich auf der Flucht vor grässlichen Kreaturen, mal war es mein Vater, der die Tür vor meinen Augen schloss.
Ich schloss die Augen, rieb mir die Schläfen und versuchte, auf andere Gedanken zu kommen. Der Geruch des gebratenen Fleisches half. Ich muss zugeben, dass es nicht ganz so ekelhaft roch wie Maulwurfsrattenfleisch und um Welten besser als RAD-Kakerlakenfleisch.
Ich dachte an Bryan und hoffte, dass er sich auch ein Frühstück machen würde, dass er vielleicht mit Maggie und Harden spielen würde, hoffte, dass es ihm gut ging.

Als das Fleisch durchgebraten war hatte ich sogar ein klein wenig Appetit bekommen. Ich ließ das Fleisch kurz abkühlen, nahm eine Wasserflasche aus dem Rucksack und betrachtete den Sonnenaufgang während ich frühstückte. Auch nach eineinhalb Monaten sind es die Sonne, das Spiel ihrer Lichtstrahlen, der goldene Glanz, in den sie das Ödland taucht, die mich am meisten faszinieren. Doch an heute Morgen konnte ich den Anblick nicht recht würdigen, zu viele trübe Gedanken kreisten in meinem Kopf. Ich beeilte mich, aufzuessen und packte meine Sachen, sobald ich fertig war.

Ich verließ die Ruine, die mir in der Nacht Unterschlupf geboten hatte, und sah mich um. Nicht weit von mir konnte ich eine alte Straße erkennen, die in die ungefähre Richtung meines Ziels führte. Ich beschloss ihr zu folgen. Zufrieden stellte ich fest, dass ich von der Verletzung an meinem Bein nichts mehr spürte, auch ansonsten fühlte ich mich verhältnismäßig gut, nur der Kopf schmerzte an der Stelle an der mich der Schlag getroffen hatte noch ein wenig.

Je weiter ich mich von der unheilvollen Vault entfernte, je höher die Sonne stieg, desto besser wurde meine Laune. Von "gut" war sie zwar noch weit entfernt, doch ich hatte das Gefühl, diesen lähmenden Schrecken hinter mir zu lassen.
Ich folgte der Straße eine ganze Weile, die Waffe locker griffbereit, bis mir der Wind süßlich schweren Verwesungsgeruch entgegen wehte. Sofort wurde ich langsamer, zog die Waffe und sah mich aufmerksam um. Gerade hatte ich eine Kurve hinter mich gebracht, jetzt sah ich vor mir ein Gebäude, links daneben verlängerte sich die Straße, auf der ich lief, zu einer Autobahnbrücke, doch ich entdeckte kein Zeichen von Leben. Ich ging vorsichtig weiter.

Das erste was mir dann auffiel war das Schild, das über der Straße hing. AREFU NEXT EXIT. Ich hatte offensichtlich mein Ziel erreicht.


Das nächste was mir auffiel waren die toten Brahmins. Sie lagen in einem Gehege zwischen dem Gebäude und der Straße, ich vermied es, näher zu kommen, im Gegenteil, als der Wind noch einmal kräftig in meine Richtung wehte wurde der Gestank fast unerträglich und ich beeilte mich, weiterzugehen.

Ich folgte der Straße auf die Brücke hinauf. Der Asphalt war rissig, Schutt und kahle Autowracks türmten sich zu beiden Seiten auf, doch in der Ferne konnte ich etwas erkennen, das wie Häuser aussah. Eine Siedlung auf einem Highway? Sicher nicht die schlechteste Idee, solch ein Ort sollte sich eigentlich halbwegs vernünftig verteidigen lassen.

Im sicheren Glauben, das Ziel meiner Reise erreicht zu haben und in Erinnerung an Lucys Worte, was für ein friedvoller Ort das doch wäre, ließ ich die Waffe ein wenig sinken und ging weiter. Das war vielleicht mein Glück. Wenn ich die Flinte weiterhin im Anschlag gehabt hätte, hätte der Mann, der hinter einem Haufen Sandsäcke lauerte und seine Waffe auf mich richtete, sobald ich in Reichweite war, vielleicht erst geschossen und dann Fragen gestellt.
So jedoch fragte er mich zuerst wer ich sei und was ich hier wolle - und ich antwortete ihm wahrheitsgemäß, dass ich nur ein Reisender war und niemandem etwas tun wollte.

Er schien mir zu glauben, denn er ließ die Waffe sinken und stellte sich vor. Evan King, er schien hier das sagen zu haben. Er erklärte mir, dass Arefu von der "Familie" bedroht wird, dass sich niemand mehr aus dem Haus traut und dass diese Kerle die Brahmins getötet hatten. Innerlich seufzte ich. Problemloser kleiner Auftrag, ja? Ich dachte mir noch, dass ich einfach den Brief abgeben und verschwinden sollte, doch da hörte ich mich schon fragen, ob ich irgendwie helfen könnte.

Er erklärte mir, dass er seinen Posten nicht verlassen könne und bat mich, nach den Bewohnern Arefus zu sehen, ob sie die letzte Nacht gut überstanden hatten. Ich stimmte zu, ich wollte ja sowieso die Familie West finden.

Ich ging zur ersten Hütte, ähnlich gebaut wie die in Megaton, Metallplatten von Metallstreben, rostigen Schrauben und viel gutem Willen zusammengehalten. Ich klopfte an. Nach einem Augenblick erklang eine Stimme, die mich fragte, ob ich das Magazin bringen würde, dass sie bestellt hatte. Nach einem kurzen Was-um-alles-in-der-Welt-Moment gab ich an, das Magazin zu bringen. Die Tür öffnete sich und ich sah mich einer Frau gegenüber, die - nunja - nicht ganz so helle schien. Sie sah mich erwartungsvoll an, doch ehe ich etwas sagen konnte, kam ein Mann zur Tür, der erst die Frau anfuhr, was ihr einfiele, die Tür zu öffnen, dann mich nur unwesentlich freundlicher fragte was ich wollte.
Ich erklärte ihm, dass Evan King mich schickte, nach dem rechten zu sehen und ausrichten ließ, dass sie sich weiter in ihren Häusern einschließen sollten. Der Mann, der sich als Mr. Ewers vorstellte, teilte mir mit, dass alles in Ordnung war, meckerte kurz darüber, dass King nichts tat, um die Bedrohung abzuwenden und schloss mir dann wieder die Tür vor der Nase.

Ich ging zum zweiten Haus.
Dieser Bewohner war intelligenter, er weigerte sich auch mir die Tür zu öffnen und ich konnte ihn im Stillen nur dafür loben. Die Frau stellte sich als Mrs. Schenzy vor, versicherte mir, dass alles in Ordnung war und konnte sich ebenfalls eine bissige Bemerkung über Evan Kings Methoden nicht verkneifen.

Als ich von der Tür zurück trat fiel mein Blick in östliche Richtung, wo die Sonne inzwischen ein wenig höher stand und den blassen Himmel in ein warmes Gelb tauchte. Ich trat an die Mauer, die den Highway begrenzte, sah hinab. So trostlos der Anblick des kargen Landes mit seinen toten Bäumen und ausgebrannten Fahrzeugskeletten auch war, so schön war das sich leicht kräuselnde Wasser, das die Sonnenstrahlen reflektierte, so verlockend der Ferne Horizont, der grenzenlose Freiheit versprach, wenn man denn lange genug lebte, ihm entgegen zu laufen.
Ich merkte, wie diese Aussicht mich beruhigte und blieb einige Minuten dort stehen, sah gedankenverloren in die Ferne. Ich ließ die warmen Sonnenstrahlen, die sich selbst noch durch meine geschlossenen Augenlider brannten, die letzten Erinnerungen an die beklemmende, düstere Vault in den Hintergrund drängen.


Als ich mich schließlich abwandte, die Augen wieder öffnete, tanzten bunte Lichtpunkte in meinem Sichtfeld herum und ich blinzelte ein paar Mal im vergeblichen Versuch, ihr Verschwinden zu beschleunigen.

Ich ging zum nächsten Haus, die Tür war verschlossen und auch nach mehrmaligem Klopfen und Rufen war nichts zu hören. Mir kam der Gedanke, dass das das Haus von Evan King sein könnte und ging weiter, zum letzten Haus.

Wieder klopfte ich, doch diesmal gab die Tür unter meinem Klopfen nach und schwang ein paar Zentimeter nach innen auf. Ich hatte keine Zeit, mich angemessen darüber zu wundern, denn durch den Spalt dran abermals Verwesungsgestank, nicht so stark wie bei den Brahmins, doch durch den Verdacht, den er erweckte, tausend Mal schlimmer.
Auch wenn alles still war trat ich zur Seite, ehe ich der Tür einen Stoß gab und sie ganz aufschwingen ließ. Ich lauschte. Nichts.

Nach ein paar Sekunden nahm ich meinen Mut zusammen und trat ein. Die Hütte war nicht groß, der Anblick traf mich sofort, wie ein Schlag. Getrocknetes Blut hatte große Teile des Hüttenbodens rotbraun gefärbt. Zwei Leichen lagen dort. Er zusammengekrümmt auf dem Boden, inmitten der Blutlache, sie ausgestreckt auf dem Bett, auf der Matratze, die sich ebenfalls voll Blut gesogen hatte. Ich blickte mich hektisch um. Nichts. Niemand. Ich steckte die Waffe, die ich vorsichtshalber gezogen hatte, wieder weg und trat an die nächste Wand, so weit weg von den Toten wie möglich.


Ich versuchte die Szene so neutral wie möglich zu betrachten, herauszufinden, was passiert war, doch mein Herz, das mir im Hals zu stecken schien und mein Magen, der am Überlegen war, ob er das Yao Guai Fleisch wieder hergeben sollte, ließen mich nicht darüber hinwegsehen, dass das hier vermutlich Lucys Eltern waren. Es war das letzte Haus in Arefu und ich hatte die Familie West bisher nicht gefunden.
Ich dachte an den Brief in meiner Manteltasche, an Lucys unbesorgte Mine, als ich sie fragte, ob sie glaube, dass ihren Eltern etwas passiert war und sie verneinte, und schloss die Finger so fest um das Bettgestell, neben dem ich stand, dass es schmerzte.

Schließlich musste ich den Blick einen Moment abwenden, atmete möglichst ruhig und tief durch und sah mich nach anderen Hinweisen um. Ich fand nichts. Das einzige, was ich bemerkte, war die Tatsache, dass sich in dem winzigen Raum drei Betten befanden, aber nur zwei Leichen. Wohnte hier noch jemand? Und falls ja, wo war er?

Der Gedanke daran, dass eine weitere Person vielleicht noch nicht tot war, vielleicht noch gerettet werden konnte, war es, was mich den Blick wieder auf die Leichen richten ließ. Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie erst seit dieser Nacht tot waren, wer weiß, wie lange die Leute sich schon, jeder für sich, in ihre Hütten eingeschlossen hatten.

Es kostete mich eine Menge Überwindung, mich den Toten zu nähern, neben ihnen in die Hocke zu gehen, sorgsam darauf bedacht, nicht mit dem Blut in Berührung zu kommen, auch wenn es sowieso getrocknet war und meine Kleidung nicht beschmutzen würde. Mit so wenig Kontakt wie möglich versuchte ich den Kopf des Mannes zur Seite zu drehen, um einen besseren Blick auf seine Verletzungen haben zu können. Schnell zog ich die Hand zurück, als ich feststellte, dass er noch ganz steif war, schon diese kurze Berührung eines Körpers, der eigentlich warm und lebendig sein sollte, ließ mir einen Schauer den Rücken hinunter laufen.
Irgendetwas kam mir trotzdem komisch vor. Durch das viele Blut war es erst schwer zu erkennen, doch ich fand keine Schussverletzungen, keine Schnitte, stattdessen war die Kehle des Mannes vollkommen zerfetzt. Mein Magen meldete sich wieder, ein wenig eindringlicher als zuvor, doch ich kämpfte dagegen an. Ich konnte mir keine Waffe vorstellen, die eine solche Verletzung hervorrufen könnte, es sah eher aus, als hätte ihm jemand den Hals zerbissen.
Diese Erkenntnis war genug, ich beeilte mich, wieder auf die Beine zu kommen, schwankte zur Wand zurück und stützte mich ab, eine Hand vor den Mund gepresst. Noch einmal schaffte ich es, sehr knapp, mein Frühstück bei mir zu behalten, doch ich wollte mein Glück nicht herausfordern, die Leiche der Frau besah ich mir nur kurz, und nicht aus nächster Nähe. Es sah genauso aus.

Ich ging zur Tür zurück, blickte dann noch einmal in den Innenraum. Drei Betten, zwei Leichen und soweit ich sehen konnte nur zwei Blutlachen, kein Anzeichen dafür, dass hier noch jemand verletzt worden war. Aber was könnte dann passiert sein? War er vielleicht verschleppt worden, oder geflohen und versteckte sich nun irgendwo? Ich würde es nicht herausfinden, indem ich hier stehen blieb.

Ich zog die Tür hinter mir zu und ging zu Evan King zurück, um ihm die schreckliche Nachricht zu überbringen.

Er war ziemlich geschockt, doch der Schreck wurde schnell zu Wut auf die "Familie". Ich weiß noch immer nicht, was das sein soll, die "Familie", vielleicht eine Art Raiderbande? Doch Evan King scheint überzeugt zu sein, dass sie es waren. Außerdem bestätigte er natürlich meinen Verdacht, dass es sich bei der Familie im letzten Haus um die Wests gehandelt hatte.
Arme Lucy.
Ich dachte daran, dass ich ihr die Nachricht würde überbringen müssen und schluckte leicht. Keine schöne Aufgabe, zum zweiten Mal einem Kind die Nachricht überbringen, dass seine Eltern tot sind, auch wenn sie natürlich älter ist als Bryan, macht es das kein Stück besser.

Ich sprach King auf die merkwürdigen Verletzungen an und er war ratlos. Vielleicht hatten sie einen Hund dabei, schlug er vor. Das konnte ich mir schwer vorstellen. Einen Hund, ein Kampf, und niemand will etwas gehört haben?
Doch was viel wichtiger war, ich sprach ihn auf das dritte Bett an und er war erstaunt, dass ich nur zwei Leichen gefunden hatte. Der Sohn, Ian, fehlte!
King konnte sich das nicht erklären, er vermutete etwas ähnliches wie ich: Dass die "Familie" den jungen Mann entführt hatte. Ich hatte mich schon entschieden, Ian zu suchen, ehe King mich überhaupt darum bitten konnte. Ich fragte ihn weiter aus, woher die Familie kam, wo ich suchen sollte, doch er war alles andere als hilfreich, mehr als dass sie jedes Mal aus Osten oder Nordosten kommen und ein paar Orte, wo sie sich vielleicht, eventuell, möglicherweise aufhalten könnten, konnte er mir nicht verraten, auch nicht die Orte auf meiner Karte zeigen.
Hamiltons Schlupfwinkel, im alten Moonbeam-Kino oder in der Metrostation Northwest Seneca - wo auch immer diese Orte sein sollten. Frustriert gab ich mich wohl oder übel damit zufrieden. Ich würde auf gut Glück nach Nordosten gehen müssen.

Ich beschloss allerdings, zuerst die anderen Einwohner zu befragen, vielleicht konnte mir einer von ihnen noch irgendeine nützliche Beobachtung mitteilen. Ich ging von Haus zu Haus, doch niemand hatte etwas bemerkt, alle waren nur entsetzt, Mrs. Schenzy, die mich nun sogar einließ, überlegte sogar, Arefu zu verlassen. Ich versprach ihr, mich darum zu kümmern, Ian zu suchen und bat sie, sich vorerst wieder einzuschließen. All das half mir nicht weiter, ich würde mich einfach auf die Suche machen müssen.

Vorher zog ich mich jedoch hinter eine der Hütten zurück, nutzte das Tageslicht und die Sicherheit der Siedlung, meine Rüstung auf Schäden zu überprüfen. Zum Glück hatte sie den gestrigen Tag besser überstanden als meine Rippen, ich konnte außer Dreck und ein paar neuen Löchern im Stoff nicht feststellen, nichts, das mich beeinträchtigte.
Ähnlich verfuhr ich mit den Waffen, ich überprüfte alle, auch die, die ich tags zuvor den Söldnern abgenommen oder in der Vault gefunden hatte. Sie schienen alle funktionstüchtig zu sein. Ein Gewehr, für das ich keine passende Munition hatte, legte ich zur Seite, ich wollte keine unnötige Last mitschleppen. Ich packte die Schrotflinte in den Rucksack, gestern hatte ich eine neue Pistole gefunden, die mir lieber war. Zwar waren ihre Kugeln genauso tödlich, die Wirkung jedoch weniger verheerend.
Seitlich an den Rucksack band ich dann das Sturmgewehr und eine große Flinte, den Rest stopfte ich hinein, wie immer hielt ich außerdem ein paar Granaten und Notfallmedikamente in meinen Taschen bereit.

Schließlich war ich fertig, setzte den Rucksack auf, verließ Arefu und sah auf meine Pip-Boy-Karte, sobald ich wieder festen Ödlandboden unter den Füßen hatte. Osten oder Nordosten. Fürs erste ging ich auf das Gewässer zu, das ich von Arefu aus gesehen hatte, dann am Ufer entlang nach Norden, ich wollte lieber einen Anhaltspunkt für meine Richtung haben, als schon wieder querfeldein zu laufen. Eine rasche Bewegung im Wasser ließ mich dann jedoch schnell den Abstand zum Ufer vergrößern; an einem Steg meinte ich ein Mirelurk-Gelege gesehen zu haben und auf eine weitere Begegnung mit diesen Viechern konnte ich gut verzichten.

Unbehelligt kam ich voran bis das Gewässer vor mir zuende zu sein schien. Vielleicht beschrieb es auch einfach nur eine weite Biegung, auf jeden Fall würde ich mich nun von seinem Ufer entfernen müssen. Vor mir ragte ein Steg auf, ein paar einfache Holzstufen führten auf einen Hügel hinauf.
zuerst untersuchte ich den Steg, fand ein paar Kisten unter ihm, in diesen jedoch nicht viel brauchbares, immerhin ein wenig Munition.
Was ich auf dem Steg entdeckte war weniger erfreulich. Ein Skelett lag dort, neben ihm ein Teddybär, Nahrungsmittel, Getränkedosen. Ein gespenstischer Anblick und ich kam nicht umhin mich zu fragen, wie diese Person wohl gestorben war, wie sie gelebt hatte. Ich wandte mich von dem bedrückenden Anblick ab, ehe er meine Stimmung noch weiter drücken konnte.


Ein kurzer Blick auf die Karte verriet mir, dass die Stufen genau in Richtung Nordosten führten, also machte ich mich daran, den Hügel zu erklimmen.
Oben angekommen wurde mir schnell klar, dass ich den ersten beschriebenen Ort gefunden hatte. Picknicktische standen dort, Geschirr und Flaschen lagen herum, Spielzeug lag ebenfalls auf dem Boden, daneben ein Grill, seit zweihundert Jahren unbenutzt. Einige hundert Meter entfernt ragte eine Leinwand in den Himmel hinein, verdrecktes Weiß, davor eine Ansammlung von Autowracks, alle in die gleiche Richtung zeigend. Ich erinnerte mich daran, was ein "Kino" war, so etwas ähnliches wie ganz großes Fernsehen. Dann war das hier also das Moonbeam-Kino und ganz offensichtlich war niemand außer mir hier.

Trotzdem durchsuchte ich den Platz gründlich, spähte in die Autos, hinter die Leinwand, doch in fand nichts. Also ging ich weiter in Richtung Nordosten.

Ich kam wieder an ein Gewässer, ich bin mir nicht sicher, ob es das gleiche wie zuvor war, gehe aber davon aus. Ich ging eine Weile am Ufer entlang, auf eine Brücke zu, doch als ich nah genug heran gekommen war sah ich, dass sie zerstört war, gute fünfzehn Schritte Luft trennten mich vom anderen Ufer. Trotzdem trat ich auf sie hinaus, ging bis etwa zur Mitte und sah hinüber. Auf der anderen Seite konnte ich ein Gebäude erkennen, es sah irgendwie merkwürdig aus, nicht so rechteckig wie die normalen Häuser, stattdessen erhob sich eine Seite doppelt so hoch wie der Rest, in einer Art Turm. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, fand jedoch, dass das Gebäude hübsch aussah. Ich sah nach rechts, nach links und bemerke zu meiner Linken, an einer Stelle, die ich am Ufer gerade passiert hatte, eine weitere Möglichkeit - zumindest hoffte ich es - den Fluss zu überqueren.
Felsen türmten sich dort auf, schienen einen sicheren Weg auf die andere Seite zu bilden, vielleicht durch eine Explosion aufgeschüttet, vielleicht vom Wasser selbst im Laufe der Zeit angeschwemmt. Gerade als ich beschlossen hatte, mein Glück an dieser Stelle zu versuchen, ließ mich ein Geräusch herumfahren.

Ich hatte den Mirelurk nicht kommen hören, auf einmal stand er da, kaum mehr als zehn Meter hinter mir. Der blasse Chitinpanzer glänzte noch feucht, vermutlich war er gerade aus dem Wasser gekrochen, und seine mörderischen Zangen schnappten bedrohlich. Ich machte mir nicht die Mühe, nach meiner Pistole zu greifen, stattdessen riss ich die Flinte vom Rucksack, zielte und schoss, eine Kugel nach der anderen, während ich zurückwich.
Obwohl jede Kugel traf, schien er kaum langsamer zu werden, ich dagegen musste stehen bleiben, denn hinter mir war nichts mehr, wohin ich noch zurückweichen konnte, die Brücke war zuende, ein weitere Schritt und ich würde in die Tiefe fallen, in das Wasser, und jämmerlich ertrinken. Ich sprintete zur Seite, wollte wenigstens das Geländer im Rücken haben, schoss wieder und begann mich zu fragen, wie viele Kugeln wohl im Magazin Platz hatten bei dieser Waffe. Noch ein Schuss, noch einer, und dann, endlich, kam der Vormarsch dieses Dings ins Stocken. Anscheinend hatte ich endlich eine empfindliche Stelle erwischt und es sank in sich zusammen, blieb reglos liegen.
Das Herz schlug mir bis zum Hals und ich schaffte es erst im dritten Anlauf, das Magazin der Waffe zu öffnen. Eine Kugel noch. Das war mehr als knapp gewesen.
Nachdem ich mich mit einem gründlichen Blick in die Runde versichert hatte, dass keine weiteren Gegner auf mich zukamen, gab ich dem Verlangen meiner zitternden Knie nach und setzte mich einen Augenblick auf den Boden, lehnte mich an die Steinmauer in meinem Rücken, während ich den Rucksack öffnete und nach neuer Munition suchte.

Erst als ich mir sicher war, dass meine Beine mich auch wieder tragen würden, stand ich auf, zog den Rucksack wieder auf und ging zu der Ansammlung von Felsbrocken zurück. Aus der Nähe betrachtet wirkten sie noch gewaltiger und ich begann, Stück für Stück hinauf zu klettern. Ich achtete darauf, nicht abzurutschen oder mir meinen Fuß einzuklemmen und kam deswegen nur langsam voran, doch immerhin kam ich auf der anderen Seite an. Hier hatten die Felsen ein altes Schiff eingekeilt, es schien fast nur noch aus Rost zu bestehen, doch ein paar Kisten waren noch intakt. Wieder durchstöberte ich sie, fand Munition, Energiezellen, Medikamente und Granten, ein guter Fund. Als ich dann den steinernen Damm wieder hinabstieg hatte ich über diesen Fund die kurze Begegnung mit dem Mirelurk schon fast wieder vergessen.



Ich lief am Ufer entlang, bis ich die Brücke wieder erreicht hatte, nur diesmal von der anderen Seite. Einen Augenblick lang sah ich in die Richtung zurück, aus der ich gekommen war, dann wandte ich mich ab und folgte der Straße weiter. Ich kam an einem kleinen, beschädigten Unterstand vorbei, näherte mich dem komischen, hübschen Gebäude immer weiter, es schien auf einer Seite von seltsamen, von Menschen geformten Steinen umgeben zu sein. Sie waren flach, oval und standen alle aufrecht. Die Neugier darüber ließ mich für einen Augenblick fast meinen eigentlichen Auftrag vergessen.

Dann brach die Hölle los.

Ich sah die Rakete nicht kommen, sie traf ein Autowrack nur einige Schritte vor mir, ließ es in einem Feuerball explodieren und scharfkantige, heiße Metallsplitter auf mich hinabregnen, als ich zu Boden geschleudert wurde. Einen Moment lang war ich benommen, begriff ich gar nichts mehr, dann übernahm mein Instinkt die Kontrolle, ich kroch zur Seite, so schnell ich es mit dem Rucksack konnte, auf einen großen Schatten zu, der sich als Bus entpuppte. Ich schmeckte Blut und Asche auf meinen Lippen, doch meine Brille hatte meine Augen geschützt, auch sonst schien ich nicht nennenswert verletzt zu sein.
So nützlich die Brille gewesen war, so sehr behinderte sie mich jetzt, sie war voller Dreck und Blut und ich zog sie ab, steckte sie blind in irgendeine meiner Taschen. Ich zog den Rucksack aus, lehnte ihn an den Bus, nahm das Sturmgewehr ab und entsicherte es, während ich angestrengt lauschte.

Wer griff mich hier an, aus welcher Richtung kam er, verfolgte er mich oder wartete er darauf, dass ich meine Deckung verließ?

Ich erahnte die Schritte eher, als dass ich sie hörte, doch ich hatte keine Wahl als mich darauf zu verlassen, ich schlich in die andere Richtung, bis zum Ende des Busses, halb um die Ecke herum, wartete, ich musste wissen, mit wem ich es zu tun hatte. Ein Schritt, noch einer, eine Silhouette kam hinter dem anderen Ende des Busses hervor. Als ich erkannte, was für ein Wesen es war, das auf mich geschossen hatte, hatte ich das Gefühl, dass mir das Blut in den Adern gefrieren würde.

Und als wäre ein Mutant nicht genug, hörte ich noch immer Schritte, obwohl dieser hier stehen geblieben war, mich - da bin ich mir sicher - bösartig anstarrte und seine Waffe hob.

Ich dachte an alles, was ich mit dem Anblick dieser Mutanten verband. Ich dachte an meinen ersten Versuch, D.C. zu betreten, daran, wie ich schon damals fast gestorben wäre; ich dachte an meinen Besuch in Canterbury Commons, ich dachte an die Frau, die gestorben war und die Angst lähmte mich fast, ließ mich nicht klar denken. Ich wollte nur noch wegrennen, doch der kleine Funken Verstand in mir, der noch arbeitete, machte mir klar, dass es Selbstmord wäre, vor zwei Monstern mit Raketenwerfern übers freie Feld davonzulaufen.

Ich zog mich ruckartig zurück, gerade als der Mutant wieder feuerte. Das Geschoss sauste an mir vorbei, schlug irgendwo weit hinter mir ein, ich dachte nicht einmal daran, mich umzusehen. Eigentlich gab es nur eine Möglichkeit, sie oder ich und ich machte mir keine Illusionen darüber, wie gut es um meine Chancen stand. Ich zögerte nicht, dachte nicht darüber nach, wie kurz ich wohl davor war, in feinen Sprenkeln in der Landschaft verteilt zu werden, ich trat wieder aus meiner Deckung, hielt mich nicht lange mit zielen auf, schoss einfach drauflos, diese Biester boten ja wirklich genug Fläche.
Ich traf auch, doch wie zuvor bei dem Mirelurk schien es den Mutanten kaum zu stören, er knurrte ärgerlich, hob seinen Raketenwerfer wieder, legte die nächste Rakete in den Lauf, ich hörte die Schritte hinter mir näher kommen und kam dann endlich auf einen Gedanken, der mir wohl das Leben gerettet hat. Ich hörte auf, wie wild auf seinen Körper zu schießen, ich zielte stattdessen auf seinen Arm, auf seine Hand und auf die Waffe und tatsächlich, er ließ sie fallen. Er knurrte diesmal nicht nur ärgerlich sondern auch schmerzerfüllt, ein halbes Dutzend Kugeln in einer Hand schien sogar ihn mehr als nur zu jucken, doch mir blieb keine Zeit, mich zu freuen. Von hinten kam ein Hitzeschwall auf mich zu, ich rannte los, doch ich war nicht schnell genug, die Flammen streiften mich, ich roch verbrannten Stoff, verbrannte Haare, schrie auf, als das Metall meiner Rüstung glühend heiß wurde. Ich rannte direkt auf den ersten Mutanten zu, sprang nach vorne, als er sich endlich schwerfällig nach seinem Raketenwerfer bücken wollte, kam ihm zuvor, umklammerte das Ding mit beiden Händen, als mich ein Faustschlag in die Seite traf. Mir blieb keine Luft zum schreien, meine Zähne schlugen aufeinander und ich schmeckte mehr Blut, doch ich ließ den Raketenwerfer nicht los, nutzte stattdessen den Schwung des Hiebes, den ich eingesteckt hatte, um zur Seite zu rollen, einmal, zweimal, noch einmal, dann griff ich ihn richtig, ohne überhaupt aufzustehen. Ich hatte keine Zeit, die Möglichkeiten abzuwägen, ein Gegner war direkt hinter mir, der andere bewaffnet, ich entschied mich für den bewaffneten, hob den Raketenwerfer und schoss.
Der Rückstoß riss mir fast den Arm ab, zumindest fühlte es sich so an, doch ich traf und der zweite Mutant wurde regelrecht zerfetzt.

Dafür hatte der erste mich inzwischen eingeholt und mich traf noch ein Schlag, ich ließ den für mich jetzt nutzlosen Raketenwerfer fallen, krümmte mich zusammen und versuchte, nach hinten zurückzuweichen, schaffte es irgendwie, dem nächsten Hieb auszuweichen, jedoch nicht, auf die Beine zu kommen. Ich krabbelte weiter, auf den Bus zu, die einzige Deckung, die für mich erreichbar schien, aber ich war zu langsam, spielerisch hielt der Mutant mit mir Schritt, trat nach mir und ich konnte hören, wie mein Bein brach, meine Kraft verließ mich, meine Arme gaben unter mir nach und ich stürzte mit dem Gesicht voran auf den Boden.
Einen ganz kurzen Augenblick lang wollte ich einfach aufgeben, liegen bleiben, ich hatte keine Kraft mehr, keine Waffe, keine Chance, doch dann spürte ich in den Taschen meiner Rüstung etwas hartes, erinnerte mich an die Granaten. Noch einmal schaffte ich es, mich weit genug aufzurichten, dass ich mit einer Hand eine Granate aus der Tasche ziehen konnte. Der Mutant hatte nicht noch einmal zugetreten, vielleicht wollte er mich leiden sehen, vielleicht lieber den Raketenwerfer holen und mich in Fetzen sprengen, ich weiß es nicht, doch es war meine Chance. Ich entsicherte die Granate und auch wenn mir klar war, dass er sich viel zu nah bei mir befand, warf ich sie, ein Stück hinter ihn. Ich versuchte noch, zur Seite zu rollen, ehe die Granate explodierte, doch ich schaffte es kaum, wenn der Mutant nicht einen Großteil der Energie abgefangen hätte, hätte die Druckwelle mich noch voll erwischt. Auch so bekam ich noch genug ab, mir wurde schwarz vor Augen, als die Explosion über mich hinweg fegte, mein gebrochenes Bein verdrehte, doch ich kämpfte dagegen an, das Bewusstsein zu verlieren. Ich ahnte schon, dass das nicht genug gewesen war, dem Ding den Rest zu geben und holte noch ehe ich mich mühsam aufstützte eine weitere Granate aus meiner Tasche. Der Mutant war schwer getroffen, doch er lebte noch. Ich robbte mit den Armen und dem unverletzten Bein noch ein Stück zurück, schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen, doch ich konnte noch genug sehen, dann warf ich die zweite Granate und bereitete auch diesem Mutanten ein Ende.

Ich ließ mir keine Zeit, mich zu erholen, ich kroch zurück zum Bus und lehnte mich dagegen, durchwühlte meinen Rucksack, fand die Schmerzmittel und weitere Medikamente, von denen ich mir erhoffte, dass sie meinen Kreislauf lange genug beisammen halten konnten, bis ich einen Platz gefunden hatte, an dem ich halbwegs sicher war. Während ich darauf wartete, dass das Zeug wirkte, versuchte ich eine halbwegs erträgliche Position für mein Bein zu finden; vergeblich.

Ich dachte an das hübsche Gebäude und dass es der vermutlich einzige Unterschlupf in für mich erreichbarer Nähe war; andererseits auch vermutlich der Unterschlupf dieser Mutanten, und wenn es mehr als zwei gewesen waren, würde der Rest dort auf mich warten. Doch ich würde nicht weit kommen und hier konnte ich auch nicht bleiben, wenn sie mich fanden, wenn ich nicht bei Bewusstsein wäre... Himmel, auch wenn ich bei Bewusstsein wäre, ich glaubte nicht, es in diesem Zustand auch nur mit einer Maulwurfsratte aufnehmen zu können.
Ich wagte es nicht, die Augen länger als einen Moment zu schließen, meine Ohren klingelten noch immer so laut von den ganzen Explosionen, dass ich Angst hatte, sich nähernde Schritte überhaupt nicht hören zu können.

Als die Schmerzmittel endlich zu wirken begannen, hatte ich bereits einen wahnwitzigen Plan gefasst. Ich kroch, das verletzte Bein nutzlos hinter mir her schleifend, zu dem toten Mutanten, der den Raketenwerfer benutzt hatte. Es war kein schöner Anblick, das war er von Anfang an nicht gewesen, doch die zweite Granate hatte ihn fast in Stücke gerissen. In den Überresten seiner Rüstung fand ich jedoch, was ich suchte; zwei weitere Raketen.
Ich steckte sie ein, kroch weiter zum Raketenwerfer und schleppte ihn hinter mir her zum Bus zurück. Dort steckte ich zuerst eine der Raketen in den Raketenwerfer.

Ich würde versuchen müssen, das Gebäude zu erreichen und ich musste so gut es ging vorbereitet sein. Ich stopfte alle Schmerzmittel und alle Granaten aus meinem Rucksack in meine Rüstungstaschen, zumindest in die, die noch nicht aus Fetzen bestanden, packte den Raketenwerfer und die Flinte so, dass ich sie hinter mir herziehen konnte und machte mich langsam, sehr unelegant und alles andere als unauffällig auf den Weg zum Gebäude.

Der Boden war übersät mit Steinen und den Metallsplittern des explodierten Autos, ich zerstörte mir das, was von den Beinen meiner Rüstung noch übrig war und meine Handflächen schmerzten schon nach den ersten Metern. Ich ließ mich davon nicht beirren, schlich mich weiter, so gut es eben geht, wenn man zwei Waffen hinter sich herzerrt und meine Vorsicht erwies sich als begründet.

Hatte ich gestern noch gesagt, dass der Yao Guai das widerlichste Biest war, das mir je begegnet ist? Was da zwischen vertrocknetem Dornengestrüpp und komischen, vertikalen Steinen auf mich zukam, ich weiß nicht, ob sich das noch übertreffen lässt. Es war vielleicht nicht einmal das Aussehen an sich - auch wenn das schon ekelhaft genug war - nein, es war die Tatsache, dass dieses Ding aus menschlichen Körperteilen zu bestehen schien. Es bewegte sich auf vier Händen vorwärts, ob sich dahinter noch weitere Körperteile verbargen, konnte ich nicht erkennen. Auf einem verkrüppelten Körper, dem wiederum die Arme zu fehlen schienen, saß ein hässlicher Kopf, der nur entfernt menschlich wirkte und aus dessen Mund - Maul? - irgendetwas heraushing. Ich konnte es einfach nur anstarren, unfähig, mich zu rühren, ich vergaß über meinem Entsetzen sogar, die Waffe zu nehmen.

Dieses Ding kam noch ein paar Schritte näher, dann blieb es stehen und dann... dann spuckte es irgendetwas auf mich. Schleim legte sich auf meinen linken Ärmel, fraß sich durch die Rüstung, brannte sich in meinen Arm und ich erwachte endlich aus meiner Starre. Ich versuchte es gar nicht erst mit der Flinte, ich hob den Raketenwerfer hoch, zielte und schoss, diesmal halbwegs auf den gewaltigen Rückstoß gefasst. Was immer das für ein Ding gewesen war, einen Augenblick später regente es in Einzelteilen auf das Dornengestrüpp hinunter. Ich nahm die letzte Rakete, legte sie in den Raketenwerfer und kroch weiter.

Schließlich hatte ich fast das Gebäude erreicht, ich hielt mich in einem Winkel, der es unmöglich machte, mich von drinnen mit irgendetwas zu erschießen, dann grübelte ich. Ich musste davon ausgehen, dass sich dort drinnen noch jemand befand, alles andere wäre mehr als leichtsinnig gewesen. Ich wartete.

Als sich auch nachdem ich einige Minuten gewartet hatte, niemand zeigte, wurde ich ungeduldig. Ich hätte nicht übel Lust gehabt, einfach eine Granate durch das zerstörte Dach zu werfen, doch ich wollte nicht das Risiko eingehen, dass sich dort drinnen jemand befand, der kein Mutant war - egal wie klein es auch sein mochte. Stattdessen nahm ich eine Granate, bedauerte kurz die Verschwendung und warf sie dann in Richtung des Eingangsbereichs. Die Explosion, die darauf folgte, würde hoffentlich jeden herauslocken, sonst würde ich es riskieren müssen und zum Eingang gehen oder das Gebäude umrunden und damit selbst zur Zielscheibe werden.

Zum Glück kam es nicht soweit.

Einige Sekunden nach der Explosion nahm ich eine Bewegung wahr, hob den Raketenwerfer und in dem Moment, als der Mutant aus dem Gebäude trat, hatte ich schon den Abzug betätigt. Der Mutant wurde noch zwei Meter weit mitgerissen und dann mitsamt des Baumstamms, gegen den er geprallt war, in Stücke gerissen.
Ich ließ den Raketenwerfer fallen, nahm die Flinte, wartete noch einige Minuten, doch es kam nicht noch jemand aus dem Gebäude. Ich musste es jetzt riskieren.

Möglichst leise, was mit nur einer Waffe wesentlich leichter war, kroch ich zum Eingang, nahm allen Mut zusammen und sah um die Ecke. Nichts. Der Raum war auf den ersten Blick leer und ich sah auch keinen Ort, an dem ein Wesen von der Größe eines dieser Mutanten sich hätte verstecken können.
Ich atmete erleichtert auf, zog mich komplett in den Raum und sah mich um. Es befanden sich kaum Möbel darin, zwei umgestürtzte Tische, ein Pult, ein Regal, ein paar Einkaufswagen. Ich sah genauer hin, erstarrte kurz, dann robbte ich so schnell ich konnte zu den Wagen. Nicht Wagen, Käfige. Je zwei Einkaufswagen waren mit Stacheldraht zusammengebunden worden. Neben ihnen lag die Leiche eines Mannes, doch in einem der Wagenkäfige saß eine Frau, und diese Frau lebte noch!
Sie sah mich mit großen Augen an und flehte mich leise an, sie zu befreien. Ich nickte, griff nach dem Draht und schnitt mir prompt die Hand daran auf. Ich fluchte leise, atmete einmal tief durch. Es bestand keine unmittelbare Gefahr, also sah ich mich um, entdeckte eine Zange und durchtrennte mit ihr vorsichtig den Draht, ohne mich abermals zu verletzen. Dankbar kroch die Frau ins Freie.

Ich kann mir nicht vorstellen, was diese Mutanten mit ihr vorgehabt haben, und vielleicht will ich es auch gar nicht wissen. Sie bedankte sich immer wieder bei mir, bot mir ihre Ausrüstung an, die in einer Kiste in der Nähe lag, doch ich lehnte ab. Die würde sie selbst brauchen hier draußen. Stattdessen bat ich sie, meinen Rucksack hereinzuholen. Sie stimmte zu und während sie nach draußen ging und ich ihr nachsah fragte ich mich noch, ob es eine so schlaue Idee gewesen war, sie könnte auch einfach damit abhauen, dann säße ich gewaltig in der Klemme. Doch mein Vertrauen wurde belohnt, sie kam so schnell wie möglich zurück, gab mir meinen Rucksack mit allem drum und dran. Diesmal war ich an der Reihe mich zu bedanken.

Sie fragte mich, ob ich noch etwas brauchte, doch ich lehnte dankend ab. Das einzige, was ich gebraucht hätte, wäre ein Arzt gewesen, doch dass sie keine Ahnung von Medizin hat, konnte ich schon an ihrem Blick erkennen. Ich riet ihr, sich einfach so schnell wie möglich auf den Heimweg zu machen, was sie dann, nachdem sie sich noch einmal bedankt hatte, auch tat.

Als sie fort war, sah ich mich genauer um. Dieser Ort war unheimlich. Die Mutanten hatten überall blutige Haufen aufgehängt und ich begann mich ernsthaft zu fragen, was alle Welt hier oben so dekorativ an blutigem, verwesendem Fleisch findet.
Ich fand ein paar Granaten, zwei Bücher, Munition, die zu keiner meiner Waffen passte und steckte alles in meinen Rucksack. Dann nahm ich ihn und meine Waffe, schleppte mich in die Ecke direkt neben der Tür, zog mir den umgestürzten Tisch so zurecht, dass ich mich dahinter verbarrikadieren konnte und breitete meinen Schlafsack aus. Ich hatte keine Chance, diesen Ort heute noch zu verlassen, das war mir klar.

Zuerst leerte ich dann meine Rüstungstaschen, stelle mit Erstaunen und Freude fest, dass meine Brille das ganze - irgendwie - fast unbeschadet überstanden hatte. Ich putzte sie und setzte sie wieder auf.
Ich schaffte es irgendwie, zumindest den oberen Teil meiner Rüstung auszuziehen und begann damit, meine Verletzungen zu versorgen. Die Haut an meinem linken Arm war verätzt, nicht gefährlich tief, aber der Pip-Boy wies mich darauf hin, dass das Zeug, das dieses Monster gespuckt hatte, radioaktiv gewesen war und ich wusch es eilig ab, so gut es ging, wickelte einen Verband darum.
Meinen Rücken tastete ich nur kurz ab; die Haut war überaus empfindlich, vermutlich knallrot und würde sich wohl in ein paar Tagen schälen, doch es war keine schlimme Verbrennung; ich beschloss, es erst einmal zu ignorieren.
Als nächstes tastete ich mich von Kopf bis Fuß ab, konnte jedoch keine weiteren Brüche entdecken, überlegte nur, ob ich Wetten mit mir selbst abschließen sollte, ob ich morgen eher dunkelrot oder eher bläulich aussehen würde.
Schließlich kam ich zu meinem Bein; es schien ein einfacher Bruch zu sein, mit zusammengebissenen Zähnen, da das trotz der Schmerzmittel kein Spaß war, versuchte ich, die Knochen in die richtige Position zu bringen, dann wickelte ich mit ein paar langen, schmalen Holzbrettern eine Schiene darum. Ich hoffte nur, mit Hilfe des Stimpacks würde alles richtig zusammenwachsen, ich konnte mir nur zu gut vorstellen, mit welcher Begeisterung der Doc alles nochmal brechen würde.

Als ich fertig war, zwang ich mich dazu, einen Schluck Wasser zu trinken, dann goss ich ein wenig auf ein Tuch und wischte mir den Schmutz und das Blut aus dem Gesicht und von den Händen. Von den ganzen Medikamenten war mir übel und ich verspürte nicht das Bedürfnis, etwas zu essen. Stattdessen nahm ich eines der gefundenen Bücher zur Hand, ich hatte sowieso keine andere Wahl als abzuwarten und schlafen wollte ich noch nicht.

Ich las das ganze Buch, fast ohne Pause, auch wenn es eigentlich nicht besonders interessant war, selbst für ein Vorkriegsbuch. Eine irgendwie verstörende Geschichte, in der Menschen vorkamen, die das Blut anderer Menschen tranken, sich durchs ganze Land jagten, kämpften und die Köpfe abschnitten. Am Ende war ich eigentlich nur verwirrt, doch ich schob es auf die Medikamente, holte stattdessen mein Tagebuch heraus.
Die letzten Stunden habe ich nur geschrieben, heute habe ich noch länger gebraucht als sonst, aber das ist gar nicht so schlecht, denn jetzt ist es so spät, dass ich schlafen kann. Wenn ich viel Glück habe, bleibe ich heute Nacht unbehelligt und kann morgen mein Bein wieder vorsichtig belasten.

Gerade wollte ich das Tagebuch weglegen, da ist mir eingefallen, was das hier für ein Ort ist, also will ich das noch schnell festhalten. Ein Friedhof. Oder eher, das da draußen ist ein Friedhof, die vielen Steine stehen jeweils für einen Menschen, der unter ihnen begraben liegt. Ein Ort, an den die Menschen gegangen sind, um sich an ihre Toten zu erinnern; zu einer Zeit, als es noch mehr Lebende als Tote gab.
Dann ist das Gebäude, in dem ich mich befinde, also wohl eine Kirche. Ein Ort, an dem die Menschen früher zu Gott gebetet haben, statt in einem verseuchten Tümpel zu einer tödlichen Bombe.
Vielleicht habe ich ja Glück und heute Nacht wacht irgendjemand über mich. Auch wenn ich nicht so recht daran glaube. Wenn es ihn gibt, wie hätte er zulassen können, dass wir seine Welt so sehr zerstören.
Heal My Wounds #stars The Shining Light

» No one’s arguing about the need for a plan.
Your plan is just stupid and won’t work.
«
:create

53

Sunday, March 25th 2012, 2:08pm

So, ich gestehe, ich muss aufteilen. Ich schreibe schon wieder zu viel, bin schon bei 25 000 Zeichen und habe heute irgendwie keine Lust mehr.
Also Fortsetzung folgt dann :D

Außerdem habe ich mir jetzt eine Packung Streichhölzer gemoddet, mit denen ich überall ein Lagerfeuer entzünden kann. Juhu für Screenshots!

Und da mir das Essen langsam wirklich zu eintönig wurde, habe ich Jonas Speisekarte ein wenig erweitert. 40 neue Nahrungsmittel und Getränke in den Leveled Lists des Ödlands, mjammi. Angepasst für meine Hungermod und alle mit eigenen Icons, aber ohne Weltmodelle.

Spoiler Spoiler

Konservendosen
--------------
Spaghetti Bolognese
Chili con Carne
Kartoffeln mit Würstchen
Ersbeneintopf mit Fleischbällchen
Nudeln mit Pilzsoße
Linseneintopf
Ravioli
Dosenwurst
Hühner-Gemüse-Suppe
Rindfleisch-Reis-Topf
Gulaschnudeln
Tomatensuppe
Pute in Paprikasahnesoße
Hackbraten
Currywurst
Heringsfilets

Obstsalat
Pfirsichhälften
Sauerkirschen
Ananasscheiben

Süßigkeiten
-----------
Schoko-Pfefferminz-Bonbons
Steinharte Gummibärchen
Brauseherzen
Karottenchips
Getreideriegel

Andere Vorkriegs-Lebensmittel
----------------------------
Knäckebrot
Uralte Sandwichscheiben
Fix-und-Fertig Risotto
Trockengemüse
Instant-Tee

Ödland-Lebensmittel
-------------------
Brahmin-Käse
Kartoffelbrot
Yao-Guai-Wurst
Ödland-Frikadelle
Ameisenpastete
Unansehnlicher Eintopf

Getränke
--------
Brahmin-Milch
Bitterer Kräutertee
Instant-Kaffee
Trüber Apfelsaft

:yam

Jaja, das Moddingfieber, ganz üble Sache.



Achja, das hätte ich ja fast vergessen: Große Party, ich habe 100 Seiten überschritten :jubel

Ganz am Anfang hätte ich nie gedacht, dass ich so weit komme, dass ich anfange, so viel zu jedem Tag zu schreiben und dass es mir so wahnsinnig viel Spaß macht :love

Danke für alle aufmunternden Worte, die ich bisher erhalten habe :thx

Auf die nächsten 100 Seiten! :cheers

Und besondere Grüße an Hevel und Denna - pass auf die Minen auf :gdr
Heal My Wounds #stars The Shining Light

» No one’s arguing about the need for a plan.
Your plan is just stupid and won’t work.
«
:create

This post has been edited 1 times, last edit by "Laulajatar" (Mar 25th 2012, 2:25pm)


54

Sunday, March 25th 2012, 2:19pm

01-Oktober-2277
AREFU

Es ist spät

Heute morgen

Ich weiß nicht einmal, wie ich anfangen soll. Ich sitze am Lagerfeuer, starre in die Flammen, bis meine Augen in der Dunkelheit der Nacht blind für alles andere sind und versuche einen klaren Gedanken zu fassen, einen Anfang zu finden. Einen Anfang für das, was heute passiert ist. Obwohl eigentlich nicht viel passiert ist. Für das, was ich heute herausgefunden habe eher.
Es ist schon spät, eigentlich sollte ich schlafen gehen, aber ich kann noch nicht. Ich werde es machen wie immer, von Anfang an schreiben, von heute Morgen an, auch wenn das bedeutet, dass ich in zwei, drei Stunden vielleicht erst fertig sein werde.

Ich bin früh aufgewacht, da ich ja seit gestern Nachmittag auf meinem Lagerplatz gelegen habe und auch früh eingeschlafen bin. Ich fühlte mich ein wenig besser und kontrollierte als erstes meine Verletzungen. Die Haut auf meinem Rücken spannte sich zwar unangenehm und ich hatte die Befürchtung, dass ich noch meine helle Freude an meinem Rucksack haben würde, doch sie machte mir keine großen Sorgen. Auch mein Bein sah wesentlich besser aus. Ich versuchte aufzutreten und es ging, auch wenn es noch immer schmerzte. Ich würde es nicht stark belasten können, doch ich wusste, dass ich nicht länger warten konnte. Einen Tag hatte ich schon verloren und ich musste doch Ian finden. Je länger ich wartete, desto geringer wurde die Chance ihn lebend zu finden.

Schließlich wickelte ich den Verband von meinem Arm ab. Was ich dann sah, war alles andere als erfreulich. Was auch immer das für eine Pampe gewesen war, sie hatte sich in der Nacht offensichtlich weiter in meinen Arm gefressen. Kurz stieg dann doch ein wenig Panik in mir auf, ich wusste nicht, was das war und ich wusste auch nicht, was ich dagegen tun sollte. Ich versuchte mich zu beruhigen und über die Sache nachzudenken. Schließlich hatte ich eine zugegebenermaßen etwas verzweifelte Idee: Ich holte eine Flasche Brahmin-Milch aus meinem Rucksack, tränkte das sauberste Tuch, das ich finden konnte, mit einer Mischung aus einer desinfizierenden Salbe und der Milch und legte den Verband erneut an. In Moiras Hexengebräu hatte das Zeug ja auch gegen Strahlungsschäden geholfen. Angeblich. Zumindest hatte es mich nicht umgebracht und bisher hatte ich noch immer nur zwei Arme, zwei Beine und ein Gesicht.

Als ich damit fertig war sammelte ich ein paar Holzstücke und entfachte ein kleines Feuer. Mein Arm brannte, doch ich hoffte, dass sich das als gutes Zeichen herausstellen würde und er nicht irgendwann im Laufe des Tages einfach abfallen würde.
Als das Feuer brannte holte ich das zweite Stück Yao-Guai Fleisch heraus, steckte es auf einen Stock und briet es. Während ich darauf wartete, dass das Fleisch fertig wurde, betrachtete ich meine Pip-Boy Karte. Ich war ziemlich weit nach Norden gekommen, Evan King hatte etwas von Osten oder Nordosten gesagt. Ich beschloss, jetzt nach Osten zu gehen, zeichnete eine gedankliche Linie von meinem jetzigen Aufenthaltsort zu einem Punkt, der genau östlich von Arefu lag und entschied, zuerst dorthin zu gehen und dann abzuwägen wie ich weiter vorgehen wollte.

Die Entscheidung war relativ schnell gefallen und da das Fleisch noch immer nicht durchgebraten war begutachtete ich meine Rüstung. Oder eher das, was davon noch übrig war. Der Stoff hing in Fetzen herunter, lediglich die Panzerung schien halbwegs intakt zu sein. Ein Glück. Ich nahm ein Messer, schnitt die größten unnützen Stofffetzen ab und holte einfache Kleidung aus meinem Rucksack, die ich irgendwie noch darüber zog. An den Stellen, wo der Stoff sich über den Panzerungen spannte, knackten ein paar Nähte bedenklich und ich musste sie ein wenig auftrennen, um meine Bewegungsfreiheit nicht gefährlich einzuschränken.
Vermutlich sah ich aus wie eine verunstaltete Puppe. Eine dreckige, grün-blaue Puppe mit unpassender Kleidung.

Ich würde nicht rennen können, einen Arm nur schwer bewegen können und meine Rüstung bestand nur noch aus besseren Fetzen. Dass es Wahnsinn war, diesem Zustand die Suche fortzusetzen, war mir klar, aber ich konnte nicht umkehren. Wäre ich nach Megaton oder Arefu zurückgekehrt, hätte es bedeutet, dass ich versagt hatte.

Um nicht darüber nachzudenken, was passieren würde, wenn ich ihn diesem Zustand weiteren Mutanten, oder auch nur einer größeren Gruppe Raider, oder ein paar Söldnern begegnen würde, nahm ich das Fleisch vom Stock und frühstückte. Ich beeilte mich, so gut es ging, weder der Zeitdruck, unter dem ich stand, noch der Ort, an dem ich mich befand, machten den Aufenthalt hier besonders angenehm. Ab und an trug ein Windstoß den widerlichen, schweren Gestank der aufgehängten Fleischhaufen zu mir herüber und hätte ich am Anfang Appetit gehabt, wäre er mir schnell vergangen. Sobald ich fertig war stopfte ich all meine Sachen in den Rucksack und band Sturmgewehr und die gefundene Flinte griffbereit daran, hängte die Pistole an meinen Gürtel. So eilig ich es hatte, die Zeit meine üblichen Notfallvorräte in die Taschen meiner Kleidung zu stecken nahm ich mir noch.

Ich machte mir nicht die Mühe, das Feuer zu löschen, meinetwegen konnte dieser ganze verfluchte Ort hier abfackeln, doch vermutlich würden die Flammen ohnehin keine Nahrung finden.

Ich zog meinen kaputten Mantel über, auch er bestand fast nur noch aus Fetzen, doch er verdeckte immerhin ein paar Stellen meiner provisorischen Rüstung; dann setzte ich den Rucksack auf, verzog das Gesicht, als ich das Gewicht schmerzhaft auf meinem Rücken spürte und machte mich auf den Weg. Als ich hinter meinem Tisch hervor gekommen und in die Mitte des Raums getreten war bemerkte ich auf dem Boden ein kleines Häufchen Elend, das einmal mein Hut gewesen war. Die Frau musste ihn gestern bei meinem Rucksack gefunden und ebenfalls mitgebracht haben und ich hatte ihn komplett übersehen. Ich hob ihn auf, klopfte den Schmutz ab und setzte ihn dann mit einem Schulterzucken auf. Er war halb verbrannt und eingedellt, passte also perfekt zu meinem restlichen Outfit.

Ich verließ die Ruine der Kirche, ging querfeldein, direkt nach Osten. So sehr ich das Ödland eigentlich mochte, so sehr verfluchte ich doch dieses Mal den unebenen Boden und die vielen Grasbüschel, die den Blick auf mögliche Hindernisse versperrten, die mir mit meinem Bein an diesem Tag zum Problem werden konnten. Ich kam nur langsam voran und als ich dann auf eine Straße stieß war ich froh darüber, auch wenn der Asphalt ebenfalls uneben und von Rissen durchzogen war, war es ein wenig angenehmer darauf zu laufen. Ich folgte der Straße, obwohl sie nicht direkt nach Osten führte, bis zu einer Brücke.

Noch ehe ich auf meinem Pip-Boy nachsehen konnte, ob ich sie würde überqueren müssen oder nicht, hörte ich Schüsse. Ich zog sofort die Pistole, sah mich um. Die Schüsse schienen von links unterhalb der Brücke zu kommen, ich hatte sie schon fast erreicht, legte die letzten Meter jetzt so schnell wie möglich zurück und duckte mich hinter der Brüstung, spähte vorsichtig hervor.
Ich sah einige Menschen, die sich einen Schusswechsel lieferten, konnte nicht erkennen, zu welcher Gruppe sie gehören mochten. Zwei Personen kamen auf mich zugerannt, ich hob die Waffe, erkannte dann ihre normale Kleidung; ich blieb zwar wachsam, doch sie entpuppten sich tatsächlich als Siedler oder Reisende, auf jeden Fall normale Leute, keine mordlustigen Banditen.

"Bitte, bitte helfen Sie uns."
Sie hielten inne, als sie mich entdeckten, erzählten von einem Angriff von Raidern, dass ihre Gruppe noch mehr Leute umfasste, die da unten waren und um ihr Leben kämpften. Ich wies sie an, in Deckung zu gehen, drückte der unbewaffneten Frau meine Pistole in die Hand, der Mann hielt schon ein Gewehr. Ich zog meine Flinte, schlich ans Ende der Brüstung, versuchte, die Situation zu überblicken, da schrie die Frau einen Namen, rannte los. Ich fluchte, schrie ihr hinterher, sie solle in Deckung bleiben, doch sie ignorierte mich.

Ich lief ihr hinterher, wurde nach einem halben Dutzend Schritte langsamer, ich konnte nicht rennen, wenn ich nicht riskieren wollte, dass mein Bein ganz unter mir nachgab. Ich sah einen Raider, ich zielte, ich schoss, Kugeln pfiffen mir um die Ohren, ich hörte Flüche, Schreie, mehr Schüsse. Ich wusste nicht, wie viele Personen am Kampf beteiligt waren, ich hatte keine Deckung in meiner Nähe, ich hielt einfach nur Ausschau nach allem, was die Rüstungen der Raider trug und griff es an. Ich tötete noch zwei weitere, zwei Kugeln prallten an meiner Rüstung ab, fügten meinen ohnehin schon farbenprächtigen Blutergüssen zwei neue hinzu, eine weitere Kugel streifte meinen bereits verletzten Arm.
Irgendwann, vor mir war gerade ein Raider nach meinem zweiten Schuss leblos im seichten Wasser zusammengesunken, wurde es still.

Außer Atem hielt ich inne, lauschte, keine weiteren Schüsse, keine Schreie, dafür hörte ich in einiger Entfernung jemanden weinen. Ich hatte mir keine Hoffnungen gemacht, dass die Reisenden diesen Angriff ohne Verluste überstanden haben könnten, trotzdem wurde mir das Herz schwer.
Ohne meine Waffe wegzustecken näherte ich mich der Gruppe von Menschen, die sich am Fuße der Brücke versammelt hatte. Sie schreckten auf, als sie meine sich nähernden Schritte vernahmen, beruhigten sich jedoch schnell wieder, als sie mich erkannten. Drei von ihnen lebten noch, zwei Tote lagen mit einigen Metern Abstand auf dem Boden, darunter die Frau der ich meine Waffe gegeben hatte.
Wäre sie auch losgerannt, wenn ich es nicht getan hätte? Ich werde es nie erfahren, ich zwang mich dazu, diesen Gedanken fallen zu lassen, ich tue es auch jetzt wieder, während ich schreibe. Ich wandte mich ab, wollte die Pistole gar nicht zurückhaben.

Ich sprach den Überlebenden mein Beileid aus und sie bedankten sich für meine Hilfe. Vielleicht hatten sie Recht, vielleicht wäre der Kampf ohne meine Hilfe noch verlustreicher ausgegangen, doch ich fühlte mich schlecht.
Ich schlug ihnen vor, das Raiderversteck zu plündern und während zwei von ihnen provisorische Gräber für die Toten errichteten, folgte der dritte mir zu den beiden Hütten am Ufer, um sie nach brauchbaren Dingen zu durchsuchen.


In der ersten Hütte fanden sich einige Haushaltsgegenstände, Nahrungsmittel, Munition. Das meiste überließ ich dem Reisenden, ich steckte die Dinge ein, die er nicht brauchte. Auf einem Regalbrett lagen alte Metallplatten, die mich direkt an das Wasserwerk in Megaton erinnerten, ich steckte sie ein. Sie waren zwar recht schwer, dafür aber dünn und passten noch gut hinter die anderen Sachen in meinem Rucksack, der dadurch ein wenig steifer wurde.

Als wir mit der ersten Hütte fertig waren stiegen wir den kleinen Hügel hinauf zur zweiten Hütte. Das erste was wir sahen war eine weitere Leiche auf dem Boden. Ein Ghul, gekleidet in normale, helle Ödlandkleidung. Vielleicht hatte er die Raider bestehlen wollen, vielleicht mit ihnen handeln, auf jedem Fall hatte ihm sein Vorhaben kein Glück gebracht. Der Tod schien ihn überrascht zu haben, ich sah keine Spuren eines Kampfes. Ich konnte den Blick der leblosen Augen, starr gen Himmel gerichtet, nicht ertragen und wandte mich ab.
Der Reisende und ich teilten uns wieder die Beute dieser Hütte, dann kehrten wir zur Gruppe zurück; er, um mit ihnen seinen Weg fortzusetzen, ich um mich zu verabschieden.
Sie hatten die Toten inzwischen sehr provisorisch begraben, für mehr reichte die Zeit nicht, sie konnten nicht aus Trauer ihre eigene Sicherheit gefährden. Ich wünschte ihnen viel Glück auf der weiteren Reise, überprüfte meine eigene Route auf der Karte und kam zu dem Schluss, dass ich an diesem Ufer würde bleiben müssen.

Als sich unsere Wege trennten, hatte ich niemanden nach dem Namen gefragt. Vielleicht ist es besser so. Namen machen es nur noch persönlicher.



Ich habe schon wieder einige Seiten gefüllt, das Feuer ist fast herunter gebrannt und ich habe gerade ein wenig Holz gesucht, um es noch ein wenig länger am Leben zu erhalten. Ich bin noch nicht einmal in die Nähe der Ereignisse, die mich so erschüttert haben, gekommen, doch ich merke wie es hilft. Ich schreibe fast ohne darüber nachzudenken, die Worte scheinen sich ganz von selbst aneinander zu reihen, ein Ereignis führt zum nächsten und jedes Ereignis, das ich hinter mir lasse, das ich mit dünnen Bleistiftlinien auf verschmutztes Papier gebracht habe, zieht sich in eine Ecke meiner Erinnerungen zurück, bereit, jederzeit hervorzubrechen, doch nicht mehr allgegenwärtig.
Ich hoffe nur, dass ich fertig werde, ehe die Nacht vorbei ist.



Ich folgte dem Fluss, hielt wie schon zuvor ein wenig Abstand vom Ufer, um nicht von Mirelurks überrascht zu werden, blieb jedoch nahe genug, den Lauf nicht aus den Augen zu verlieren. Der unebene Boden, die vorausgegangene Anstrengung und der damit verbundene Schmerz in meinem linken Bein ließen mich wieder langsamer vorankommen, doch meine Gedanken waren bei Ian, ich wollte ihn unbedingt finden, wenigstens ihn lebend.

Als sich der Flusslauf zu meiner rechten verbreiterte bemerkte ich Vögel, die über einem Gebäude einige hundert Meter vom Ufer entfernt kreisten. Ein kurzer Blick auf meine Karte verriet mir, dass sich dieses Gebäude genau in meinem gedanklichen Zielbereich befand, auch wenn es weder wie eine Metrostation noch wie ein - wie hatte Evan es genannt? - Schlupfwinkel aussah.

Ich bog im rechten Winkel von meinem bisherigen Weg ab und ging direkt auf das Gebäude zu. Es war flach, breit, von einem Maschendrahtzaun umgeben, der zusätzlich zum Gebäude ein ganzes Stück des Ödlands abtrennte. Dort standen in mehreren Reihen alte Bahnwaggons, die Farbe abgeplatzt, alles Metall verrostet, die Scheiben blind, doch alles in allem in besserem Zustand als alle, die ich bisher gesehen hatte. Ich lief weiter, bis ich den Zaun erreicht hatte, die Flinte schussbereit. Doch alles blieb still.
Vorsichtig ging ich am Zaun entlang, am ersten - unverschlossenen - Tor vorbei, ich wollte mir zuallererst ein Bild von dem Ort machen. Ich folgte dem Zaun auf der einen Seite bis ans Ende, ohne dass ich die geringste Spur von Leben entdeckt hätte.
Da der Zaun dort stark beschädigt war und diese Stelle sich so gut wie jede andere eignete, beschloss ich dann, das Gelände zu betreten. Ich stieg durch die Lücke, lief geduckt zum nächsten Waggon und ging hinter ihm in Deckung. Von Waggon zu Waggon arbeitete ich mich voran, auf das Gebäude zu, das sich beim Näherkommen als zwei Gebäude entpuppte, doch die ganze Mühe wäre nicht nötig gewesen.

Schließlich sah ich doch einen Menschen, er stand in einer Lücke zwischen den beiden Gebäuden. Ich beobachtete ihn eine Weile aus meiner Deckung heraus. Er schien alleine zu sein und sich dort mit irgendetwas zu beschäftigen.
Die Waffe symbolisch gesenkt, doch immer noch schussbereit, trat ich aus meiner Deckung hervor und näherte mich ihm offen. Er entdeckte mich schnell, kam jedoch nicht wild um sich schießend auf mich zugerannt. Ein gutes Zeichen.
Erst als ich mich ihm bis auf einige wenige Schritte genähert hatte, zog er ein Messer und erklärte mir, dass das hier sein Roboter wäre, er habe ihn zuerst gefunden.


Ich ging zwei Schritte zurück, blieb dann stehen und versicherte ihm, dass ich kein Interesse an seiner Beute hatte. Ich fragte ihn, ob er einen jungen Mann oder eine Gruppe verdächtiger Leute gesehen hatte, erntete jedoch lediglich einen verständnislosen Blick. Mit einem Schulterzucken überließ ich ihn wieder seinem Roboter und wandte mich nach links.

Ich ging am Gebäude, an einem großen, verschlossenen Tor und einer kleinen Tür, die daneben in die Wand eingelassen war, vorbei, entdeckte direkt neben dem großen Bau einen kleinen Verschlag, den ich wie zuvor die Verstecke der Raider systematisch durchsuchte. Ich fand ein wenig Werkzeug, noch zwei Altmetallplatten, eine Konservendose, sonst nichts Brauchbares.
Als ich mit der Suche fertig war trat ich wieder vor den Verschlag, legte den Kopf in den Nacken und streckte vorsichtig meine vom Gewicht des Rucksacks steif gewordenen Arme aus. Der linke tat noch immer ziemlich weh. Dabei ließ ich den Blick über das Gelände wandern; im Großen und Ganzen hatte ich es einmal umrundet, es war nichts zu finden gewesen, als musste der nächste Weg in das Gebäude hinein führen.

Auch wenn mich der Gedanke, nicht zu wissen, was mich dort erwartete, und das in meinem Zustand, ein wenig nervös machte, verlor ich keine Zeit und ging zu der Tür zurück. Sie ließ sich problemlos öffnen. Ich trat ein und fand mich in einem düsteren, kalten Gang wieder. Die Wände waren verdreckt und rissig, der Boden voller Abfall, doch alles blieb still.


Ich folgte dem Gang um die Biegung, stand dann in einem Tunnel, die alten, verbogenen Gleise auf dem Boden verrieten mir, dass es sich wohl einmal um eine Bahnstrecke gehandelt hatte. Waggons versperrten teilweise den Weg und der flackernde Schein von Feuern, die in rostigen Fässern vor sich hin brannten, warf tanzende Schatten an die Tunnelwände.
Vollkommen verlassen konnte dieser Ort also nicht sein.

Entsprechend vorsichtig ging ich weiter, hielt die Waffe stets bereit, lauschte aufmerksam auf jedes Geräusch, das die Anwesenheit weiterer Wesen verraten würde und blickte abwechselnd auf den Boden vor meinen Füßen und in die vor mir liegende Dunkelheit des Tunnels. Dabei bewegte ich mich jedoch so langsam voran, dass ich keinen einzigen Schritt tat, ohne den Boden vor meinen Füßen zu überprüfen. Ein Glück.
Die erste Falle, die ich sah, war eine Bärenfalle. Ich hatte gerade seitlich an einem Waggon vorbeigehen müssen, der einen Großteil des Tunnels blockierte und die Falle lag genau am Ende des kleinen Pfades, der mir geblieben war. Ich hob einen Stein aus dem Gleisbett auf und löste sie damit aus; der Knall, als die stählernen Eisen zusammenschnappten, echote von den Wänden wider, doch darauf folgten keine Schritte, kein Rufen.


Ich befand mich an einer Abzweigung, ein Gang führte nach rechts, doch ich entschied, zuerst den geraden Gang zu durchsuchen. Da ein schräg stehender Waggon den Weg blockierte, musste ich nach links ausweichen, wo ich eine seltsame Maschine sah. Ich dachte mir nichts weiter dabei, ließ die Finger davon und ging weiter, doch als ich ein paar Schritte später offensichtlich auf einen Auslöser trat und hinter mir ein Klicken hörte, ließ ich mich sofort zu Boden fallen. Bälle flogen über meinen Kopf hinweg. Bälle?
Als der letzte Ball geflogen war richtete ich mich ein wenig auf. Ich konnte nicht anders, als ich das halbe Dutzend Basebälle vor mir auf dem Tunnelboden liegen sah, musste ich lachen. Ich griff nach einem, hob ihn auf, wog ihn in der Hand, doch es schien ein ganz normaler Ball zu sein; ich steckte ihn ein, um ihn Bryan mitzubringen.

Trotzdem ließ meine Aufmerksamkeit nicht nach als ich mich an dem zweiten Waggon vorbei drückte. Ein gutes Stück vor mir war die Tunneldecke eingebrochen, der Weg vollkommen versperrt; rechts von mir zweigte ein weiterer Tunnel ab und vor mir tat sich ein dunkles Loch im Boden auf, entweder eine natürliche Höhle oder ein Wartungstunnel, den die Erschütterungen der Explosionen damals freigelegt hatten. Und nur ein paar Schritte vor mir sah ich die verräterischen Umrisse einer Landmine.
Ich hatte es eilig, also nahm ich die Flinte, ging in Deckung und schoss auf die Mine. Nachdem der Staub sich ein wenig gelegt hatte sah ich mich mit noch immer klingelnden Ohren um; ich fand noch eine Mine, auch diese lies ich detonieren, dann ging ich weiter, an den Rand des Lochs.

Aus der Nähe betrachtet wirkte es eher wie eine natürliche Höhle, bis auf die Tatsache, dass sich über der Öffnung ein Seil mit einem Bündel Granaten befand. Irgendjemand wollte wirklich, wirklich keinen Besuch bekommen.
Ich betrachtete die Konstruktion eingehend, konnte aber keinen Auslöser finden. Auf Zehenspitzen schlich ich weiter, Schritt für Schritt, in die Tiefe. Es hatte sich eine Art natürliche Rampe gebildet, die vom Loch im Tunnel auf den Boden des Ganges führte und genau am Ende der Rampe fand ich dann doch den Auslöser: Ein Seil war quer über den Boden gespannt und ich ging stark davon aus, dass es mit den Granaten verbunden war. Ich stieg darüber, ohne es zu berühren.

Der Gang, in dem ich mich nun befand, hatte einen sandigen Boden, der stellenweise ein wenig feucht war. Schuhabdrücke waren dort zu sehen, doch wie alt sie sein mochten konnte ich nicht erahnen. Sonst konnte ich auf den ersten Blick keine Spuren von Menschen erkennen, trotzdem ging ich vorsichtig weiter.


Ich war nur ein paar Meter weit gekommen als ich ein scharrendes Geräusch hörte. Ich hob die Waffe im gleichen Augenblick wie der Mirelurk vor mir auftauchte. Wir starrten uns kurz an, dann drehte er sich um und rannte weg. Und da ich nicht davon ausging, dass dieser eine Mirelurk auf einmal Angst vor einem schwächlichen Menschlein haben würde, stellte ich mir gleich vor, wie er all seine Freunde und die Freunde seiner Freunde zur Hilfe holte. Ich fluchte leise, rannte ihm hinterher, bog um eine Ecke.
Dort war er wieder, zumindest nehme ich an, dass es der gleiche war. Ich war so nah an der Ecke, verborgen im Schatten, dass er mich noch nicht bemerkt hatte. Die Gelegenheit nutzte ich seinen blassen Krabbenkörper nach Schwachpunkten abzusuchen. Irgendeinen mussten diese Viecher doch haben!

Schließlich blieb mein Blick an einem kleinen Dreieck hängen, dort, wo ich seinen Kopf vermuten musste, es war ein kleines bisschen rosaner als der Rest von ihm. Ich dachte mir, dass es den Versuch wohl wert war, zielte und schoss.
Im Endeffekt weiß ich nicht, wie viele meiner Kugeln nun wirklich dieses Ziel getroffen hatten, nach dem ersten Schuss fuhr er herum, kam auf mich zu, ich schoss weiter, wich dabei zurück, versuchte zwar, auf die gleiche Stelle zu zielen, doch er senkte den Kopf.
Ich weiß nur, dass er wirklich wesentlich schneller tot war, als alle anderen Mirelurks denen ich bisher begegnet bin. Was eventuell daran liegen könnte, dass ich es bisher nur geschafft habe, einen einzigen von ihnen zu töten.

Ich sorgte dafür, dass mein Magazin wieder voll war, ehe ich weiterging.

Ich folgte dem Gang, spähte vorsichtig um jede Ecke und lief nach einigen hundert Metern schon dem nächsten Mirelurk in die Arme. Wieder schoss ich auf das, was ich für sein Gesicht hielt, wieder klappte es einigermaßen gut. Ich wich zurück bis ich mit dem Rucksack gegen den Felsen hinter mir stieß, er lief mir hinterher und sank dann tot zusammen, ehe er mich erreichen konnte. Ich stand zwar vollkommen außer Atem an der Wand, mein Herz schlug mir bis zum Hals, doch ich war unversehrt und das Ding tot.

Wieder lud ich die Waffe nach, dann setzte ich meinen Weg fort. Doch was mich als nächstes innehalten ließ war kein Mirelurk, sondern das Warnsignal meines Pip-Boys. Ich näherte mich einem strahlungsreichen Gebiet. Ich ging ein paar Schritte zurück, versuchte, mir einen Überblick zu verschaffen. Vor mir hatte der Gang sich in eine etwas größere Höhle geöffnet und an einem Ende der Höhle war eine in die Steinwand eingelassene Leiter zu sehen, die zu einer Metallluke an der Decke der Höhle führte. Ich zögerte. Dann dachte ich an Ian und dass die Chance, ihn auf der anderen Seite dieser Luke zu finden vermutlich in etwa genauso groß war, wie die, ihn in einem der Seitengänge zu finden.

Diese Überlegung brachte mich dazu, weiterzugehen. Ich durchsuchte meinen Rucksack nach ein wenig RadX, in der Hoffnung, dass es etwas helfen würde, wickelte mir Stoffstreifen um die Hände und machte mich daran, die Leiter hinauf zu klettern.
Das Metall war alt, verrostet und stellenweise irgendwie schleimig. Das warnende Piepsen meines Pip-Boys ließ mich so schnell wie möglich klettern, dann hatte ich die Luke erreicht. Ich stemmte mich dagegen, schaffte es, sie anzuheben und ließ sie dann fast fallen, als irgendeine Flüssigkeit hinunter tropfte. Ich presste mich an die Wand, gab der Metallplatte über meinem Kopf einen Stoß, schob sie zur Seite, dann kletterte ich endlich aus dem Loch. Oben angekommen sah ich mich um und entdeckte drei Fässer, eines davon war ausgelaufen und die Flüssigkeit, die hervorgetreten war, sah alles andere als gesund aus. Ich wich an die Wand zurück, fand eine Tür, öffnete sie und ergriff die Flucht. Das Piepsen meines Pip-Boys verstummte.

Heal My Wounds #stars The Shining Light

» No one’s arguing about the need for a plan.
Your plan is just stupid and won’t work.
«
:create

55

Tuesday, March 27th 2012, 5:57pm

Ich ging durch einen kleinen Gang, bog um eine Ecke, kam in einen Raum und wurde mit einem herzlichen "Was haben Sie hier zu suchen?" begrüßt. Überrascht sah ich die beiden Ghule an, die offensichtlich hier - wo auch immer hier war - wohnten. Ich stellte mich vor und wie unterhielten uns. Zumindest mit dem einem von beiden der sich als Murphy vorstellte unterhielt ich mich, der andere, Barrett, ignorierte mich weitestgehend.
Ich erfuhr, dass ich mich in der Metrostation Northwest Seneca befand. Ich erfuhr, dass die beiden hier versuchten, "Ultrajet" herzustellen, da normales Jet auf Ghule kaum Wirkung hat, und dass sie dafür Zuckerbomben benötigten. Ich versprach, an sie zu denken, sobald ich welche fand und handelte kurz über die Höhe der versprochenen Belohnung. Doch das Wichtigste war, dass sie die "Familie" kannten. Sie würden am anderen Ende des Ganges, aus dem ich gekommen war, leben und man würde sich gegenseitig in Ruhe lassen.
In Gedanken ging ich meinen Weg zurück und kam zu dem Schluss, dass sie sich in einem der beiden Nebengänge aufhalten mussten, an denen ich vorbei gelaufen war.


Ich bedankte mich vielmals für die Hilfe und machte mich auf den Rückweg.
Am Schacht angekommen beeilte ich mich, so schnell wie möglich nach unten zu kommen. Auf dem Höhlenboden angekommen warf ich die Stoffstreifen fort, die ich mir um die Hände gebunden hatte, kontrollierte meine Kleidung kurz nach weiteren Spuren der radioaktiven Pampe, doch ich hatte sowieso nichts mehr zum Wechseln dabei. Außerdem war ich der Familie jetzt ganz nah, ich musste es einfach sein, ich wollte keine Zeit mehr verlieren.

Wesentlich weniger vorsichtig und viel schneller als zuvor lief ich durch die Gänge zurück, bremste nur vor Biegungen kurz ab, um nicht hinter der Ecke von einem weiteren Mirelurk überrascht zu werden. Ich traf auf keinen. Schließlich hatte ich die letzte Gerade erreicht, konnte die Rampe sehen, die in den Metrotunnel hinauf führte und steuerte geradewegs darauf zu.

In dem Augenblick, als ich den leichten Druck des dünnen Seils an meinem Fuß spürte, dachte ich schon nur noch "Scheiße!!".
Ich drehte mich um, rannte den Gang zurück und duckte mich hinter einen Felsvorsprung zu meiner Rechten. Ich hörte das metallische Scheppern, als die Granaten die Rampe hinunter hüpften. Die Explosion ließ den ganzen Gang erbeben, Hitze streifte mich, was ich vor allem auf Gesicht und Händen spürte, Staub erfüllte die Luft, mehr Staub und Erde rieselten von der Decke und brachten mich zum Husten.

Das Husten hielt mich nicht davon ab, leise vor mich hin zu fluchen. Ich Idiot.

Ich wartete nicht, bis der Staub sich gelegt hatte, ich ging gleich weiter, fast blind die Rampe hinauf, dann stand ich wieder im Tunnel. Ich umrundete einen Waggon, bog direkt hinter ihm nach links ab. Diesmal war ich jedoch auf der Hut, was sich als meine Rettung erwies. Denn ich sah den gespannten Draht sofort und wurde dadurch auf das Gewehr aufmerksam, das direkt auf meine Brust zeigte. Ich duckte mich, stieg über den Draht und ging zum Gewehr, um es aus seiner Halterung zu entfernen und einzustecken. Ein paar Schritte weiter stieß ich auf die nächste Bärenfalle, die ich zuschnappen ließ. Dann auf einen weiteren Draht, der, als ich daran zog nachdem ich mich geduckt hatte, irgendetwas vergammeltes, ziemlich schweres in meine Richtung fallen ließ. Nach einem weiteren Waggon bog ich in einen Seitengang ein, da mein Weg nach vorne versperrt war und sah einen Kinderwagen mitten im Tunnel stehen. Kindergeschrei ertönte, doch aus irgendeinem Grund, Bauchgefühl, Misstrauen vielleicht, wich ich zurück statt auf ihn zu zu eilen. Vielleicht weil die Situation einfach zu absurd war. Zwei Sekunden später explodierte der Kinderwagen auch schon.

Im ersten Augenblick war ich vollkommen geschockt, dann rannte ich doch in die Richtung, auf ein verkohltes, rundes Ding zu, das wie ein Kopf aussah. Ich ging daneben in die Hocke, mit zitternden Händen griff ich danach, wobei ich mich überwinden musste, das Ding überhaupt zu berühren und als ich es dann in der Hand hielt starrten mit verbrannte Puppenaugen aus einem zerkratzten, aufgemalten Gesicht an.
Mein Herz erinnerte sich wieder daran, dass es allmählich weiter schlagen könnte. Langsam hatte ich wirklich genug von dem Spaß.

Ich stand auf, warf den Puppenkopf in eine Ecke und lief weiter.

Nach der nächsten Ecke schien ich dann endlich mein Ziel erreicht zu haben. Der Tunnel stieg leicht an und an seinem Ende, hinter einer Barriere aus Sandsäcken, stand ein bewaffneter Mann. Er musste mich sowieso bereits gesehen haben, also ließ ich die Waffe sinken, hob die Hände zum Zeichen, dass ich nichts Böses im Sinn hatte und kam langsam auf ihn zu. Immerhin, nach den ganzen Fallen hätte ich etwas anderes erwartet, aber er schoss nicht auf mich, wartete stattdessen, bis ich nahe genug an ihn heran gekommen war, um mich zu fragen, was ich wollte.


Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte. Vielleicht sogar ein paar Raider, irgendwelche blutrünstigen Banditen, die nicht lange Fragen stellen sondern gleich töten. Aber dieser Mann wirkte so ... normal.
So normal, dass ich beschloss, ihm einfach mein Anliegen zu verraten, seine Reaktion dabei genau zu beobachten. Ich sagte ihm, dass ich auf der Suche nach einem jungen Mann namens Ian war und fügte hinzu, dass ich einen Brief von seiner Schwester für ihn hatte.

Der Mann nickte, senkte die Waffe und winkte mich weiter, riet mir jedoch, erst mit einem gewissen Vance zu sprechen, den ich auf einer höher gelegenen Plattform würde finden können.
Ich war vollkommen perplex. Ich hatte ja davon ausgehen müssen, dass der Junge entführt worden war, vielleicht sogar getötet, dass ich ihn würde befreien müssen, und jetzt wurde ich einfach zu ihm gelassen?

Ich bedankte mich und ging weiter, von tiefem Misstrauen erfüllt.

Ich passierte einen kleinen Gang, trat durch eine Tür und fand mich in einer großen Halle wieder. Die üblichen Merkmale einer Metrostation waren zu erkennen - Rolltreppen, Drehkreuze, Automaten - doch diese Halle war eingerichtet und ich sah auf den ersten Blick eine Handvoll Menschen, die hier ganz offensichtlich lebten.

Eine Frau kam auf mich zu, stellte sich als Brianna vor und machte kein großes Geheimnis aus ihrer "Profession". Das erinnerte mich nur an Colin Moriarty und daran, wie er mit den Mädchen umging, die für ihn arbeiten mussten. Ich bemühte mich, mir meine Abscheu nicht anmerken zu lassen, unterhielt mich stattdessen mit Brianna über den Ort. Metrostation Meresti, das neue Zuhause für Menschen wie sie, die "anders" sind. Dummerweise definierte sie anders nicht genauer, doch ich hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. Irgendetwas konnte hier nicht stimmen. Es war zu einfach, zu friedlich, zu idyllisch, eine große Familie, die "Familie", die sich hier eine Heimat geschaffen hat. Und nachts los zieht und das benachbarte Arefu überfällt? Ich fragte sie auch nach Ian und sie erklärte mir, dass er in einem Meditationszimmer wäre und ich momentan nicht zu ihm könne. Ich bedankte mich für die Auskunft und ging weiter.

Es schien niemanden zu stören, dass ich mich in Ruhe umsah, ich ging zu einer Wand, umrundete dann den Raum. Einmal trat ich an einen eingeschalteten aber gesperrten Computer, doch es gelang mir nicht das Passwort zu knacken.
Ich unterhielt mich mit noch zwei weiteren Personen die mir nicht viel Neues zu erzählen hatten. Metrostation Meresti, ein toller Ort, Ian gerade unansprechbar im Meditationszimmer, ich solle unbedingt mit Vance sprechen. Und sie erwähnten wieder, dass jeder hier unten "spezielle Probleme" hatte und deswegen aufgenommen wurde. Ich nickte und setzte meinen Weg fort, von Minute zu Minute verwirrter und besorgter.

Im Nachhinein frage ich mich, ob ich einfach nur blind gewesen bin, ob ich es nicht sehen wollte, oder ob der bloße Gedanke nicht einfach schon so absurd, so verrückt und krank war, dass ich niemals von alleine darauf gekommen wäre.

In einer Ecke der Halle fand ich sogar einen Händler. Ich betrachtete seine Waren, nutzte es als Vorwand, um mit ihm ins Gespräch zu kommen, doch er war sehr kurz angebunden. Am Ende hatte ich nur zwei neue Bleistifte und drei Lebensmittelkonserven gekauft, aber nichts neues in Erfahrung bringen können.
Schließlich entdeckte ich einen jungen Mann, der an einem Computer saß und in seine Arbeit vertieft schien. Ich sprach ihn vorsichtig an, lenkte das Gespräch in Richtung Ian und schien endlich jemanden gefunden zu haben, der mehr wusste, oder bereit war, mehr zu sagen. Der Meditationsraum war offensichtlich mit einem Zahlencode gesichert. Es gelang mir den jungen Mann, der sich als Justin vorgestellt hatte, davon zu überzeugen, dass ich wirklich mit Ian reden sollte. Er verriet mir den Zahlencode, auch wenn er dabei sehr nervös wirkte.

Ich versicherte ihm, dass Vance nichts davon erfahren würde und legte die letzten Meter zurück, bis ich wieder am Ausgangspunkt meiner Runde angekommen war. Keine Türen hier unten, keine weiteren Räume, also musste dieser Meditationsraum sich oben befinden. Eine Rolltreppe, natürlich seit vielen Jahrzehnten nicht mehr funktionstüchtig, führte auf eine zweite Ebene hinauf.
Ich blickte noch einmal in die Runde, versicherte mich, dass ich hier unten wirklich alles Sehenswerte gesehen hatte und stieg dann hinauf. Die Abstände der Stufen waren unangenehm, gerade ein ganz kleines bisschen zu hoch, das geriffelte Metall bot wenig Halt und mit meinem verletzten Bein fiel es mir schwer, die Stufen zu erklimmen. Ich war froh, als ich oben angekommen war.

Ich sah mich um, konnte nur einen einzigen Mann sehen und ging davon aus, dass es sich bei ihm um diesen Vance handelte. Ich befürchtete, dass es doch zu verdächtig aussehen würde, wenn ich einfach hinter seinem Rücken die Plattform durchsuchen würde, also ging ich zu ihm, wie es mir ja auch von mehreren Leuten geraten wurde. Auch er schien ein ganz normaler, junger Mann zu sein, hatte ein recht gepflegtes Äußeres (mehr, als ich von mir nach den Erlebnissen des Vortags behaupten konnte) und höfliche Umgangsformen.

Er begrüßte mich und begann zu erzählen, von diesem Ort, Meresti, von seinem Traum, seiner Lehre, ohne dabei jemals konkret zu werden. Er erzählte mir, dass sie alle Ausgestoßene waren, dass die anderen Menschen sie nicht verstanden. Ich war verwirrt, Gedanken kreisten in meinem Kopf, hatten sie getötet, gestohlen? Ich weiß gar nicht mehr, wann die Erkenntnis mich einholte, wann ich begriff, worum es hier ging. Das ganze Gespräch ist in meiner Erinnerung sehr verschwommen, so absurd war es.

Sie töteten andere Menschen, um sie zu essen.
Um ihr Blut zu trinken, wie Vance mich gleich darauf korrigierte.

Ich gebe zu, es war nicht sehr klug, doch ich warf ihm ein paar unfreundliche Dinge an den Kopf. Ich glaube, es kamen unter anderem die Worte widerlich, Monster und abartig darin vor. Er tat sie mit einem höflichen Lächeln ab, ich würde ihn nicht verstehen, sie alle nicht verstehen und ich sah ein, dass es vielleicht nicht die beste Idee war, den Anführer einer Kannibalengruppe zu beleidigen.

Ich ließ ihn stehen, suchte einen Nebenraum oder Gang und erwartete halb, dass Vance mir folgen würde, doch er tat es nicht. Ich fand einen Gang, betrat ihn, folgte ihm, durchstöberte kurz einen Raum, der wohl das Privatquartier von Vance war, fand dann einen weiteren, mit einem Zahlenschloss gesicherten Raum.

Das musste der Meditationsraum sein und hier würde ich wohl Ian finden.
Ich erinnerte mich noch an die Zahlenkombination, die Justin mir gegeben hatte, doch ich zögerte. Wenn Ian nicht entführt worden war, wenn er kein Gefangener war, bedeutete das, dass er einer von ihnen war. Und das wiederum bedeutete, dass vielleicht er seine eigenen Eltern umgebracht hatte.
Statt die Tür zu öffnen ließ ich mich davor auf den Boden sinken, streckte das verletzte Bein von mir weg und bettete den Kopf auf das andere Knie. Mir war schlecht. Ich hatte keine Ahnung, wie ich dem Jungen gegenübertreten sollte, was ich ihm sagen sollte.

Als sich mein Magen wieder ein wenig beruhigt hatte, stand ich mühsam auf. Ich wollte diesen Raum noch immer nicht betreten, doch ich hatte wohl keine Wahl. Ich ging zur Tastatur, gab die Zahlenkombination ein, hörte das leise Klicken, als die Tür entriegelt wurde und trat mit zögernden Schritten ein.

Ian - es musste Ian sein - saß an einem Tisch in einem Raum, der bis auf ein wenig Gerümpel und herab gestürzte Felsbrocken leer war. Als er meine Schritte vernahm blickte er auf.
Ich trat an den Tisch heran und sprach ihn an. Ich fragte ihn, was passiert war, was er getan hatte.


Es sprudelte nur so aus ihm heraus. Er erzählte von der Nacht, dass er seine Eltern getötet hatte, sie getötet haben musste, obwohl er sich nicht daran erinnern konnte. Dass er schon seit Jahren immer wieder diesen Drang zu Töten verspürte, nichts dagegen tun konnte, sich nicht einmal erinnerte, was er dann tat. Dass er eine gefühlte Ewigkeit neben den Leichen seiner Eltern gesessen hatte, vollkommen verzweifelt, bis die Familie ihn gefunden hatte.
Seine Stimmung schwankte zwischen Verzweiflung und Wut und ein paar Mal bekam ich es wirklich mit der Angst zu tun, als er da saß und mich anschrie. Ich erkundigte mich ganz vorsichtig, wie lange er diesen Drang denn schon hatte und er erzählte mir von einem Erlebnis aus seiner Kindheit, als ein Mann, der die Brahmins der Familie hatte stehlen wollen, ihn angegriffen hatte und er auf den Kopf gefallen war. Das nächste, was er dann wusste, war wie Lucy ihn davon abgehalten hatte, den Mann zu zerfleischen.

Es lief mir kalt den Rücken hinunter. So einfach sollte das sein? Ein Schlag auf den Kopf, ein bisschen Pech und man wurde zum wahnsinnigen Mörder, zum Kannibalen, der seine eigene Familie fressen wollte?
Meine Knie wurden schwach und ich setzte mich auf einen Schutthaufen, Ian gegenüber.

Ich starrte Ian schweigend an. Auch er wirkte wie ein ganz normaler Junge, wenn auch innerlich zerrissen. Ich konnte es mir einfach nicht vorstellen. Nicht vorstellen, dass er das wirklich getan hatte.
Um etwas Zeit zu gewinnen gab ich ihm den Brief seiner Schwester, beobachtete seine Reaktion, als er ihn las. Ich konnte erkennen, dass er zugleich traurig und glücklich war, sah das Heimweh auf seinem Gesicht und den Schmerz über den Verlust. Oder interpretierte ich da Gefühle hinein, die mich selbst seit dem Verlassen der Vault begleiteten?

Als er den Brief fertig gelesen hatte teilte er mir mit, dass er zurück nach Hause wollte. Zurück nach Arefu.
Ich an seiner Stelle hätte mir nicht vorstellen können, weiter an diesem Ort zu leben, jeden Tag daran erinnert zu werden, was ich getan hatte. Andererseits konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, wie er zu sein. Konnte ich mir keinen Drang vorstellen, der so groß war, dass ich die Menschen, die mir am nächsten standen, mit eigenen Händen töten würde. Ich wollte nicht darüber nachdenken, ich teilte Ian mit, dass ich Vance von seiner Entscheidung berichten würde und ließ ihn allein. Vielleicht hätte ich ihm anbieten sollen, ihn zu begleiten, aber ich hielt es nicht länger in seiner Nähe aus.

Ich kehrte zu Vance zurück, erklärte ihm, dass Ian zurück nach Arefu wollte und er akzeptierte diese Entscheidung, wenn er sie auch bedauerte.
Dann nahm ich allen Mut zusammen und sprach ihn auf Arefu an. Dass das so nicht weitergehen kann. Ich wollte ihm nicht drohen, ich hätte wohl nicht den Hauch einer Chance gehabt, selbst wenn ich mich nicht in einem solch erbärmlichen Zustand befunden hätte. Vance wurde nicht wütend, doch er erklärte mir, dass sie nunmal keine andere Wahl hatten. Ich gab mir alle Mühe, sachlich zu bleiben, weder Wut noch Angst die Kontrolle über meine Worte erlangen zu lassen. Schließlich kam mir ein anderer Gedanke und ich fragte ihn, ob er denn schon immer so gelebt hatte, ob es keine andere Möglichkeit gab. Vance überlegte einen Moment, dann erzählte er mir von einer Zeit, in der sie sich Blutkonserven aus alten Krankenhäusern geholt hatten. Doch diese Vorräte waren seit langem so gut wie aufgebraucht.

Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Noch absurder als Ians Verhalten, als seine Anfälle, an die er sich nicht einmal mehr erinnerte, schien mir die Tatsache, dass die Übrigen Mitglieder der Familie wohl vollkommen bewusst Blut brauchten. Ich verstand es nicht, ich wollte es nicht verstehen. Ich dachte an das Buch, das ich am Abend zuvor gelesen hatte und für wie verrückt ich diese ganze Geschichte gehalten hatte. Anscheinend nicht so verrückt, dass es nicht doch wahr sein konnte.

Ich grübelte über das Problem nach, widerstand dem Drang, einfach die Flucht zu ergreifen, vor diesem ganzen Irrsinn davon zu laufen und unterbreitete Vance schließlich ein Angebot: Ich würde die Bewohner von Arefu bitten, Blutkonserven für sie zu sammeln, unter der Bedingung, dass die Familie Arefu nicht nur in Ruhe lassen, sondern in Zukunft beschützen würde.

Vance dachte eine Weile über dieses Angebot nach; dann stimmte er zu.

Ich war unglaublich erleichtert, er muss es mir angesehen haben, doch das war mir egal. Ich sah auf die Zeitanzeige meines Pip-Boys, erkannte besorgt, dass es schon später Nachmittag war und machte mich gleich auf den Weg nach Arefu.

Über den Rückweg gibt es nicht viel zu berichten; ich verließ fluchtartig die Halle Meresti, ging schnellen Schrittes durch die Metrotunnel zurück bis zu dem Eingang, durch den ich sie betreten hatte. Dann ging ich zurück zum Fluss, an dessen Ufer weiter bis zur Brücke wo der Kampf zwischen den Reisenden und den Raidern stattgefunden hatte. Ein Blick auf meinen Pip-Boy verriet mir, welch einen beschwerlichen Umweg ich am Tag zuvor gewählt hatte, diesmal überquerte ich die Brücke, lief am anderen Flussufer weiter und hatte eine ganze Weile später ohne weitere Zwischenfälle die Siedlung auf dem Highway erreicht.


Ich war zu weit gelaufen an diesem Tag, der unebene Boden tat sein Übriges, als ich Arefu erreicht hatte, konnte ich mit dem linken Bein kaum noch auftreten. Die Sonne war längst untergegangen, so lange hatte ich gebraucht und die Dunkelheit hatte mich noch zusätzlich ausgebremst, mich ständig nervös in die Nacht hinein lauschen lassen.

Ich glaube, ich werde nie ein Freund von nächtlichen Streifzügen im Ödland werden. Es ist am Tag schon tödlich genug.

Von Evan King hinter seinen Sandsäcken wurde ich freudig begrüßt; Ian war vor mir nach Arefu zurück gekommen, ich weiß nicht, was er ihnen erzählt hatte. Wohl kaum die Wahrheit.
Ich vergeudete keine Zeit, unterbreitete Evan das Angebot und er nahm an. Er würde mit den Bewohnern Arefus sprechen, ich sollte die Zustimmung Vance überbringen.

Beim Gedanken daran, dass ich noch einmal in das Lager dieser Kannibalen zurückkehren sollte, sträubte sich alles in mir. Ich wollte heute nicht mehr daran denken, ich nickte einfach, fragte ihn nach der Erlaubnis mein Nachtlager irgendwo hinten auf der Brücke aufzuschlagen und lehnte die Einladung in einem der Häuser zu schlafen dankend ab.
Ich wollte keinen Menschen mehr sehen, keinem Menschen mehr in die Augen sehen und mich fragen ob er in der Lage wäre seine Familie zu töten.

Ich zog mich ans Ende des Highways zurück, breitete meinen Schlafsack aus und entzündete ein kleines Feuer. Dann fing ich an zu schreiben.



Ich überfliege die letzten Seiten und merke, wie unbeholfen sie wirken. Ich weiß einfach nicht, in welche Worte ich es fassen soll. Es fällt mir so schwer, darüber zu schreiben, ich kann es einfach nicht begreifen. Ein junger Mann tötet seine eigenen Eltern, will sie auffressen, ihr Blut trinken und kehrt ein paar Tage später nach Hause zurück als wäre nichts geschehen. Eine Gruppe Menschen überfällt Ihresgleichen um sich von ihnen zu ernähren und schwenkt im Bruchteil eines Tages um, sie gegen Bezahlung stattdessen zu beschützen. Und wenn ich gerade beschlossen habe, sie zu hassen, als unmenschliche Monster zu sehen, denke ich an die Verzweiflung in Ians Blick, daran, dass er es sich nicht ausgesucht hat und er tut mir Leid.

Ich frage mich, ob zwischen all den Abscheulichkeiten, die die Strahlung hervorgebracht hat, der Mensch nicht doch das die abartigste Kreatur ist.


All das aufzuschreiben hat heute weniger geholfen, als ich gehofft habe. Noch dazu habe ich so lange gebraucht, dass ich den Himmel am Horizont schon hell werden sehe. Schlafen werde ich also wohl nicht mehr können.
Ich werde mich noch ein wenig ausruhen, warten, bis es ganz hell geworden ist, mich zwingen, etwas zu essen und dann Vance die Botschaft überbringen.
Und dann werde ich nach Megaton zurückkehren, zurück nach Hause, zu Bryan und Sam, nur fort von diesem ganzen Wahnsinn hier.

Heal My Wounds #stars The Shining Light

» No one’s arguing about the need for a plan.
Your plan is just stupid and won’t work.
«
:create

56

Tuesday, March 27th 2012, 10:07pm

Ich glaube echt du sollstest mal mit Bethesda sprechen, zu TES gibts ja auch Bücher, denn das was du hier schreibst ist mMn. literarisch super und sehr unterhaltsam und zugleich bedrückend, sprich... es fängt die Atmosphäre von Fallout super ein. :wackler
Deine Geschichte würde sich wirklich super als Buch zu den Fallout-Spielen eignen...

57

Wednesday, March 28th 2012, 11:28pm

Ich danke dir, aber ich glaube nicht :huuch

Es gibt einige, die zu Fallout schreiben, bin da im englischen Board drüber gestolpert. Noch habe ich nichts davon gelesen, weil ich ja versuche, spoilerfrei zu bleiben. Gar nicht so leicht nach 4 Jahren ^^"
Es müsste sowieso erst mal fertig werden, und das bei meinem Spieltempo :floet
Ja, nach 35 Stunden fange ich vielleicht doch die Mainquest an.

Ich freue mich auf jeden Fall über deine Worte :freunde



Jonas will auch noch was sagen :gdr



Liebes Tagebuch,

heute sind ein paar merkwürdige Dinge passiert. Merkwürdiger, als Kannibalen und Gary-Klone.
Die Person, die vor dem komischen Kasten sitzt und mich dauernd in mein Verderben schickt, hat mir mitgeteilt, dass ich jetzt ein neues Interface habe.

Kann mich bitte mal jemand erschießen? Sie hat meinen Pip-Boy rosa gemacht. ROSA.



Ich bin es ja langsam gewöhnt, angeschossen, verstrahlt, in die Luft gejagt oder ähnliches zu werden, aber ein rosa Pip-Boy? DAS GEHT ZU WEIT.

Der Rest ist ja ganz annehmbar, wenigstens blau und halbwegs nützlich.



Und falls sich jemand wundert, was sonst noch auf den Bildern zu sehen ist:
Die ersten beiden sind "Winter". Ich habe keine Ahnung, was Winter ist, aber die Person sagt, in 2 Monaten werde ich das kennen lernen.
Und das letzte Bild, da hat sie mich in einem verseuchten Tümpel schwimmen lassen, um eine neue RAD-Mod zu testen. Großartig, nicht? Und statt mir zu helfen einfach auf die Druck-Taste gedrückt, während ich in Ohnmacht gefallen bin.

Die kann froh sein, dass ich nicht aus dem Monitor raus schießen kann :keule
Heal My Wounds #stars The Shining Light

» No one’s arguing about the need for a plan.
Your plan is just stupid and won’t work.
«
:create

58

Thursday, March 29th 2012, 12:12am

:troest Der Jonas hat's nicht einfach mit der Laula. :zwink

Ausser das mit dem rosa, weil das doch gut aussieht. Ich habe meinen in pink. :love Müsste dann aber Pip Girl heissen ...
:D Input - output - kaputt

59

Sunday, April 1st 2012, 9:16pm

Ist ja schon wieder blau, dieses Gejammer war nicht zu ertragen :rolleyes:
Mach das weg. Ih, das ist eklig. Ich bin doch kein Mädchen.

Wer stundenlang über den Sonnenaufgang redet ...


So, hier wieder erst mal die erste Hälfte, denn da ruft was Vierbeiniges nach mir und die letzten Tage habe ich eher im GECK als im Texteditor verbracht :floet
Prioritäten oder so :warsnicht

Ist ja nicht so, als wäre der erste Teil jetzt ganz kurz :D







03-Oktober-2277
MEGATON

Ich bin wieder in Megaton.
Ich hätte niemals gedacht, dass ich mich je so sehr freuen würde, einen Haufen Schrott am Horizont zu sehen.

Nachdem ich gestern Morgen festgestellt hatte, dass es sich nicht mehr lohnen würde noch zu schlafen, habe ich mich an den Rand der Autobahnbrücke gesetzt. Die Füße über dem Abgrund, den Kopf an den kühlen Beton gelehnt habe ich einfach nur eine Stunde lang den Sonnenaufgang beobachtet. Es war ruhig dort oben, zuerst schliefen die Bewohner Arefus noch und auch, als sie langsam aufwachten waren es nur Gesprächsfetzen und ab und an ein Scheppern, die zu mir drangen und die ich problemlos ignorieren konnte.
Erst färbte sich nur der Himmel heller, bis die Umrisse der mich umgebenden Häuser und Betonbrocken aus der Dunkelheit heraustraten, dann krochen die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont, ließen das Wasser funkeln und tauchten das Ödland in eine Mischung aus Licht und Schatten. Ich beobachtete wie die Sonne höher stieg, wie das Licht die Schatten Stück für Stück zurück drängte, sah den Wind, der weit unter mir Staub, trockenes Gras und Papierfetzen im Kreis tanzen ließ, über den kargen Untergrund jagte und dann doch irgendwann fallen ließ.
Der ganze Himmel erstrahlte in einem goldenen Glanz, teilweise verdeckt von warm orange scheinenden Wolken. Die Umrisse der Ruinen der alten Welt hoben sich dunkel davor ab, Highways, Türme, Masten, Häuser, Skelette von Bäumen.


Ich spürte, wie der Anblick mir ein wenig inneren Frieden zurück gab. Ich weiß nicht, ob jemand der an der Oberfläche aufgewachsen ist, es verstehen könnte, aber ich glaube nicht, dass irgendetwas von Menschen geschaffenes jemals dieses Licht, diese Farben, diese unendliche Weite und diese Vielfalt erreichen könnte.
Wir zerstören lieber, als zu erschaffen.

Irgendwann stand ich auf, ging zu meinem Lagerplatz zurück und stellte eine geöffnete Konservendose in die Glut des Lagerfeuers. Während ich darauf wartete, dass der Inhalt eine halbwegs genießbare Temperatur erreichen würde überprüfte ich halbherzig meine Ausrüstung. Da gestern nichts geschehen war befand sie sich noch in fast dem gleichen Zustand wie am vergangenen Morgen.
Ich wickelte den Verband von meinem Arm ab und stellte fest, dass die Wunde sich seit gestern morgen verbessert hatte. Ich war unglaublich erleichtert. Ich wickelte die gleiche Mischung mit Brahmin-Milch noch einmal darum, dann betastete ich mein Bein. Es tat noch immer weh, ich nahm einen weiteren Stimpak aus meinem Rucksack. Ich machte mir Sorgen, wenn es nicht bald besser werden würde, würde es vielleicht bedeuten, dass doch irgendetwas falsch zusammengewachsen war und das wäre kein angenehmer Besuch beim Doc.
Zum Schluss versorgte ich noch den kleinen Streifschuss vom Kampf am Vortag, dann packte ich meine Sachen weg, rollte auch meinen Schlafsack zusammen und band ihn an den Rucksack.
Mein Essen war inzwischen zwar warm, aber nicht wirklich genießbarer geworden. Ich ließ mir Zeit, denn wenn ich fertig war würde ich noch einmal nach Meresti zurückkehren müssen. Ich hatte keine Angst, dass mir dort etwas zustoßen könnte, im Gegenteil; ich glaubte daran, dass Vance sein Wort halten würde und das setzte mir so sehr zu. Ich konnte einfach nicht damit umgehen, dass ein Mensch so ehrlich und ehrenhaft sein konnte und gleichzeitig solch ein Monster, das seine Mitmenschen tötete und ihr Blut trank.

Als ich fertig war warf ich die leere Dose auf einen Haufen Unrat, erstickte ich die restliche Glut und trat an die Nordseite der Brücke. Während ich am Rand gesessen hatte, hatte ich im Osten ein Gebäude gesehen und ich fragte mich, ob das vielleicht Northwest Seneca sein könnte. Die Entfernung und die Richtung kamen wohl ungefähr hin, doch das Wasser unter Arefu bildete ein unüberwindbares Hindernis und ich fragte mich, wie die Menschen dorthin kamen, ohne den riesigen Umweg zu gehen, den ich am Vortag gegangen war. Ich ließ meinen Blick am Ufer entlang schweifen und sah ein Stück entfernt einen natürlichen Damm, der den Übergang auf die andere Seite ermöglichte. Das beantwortete dann wohl meine Frage.

Da ich auch dieses Rätsel nun gelöst hatte, fand ich keinen weiteren Vorwand, meinen Aufbruch weiter aufzuschieben. Ich sah mich um, stellte sicher, dass ich nichts vergessen hatte und verließ meinen Lagerplatz. Vorsichtig stieg ich über Schutt und Metallstreben, ging am Haus der Wests vorbei und an den Häusern der anderen Bewohner, bis nach vorne zu Evan Kings Sandsäcken. Ich erklärte ihm, dass ich Vance seine Zustimmung überbringen und dann heimkehren würde und er bedankte sich abermals, verabschiedete sich von mir.

Ich lief weiter, die Rampe hinunter, unter dem großen Schild hindurch, auf dem Arefu stand, dann sah ich die Karawane. Natürlich war es das Pack-Brahmin, das mir zuerst ins Auge fiel, der Händler und seine Wache waren das nächste. Ich wusste, dass es vier Karawanenhändler hier im Ödland gab, ich hatte mich damals in Canterbury Commons eine Weile mit Onkel Roe darüber unterhalten. Inzwischen hatte ich alle vier Händler auch bereits getroffen, an diesem Morgen war es Crazy Wolfgang, der nach Arefu gekommen war.
Ich nutzte die Gelegenheit und ließ mir sein Angebot zeigen. Ich bedauerte zwar, dass ich nicht auf Crow oder Harith getroffen war, denn dann hätte ich mir ein paar neue Kleidungsstücke kaufen können, doch dafür hatte er drei Packungen Zuckerbomben im Angebot. Im Gegenzug verkaufte ich ihm eine der beiden Jagdflinten und die abgesägte Schrotflinte, sodass für mich sogar noch einige Kronkorken dabei heraussprangen. Ich weiß nicht, was er mit den Waffen tun wird, vermutlich einem der anderen Händler weiter verkaufen oder einem Händler in einer Stadt im Tausch gegen andere Waren übergeben. Ich jedenfalls war froh, dass mein Rucksack ein wenig leichter geworden war.

Nach dem Handel überlegte ich; jetzt hatte ich die Zuckerbomben, da wollte ich sie auch den beiden Ghulen in der Metro-Station bringen. Ich weiß nicht, warum, aber ich mag Ghule. Vielleicht weil es sie noch ärger getroffen hat als uns andere Menschen. Oder vielleicht, weil seit ich hier oben bin noch kein einziger Ghul auf mich losgegangen ist, ich wurde stets nur von Menschen angegriffen. Aber der Gedanke, den ganzen Weg bis nach Meresti zu gehen und dann fast den ganzen Weg durch die unterirdischen Tunnel zurück zu laufen, schreckte mich ab. Da erinnerte ich mich an den Damm, den ich gesehen hatte und änderte kurz entschlossen meine Richtung.

Dass ich mit diesem Weg den Besuch bei Vance und seiner "Familie" noch weiter aufschob war natürlich vollkommen unbeabsichtigt.

Ich wandte mich also nach rechts, ging bis zum Ufer hinunter, dann daran entlang, kam an einem verrosteten Schiffswrack vorbei. Ich behielt die Pip-Boy Anzeige im Auge, doch es gab keine Warnung, also schwang ich mich mutig auf das, was von seinem Deck noch übrig war. Ein paar ebenfalls verrostete Kisten lagen dort, dazwischen verrottete Lederkoffer. Ich durchsuchte alles, fand ein paar Packungen Zigaretten, die sich gut verkaufen ließen, ein Buch und zwei Kleidungssets, die ich einsteckte, um sie später genauer zu betrachten. Vielleicht hatte ich Glück und sie würden mir passen.

Vorsichtig, um nicht auf mein verletztes Bein zu springen, ließ ich mich wieder auf den Boden hinab, ging die letzten Meter bis zum Damm und überquerte dann auf der breiten Fläche das Gewässer. Auf der anderen Seite ging es steil nach oben, der Aufstieg erwies sich für mich als schwierig, war aber zu schaffen. Dann ging ich eine Weile unter der Brücke Arefus weiter, bis sie zu Ende war und ich mich einem weiteren, steilen Hügel voller Geröll gegenüber sah. Diesmal dauerte es länger, einen Weg zu finden, der halbwegs zu bewältigen war, doch es störte mich nicht. Ich mochte das Gefühl der rauen Steine unter meinen Händen, den Sand, der leise davon rieselte, wenn ich ihn berührte, das Gras, das sich einst voller Leben in jedem noch so kleinen Spalt festgesetzt hatte und jetzt blass und kraftlos war, sich aber noch immer an seinem Platz hielt.
Ich mochte alles, das nicht der glatte, kalte, von Menschen geformte Stahl war, der mich neunzehn Jahre meines Lebens umgeben hatte.

Nach einer Weile hatte ich auch das geschafft und befand mich endlich am Rande der Siedlung, die ich von Arefu aus gesehen hatte. Es war nur eine kleine Gruppe Häuser die um einen Metrotunnel-Eingang herum errichtet worden waren. Ich hatte also offensichtlich Recht gehabt und es handelte sich hierbei um Northwest Seneca. Ich ging vorsichtig weiter, sah mich um, doch außer mir war keine Menschenseele zu sehen.

Ich war mir ziemlich sicher, dass mich der Eingang direkt zu den beiden Ghulen führen würde, doch ich ging nicht dorthin. Stattdessen betrachtete ich die Häuserfronten, las die Schilder, die verkündeten, was sich im Inneren verbarg. Ein Café, eine Klinik, ein Pfandhaus, ein Hotel und ein Lebensmittelgeschäft.
Die Gebäude schienen nicht einsturzgefährdet zu sein, wenn auch stark in Mitleidengeschaft gezogen. Konnte ich mir das entgehen lassen?

Ich begann meine Runde beim Lebensmittelmarkt, schaltete das Licht meines Pip-Boys ein, sobald ich durch die Tür getreten war. Er sah schon ziemlich geplündert aus, doch ich durchsuchte ihn trotzdem, fand in einigen unzugänglichen Ecken noch zwei Flaschen Nuka-Cola, einige Kronkorken und eine zerdrückte Packung Brauseherzen. Ich traf auch auf ein paar RAD-Kakerlaken, die ich jedoch größtenteils in Ruhe ließ; nur zwei von ihnen griffen mich an und diesen beiden bereitete ich ein schnelles Ende.

Als nächstes nahm ich mir das Pfandleihhaus vor. Auf den ersten Blick sah es dort drinnen vielversprechend aus; dann stellte ich fest, dass das Panzerglas, das die Dinge schützte, bereits die letzten 200 Jahre gute Arbeit geleistet hatte und dass ich auch heute nicht daran vorbei kommen würde. Außerhalb der abgeschlossenen Schränke und Vitrinen fand ich kaum etwas, verrottete Kleidungsstücke, vergilbtes Papier, zerbrochene Haushaltswaren und dazwischen die Figur eines Mädchens im Babmusrock, das ein Instrument spielt. Ich weiß nicht, warum, doch ich steckte die Figur ein.

Im Café, das ich statt durch die verschüttete Tür durch ein zerbrochenes Fenster betrat, fand ich ähnlich wenig Nützliches. Ich hätte mir zwar vermutlich dreißig neue Tassen besorgen können, fand jedoch, dass ich in Megaton genug Tassen im Schrank hatte. Ich hatte auch keinen Bedarf an kaputten Kaffeemaschinen oder zerstörten Sitzbänken, also trat ich schnell wieder auf die Straße hinaus.

Als nächstes kam ich an die Klinik. Von diesem Gebäude versprach ich mir am meisten, ich hoffte Glück zu haben und vielleicht ein paar Medikamente zu finden. Ich öffnete vorsichtig die Tür, betrat den Eingangsbereich, der wie die vorherigen Gebäude auch voll von von herab gestürzten Betonbrocken, Holzbalken und Unrat war. Ich stieg darüber hinweg, erledigte zwei RAD-Kakerlaken und wurde auf ein elektrisches Blitzen in einer Ecke des Raums aufmerksam. Neugierig ging ich darauf zu, bis ich erkennen konnte, dass es sich um einen Lebensmittelautomaten handelte. Ich wandte mich ab. Ich hatte noch genug zu Essen, es nicht riskieren zu müssen, an solch einem defekten Ding einen Stromschlag zu bekommen.

An der Anmeldung war nichts zu finden, viele Papiere, Büroartikel, die meisten davon längst nicht mehr zu gebrauchen und ich ging weiter, bis ich einen Aufzug fand, ein paar Schritte weiter eine Treppe. Ich stieg in den ersten Stock hinauf, langsam, Schritt für Schritt, zum einen, weil auch normale Treppen mit meinem Bein ein wenig schwer zu bewältigen waren, zum anderen, weil ich dem morschen Gebäude nicht ganz traute und mich nicht auf einmal wieder im Erdgeschoss sehen wollte, unter einem weiteren Haufen Geröll.

Ich achtete mehr auf den Boden, auf dem ich ging, als auf meine Umgebung, meine Kampfflinte hing seitlich an meinem Rucksack, ich machte mir keine großen Sorgen, bisher war ich in Seneca keiner Menschenseele begegnet, ich dachte nicht, dass es in diesem Gebäude anders sein würde.

Auf den letzten Metern der Treppe stieg mir dann der Geruch von Verwesung und frischem Blut in die Nase. Ohne zu zögern schaltete ich das Licht meines Pip-Boys aus, griff ich nach meiner Waffe, entsicherte sie, blieb reglos stehen und lauschte. Ich überlegte, umzukehren, doch die Neugier und die Hoffnung, vielleicht doch irgendwelche Medikamentenvorräte zu finden, war stärker.

So leise wie möglich ging ich weiter, doch es war wohl nicht leise genug. Ich bog um eine Ecke, schlich mich an die nächste an und wurde beschossen, noch ehe ich sie erreicht hatte. Ich drückte mich eng an die Wand, versuchte zu erkennen, aus welcher Richtung der Angreifer kam. Schließlich ging ich in die Hocke, hob einen Stein auf, warf ihn auf die andere Seite des Raums und konnte zumindest die ungefähre Richtung des Angreifers ausmachen, als er promt blind in die Richtung des Aufpralls feuerte. Ich hob einen zweiten Stein auf, warf ihn etwas weiter weg, wartete wieder bis der Angreifer schoss und konnte seinen Standort genauer eingrenzen.

Doch ich zögerte. Auf der einen Seite roch es hier wie im Schlachthaus, was mich auf nicht so ganz positive Machenschaften tippen ließ. Andererseits war ich der Eindringling, es könnte auch sein, dass sich hier jemand einfach nur verteidigte. Noch dazu nahm ich langsam an, dass er alleine war, denn ich hörte keine Stimmen, keine Absprachen. Würde ich rufen, würde ich meine Position verraten. Ich wusste nicht, was ich tun sollte.

Die leisen Schritte, die ich hörte, knirschend auf dem unebenen Untergrund, ließen mich fieberhaft nachdenken. Schließlich fasste ich einen Entschluss, nahm eine Granate vom Gürtel, hielt sie wurfbereit, richtete mich lautlos auf.
"Wer ist da? Ich will Ihnen nichts tun!"
Ich konnte nicht riskieren, einen Unschuldigen zu erschießen, selbst wenn es bedeuten mochte, meinen Vorteil aufzugeben. Doch das Risiko hätte dort wohl nicht bestanden. Zur Antwort ertönten erst drei Schüsse, dann ein leises Klicken, als die Waffe nachgeladen wurde zusammen mit wüsten Beschimpfungen, Gelächter und dem Versprechen, dass er mir sehr wohl etwas tun wollte. Raider, stellte ich fest.

Ich zögerte nicht länger, entsicherte die Granate, warf sie an das andere Ende des Raumes und trat in dem Moment, als sie explodierte, aus meiner Deckung. Das Licht der Explosion blendete mich, doch ich konnte im Schein die Umrisse des Raiders erkennen. Er hatte sich zur Explosion umgedreht, die Gelegenheit nutzte ich, ich erschoss ihn, ohne dass er mich einmal zu Gesicht bekommen hatte.
Ich hoffte nur, dass es wirklich nur einer gewesen war.

Und dass die Explosion nicht das Gebäude zum Einsturz bringen würde.

Scheinbar hatte ich in beiden Fällen Glück gehabt. Es wurde gespenstisch still, nur Staub und kleine Steinchen rieselten von der Decke, in der Nähe der Stelle, an der die Granate explodiert war. Trotzdem blieb ich auf der Hut als das Licht wieder einschaltete und nach und nach alle Räume durchsuchte.
Ich fand einige medizinische Utensilien, Medikamente, Bandagen und in einem fast vollkommen verschütteten Schrank, den ich mühsam freilegte, sogar einige Blutbeutel. Ich würde sie der Familie geben. Ich steckte alles ein, was brauchbar erschien, Skalpelle, Schläuche, Bandagen, Stützen, Tabletten, Spritzen und Fläschchen.

Und ich fand die Gründe für den Gestank, der hier herrschte. Auf zwei OP-Tischen lagen Leichen, eine bereits verstümmelt und bis zur Unkenntlichkeit verwest, die andere noch nicht lange tot; in einem weiteren Raum lag eine Kreatur, die ich gar nicht näher beschreiben will, weder Ghul noch Mensch noch Mutant, und von der Decke hingen abgetrennte Körperteile und Körper ohne Gliedmaßen. Ich hielt mir den Ärmel vors Gesicht, doch das nützte nicht viel.
In einem der letzten Räume entdeckte ich dann, wobei ich den Raider wohl gerade gestört hatte. Eine weitere Leiche, eine Ödländerin wohl, ganz sicher noch nicht lange tot, so viel verriet mir die frische Blutlache unter dem Tisch, die im Licht des Pip-Boys noch leicht schimmerte. Ein Unterschenkel lag auf ihrem Bauch, ein Arm hing so gut wie abgetrennt, nur noch von ein paar Fetzen Haut gehalten, vom Tisch, ihre Kehle war durchgeschnitten und auf ihrem Gesicht war noch das Entsetzen zu sehen, das sie verspürt haben mochte, als der Raider sie überfallen hatte.
Ich stolperte rückwärts aus dem Raum und verabschiedete mich von meinem Frühstück.

Ich hatte genug, richtete mich ein wenig schwankend auf und ging direkt zur Treppe, hinunter und dann hinaus auf die Straße. Ich atmete auf, als ich die Sonne wieder auf dem Gesicht spüren konnte, die Luft nur noch staubig und trocken und nicht mehr schwer vom Tod war. Kurz sah ich zu dem Hotel auf der anderen Straßenseite, dem einzigen Gebäude, das ich noch nicht durchsucht hatte und entschied mich dann dagegen. Ich hatte genug.

Ich setzte mich auf eine der Bänke, die in der Mitte des Platzes in zwei Reihen standen, drehte das Gesicht zur Sonne und holte eine Flasche Wasser aus meinem Rucksack. Das Wasser konnte nicht ganz den widerlichen Geschmack in meinem Mund vertreiben und die Sonne nicht die düsteren Gedanken in meinem Kopf, doch nach ein paar Minuten fühlte ich mich wieder etwas besser. Ich stand auf und ging zum Eingang der Metro-Station, um den beiden Ghulen die Zuckerbomben zu bringen.
Heal My Wounds #stars The Shining Light

» No one’s arguing about the need for a plan.
Your plan is just stupid and won’t work.
«
:create

60

Monday, April 9th 2012, 7:42pm

Die Tür der Metro-Station war ein wenig schwergängig, doch mit ausreichend Druck ließ sie sich problemlos öffnen. Das Licht, das durch den Türspalt fiel, reichte nur wenige Meter weit, danach war der unterirdische Raum in staubiges Dunkel gehüllt. Ich schaltete wieder mein Pip-Boy Licht ein, schloss die Tür hinter mir, wodurch es gleich noch dunkler wurde, und lauschte. Es war nichts zu hören.

Langsam ging ich weiter, ich wusste nicht, wie tief im Inneren der Station sich die beiden Ghule eingerichtet hatten. Teile der Decke waren eingestürzt, es roch muffig und feucht, Staub tanzte im blassen Schein des Lichtes, das mir meinen Weg erhellte. Ich folgte dem Gang, kam an ein paar verrosteten Absperrungen vorbei und sah dann Lichtstrahlen, die in den Gang fielen. Ich achtete nun darauf, keine überflüssigen Geräusche zu verursachen, schaltete meinen Pip-Boy ab und näherte mich so gut wie lautlos dem Raum, aus dem das Licht kam.
Doch meine Vorsicht war unbegründet, ich spähte um die Ecke und sah Murphy und Barrett. Erleichtert trat ich hervor, begrüßte die beiden, setzte den Rucksack ab und holte die drei Zuckerbomben-Packungen heraus.

Ich hatte mir die Packungen nie zuvor genauer angesehen; schon makaber, Frühstücksflocken die wie winzige Atombomben aussehen. Ich frage mich, was die Menschen in der alten Welt sich dabei gedacht haben. Waren sie zu sorglos, haben sie die ganze Bedrohung nicht wirklich wahr genommen? Wie viele waren wohl von den echten Bomben überrascht worden, während sie gerade eine Schüssel Zuckerbomben gegessen haben?

Ich schüttelte in Gedanken den Kopf, reichte die Packungen Murphy, der sich erfreut bedankte und mir die vereinbarte Belohnung gab. Ich fragte ihn, ob ich noch einmal den Tunnel benutzen dürfte und er nickte, in Gedanken wohl schon bei der Herstellung des Ultrajets. Ich wollte nicht weiter stören, durchquerte den Raum und folgte dem Gang bis ich vor der Kammer mit den Fässern stand.

Ich wollte gar nicht so genau wissen, wie viel Strahlung ich schon wieder abbekommen hatte. Ich nahm ein paar Rad-X Pillen aus meiner Tasche, schluckte sie, wickelte ein paar Stoffstreifen um meine Hände und ging weiter. Wie schon am Tag zuvor kletterte ich so schnell wie möglich nach unten, beeilte mich dann, Abstand zwischen mich und die ausgelaufene Pampe zu bringen.

Abermals folgte ich dem sandigen Gang bis zur Rampe, bog dann hinter dem Waggon in den linken Gang ein, folgte auch diesem im Zickzack zwischen den weiteren Hindernissen hindurch bis zu den Sandsäcken. Ich grüßte den Mann, der dieses Mal an einem Tisch saß und etwas aß, ging weiter bis in die Halle Meresti.
Vance befand sich diesmal nicht oben auf der Plattform sondern unten, ich war froh darüber, eine Treppe weniger, die ich würde erklimmen müssen. Ich trat auf ihn zu, überbrachte ihm direkt die Nachricht, dass Arefu akzeptiert hatte. Er versprach, gleich jemanden zum Schutz vorbei zu schicken.
Während er einen weiteren jungen Mann zu sich rief, setzte ich wieder den Rucksack auf, suchte die Blutbeutel heraus, die ich in der Klinik gefunden hatte und gab sie Vance, als er seine Aufmerksamkeit wieder auf mich richtete. Er war ehrlich erfreut, ließ sich nicht davon abbringen, mir ein paar Kronkorken zur Entschädigung zu geben und bedankte sich vielmals. Ich lächelte gezwungen, vermutlich war es eher eine Grimasse als ein Lächeln.

Eigentlich wollte ich mit all dem nichts zu tun haben. Die Beutel hatte ich ihm vor allem deswegen mitgebracht, weil ich mir überlegte, dass jeder einzelne davon vielleicht ein Opfer weniger bedeuten konnte.
Das schien auch Vance zu merken, denn außer dem Angebot, dass ich jederzeit zurück kommen könnte, wenn ich mehr über die Familie erfahren wolle und in Meresti jederzeit willkommen wäre bedrängte er mich nicht weiter.

Ich verabschiedete mich und floh abermals aus der unterirdischen Halle, hoffentlich zum letzten Mal.

Zurück am Haupttunnel wählte ich nicht den Weg zu meiner Rechten, der mich zurück in die Metro-Station Northwest Seneca führen würde, sondern ging nach links. Ich war zwar wenig begeistert über die Aussicht auf einen so langen Rückweg, doch ich dachte an den Raketenwerfer, den ich bei der Kirche hatte liegen lassen. Der würde mir vielleicht noch nützlich sein, selbst wenn ich ihn nur für eine Menge Kronkorken verkaufen würde und ich hoffte, dass er noch dort war.

Ich folgte den Gleisen bis zum Ausgang, kniff die Augen zusammen, als ich ins Licht trat. Die Sonne hatte noch nicht ihren höchsten Punkt erreicht, es war noch nicht einmal Mittag, von der Zeit her lief also alles wie geplant.
Ich ging direkt zum nächsten Tor des Geländes, dann zum Ufer des Flusses und den Weg zurück, den ich am Tag zuvor gegangen war. Es blieb alles ruhig. Die toten Raider lagen noch in ihrem Lager, ich schlug einen großen Bogen um sie, orientierte mich an der Brücke kurz und schlug dann den Weg querfeldein zur Kirche ein.
Auch dort war alles ruhig, noch genau so, wie ich es verlassen hatte. Ich musste eine weile Suchen, bis ich den Raketenwerfer im dürren Gestrüpp entdeckte und heraus ziehen konnte.

Er war zwar zerkratzt und schmutzig, jedoch vollkommen funktionstüchtig, wie ich am Vortag festgestellt hatte. Und schwer. Verdammt schwer. Ich verwarf den Gedanken, ihn wie die anderen Waffen am Rucksack zu befestigen, fast augenblicklich und kam zu dem Schluss, dass ich ihn so würde tragen müssen. Ich befestigte ein Band daran, sodass ich ihn mir wenigstens über die Schulter hängen konnte, dabei aber noch bequem an meine Flinte kam.

Dann verließ ich diesen unheilvollen Ort wieder, ging zurück zum Ufer, zum natürlichen Damm, auf die andere Seite des Gewässers. Dann sah ich auf meine Karte, bestimmte die Richtung, in die ich gehen musste und machte mich auf, querfeldein in Richtung Süden. Ich wollte mich wenigstens halbwegs in dem Gebiet bewegen, das ich auf dem Weg nach Arefu vor zwei Tagen durchquert hatte, doch den genauen Rückweg einzuschlagen hätte einen Umweg bedeutet, den ich aufgrund meines Beines und mit dem zusätzlichen Gewicht des Raketenwerfers nicht gehen wollte.

Ich kam relativ langsam voran, begegnete aber niemandem. Die Sonne stand hell am Himmel, inzwischen hatte sie ihren höchsten Punkt überschritten, doch es kam mir nicht mehr ganz so warm vor wie vor einigen Wochen. Anfangs hatte ich meine Kleidung und Rüstung zum Schutz vor den Angreifern und der rauen Umwelt getragen, in Kauf genommen, dass ich ab und an ziemlich ins Schwitzen kam; gestern wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich inzwischen froh darüber war, sie zu tragen, da ich sonst wohl frieren würde.

Jahreszeiten, Herbst und Winter, kamen mir in den Sinn. In der Vault waren das nur abstrakte Namen gewesen, ich weiß zwar theoretisch, dass die Temperatur und das Wetter sich ändern könnten und werden, aber so ganz kann ich es mir noch immer nicht vorstellen. Ich, der ich tagein tagaus das gleiche Klima unter der Erde gewohnt war, weiß nicht, ob ich mich darauf freuen oder davor fürchten soll.

Ich lief immer weiter, bis ich an eine alte Straße kam. Ich beschloss ihr zu folgen, sie führte nach Osten, was sowieso meiner weiteren Route entsprach, und bedeutete ein wenig Entlastung für mein Bein.
Darauf bedacht den Schlaglöchern und Asphaltbrocken auszuweichen ging ich weiter, sah ab und an auf meine Karte um zu sehen, wie weit ich noch von Megaton entfernt war und hatte das Gefühl, immer langsamer voran zu kommen. Lediglich der Trotz, schon so weit gekommen zu sein und ihn jetzt nicht hier liegen zu lassen hielt mich davon ab, den Raketenwerfer einfach in eine Ecke zu werfen und damit sein Gewicht los zu werden.

Schließlich sah ich einen Highway, dessen ausgefranste Form mir vertraut vorkam. Der Anblick gab mir neue Energie, ich musste es bald geschafft haben, bald wäre ich wieder zu Hause.

Ich war gerade unter ihm durch gegangen, gerade wieder aus seinem Schatten getreten, da hörte ich noch ein leises Geräusch, kurz bevor einige Schritte neben mir etwas explodierte. Ich erschrak mich halb zu Tode, sah mich um, doch ich konnte niemanden sehen. Ich sah von Pfeiler zu Pfeiler, über die ebene Grasfläche, zu einer Ansammlung von Felsbrocken, viel zu weit weg, als dass sich dort jemand hätte verstecken können - nichts. Dann hörte ich wieder etwas, ahnte es mehr, als es wirklich zu hören, sah etwas auf mich zufliegen und rannte. Ich rannte auf die Felsen zu, während hinter mir wieder etwas explodierte und kurz ehe ich die schützende Deckung erreichen konnte folgte die dritte Explosion.

Diese war zu nah gewesen, die Druckwelle stieß mich nach vorne, ließ mich mit Kopf und Schulter gegen den Felsen prallen. Ich ignorierte den Schmerz und den Schwindel so gut es ging, kroch um den Felsen herum, wurde dabei von dem unhandlichen Raketenwerfer behindert, sodass ich kurzerhand den Gurt durchschnitt.
Noch während der Raketenwerfer hinter mir zu Boden polterte hatte ich schon meine Waffe gezogen, lehnte am Felsen und versuchte, auf Schritte zu lauschen, soweit meine klingelnden Ohren es zuließen. Ich schlüpfte unbeholfen aus den Trägern meines Rucksacks und lehnte ihn an den Felsen, zog ein Tuch aus der Seitentasche und wischte mir damit über die Stirn, von wo aus mir Blut in die Augen gelaufen war.

Mit der linken Hand presste ich das Tuch gegen die Wunde, mit der rechten umklammerte ich die Waffe und bewegte mich langsam auf den Rand meiner Deckung zu. So groß der Drang auch war, ich sah nicht um die Ecke, wartete und lauschte stattdessen, bis ich Schritte und Rufe vernahm. Ich verstand nicht, was sie riefen, doch ich erkannte es.
Verdammte scheiß Raider.

Ich ließ zu, dass die Wut jeden anderen Gedanken verdrängte, die Wut darüber, dass sie mich so kurz vor meinem Ziel überrascht hatten, die Wut darüber, dass ich schon wieder kämpfen musste, die Wut darüber, dass sie überhaupt existierten. Lautlos erhob ich mich, wartete bis der erste die Felsen umrundet hatte und begrüßte ihn mit einer Kugel in den Kopf. Sein Blut spritze bis zu mir, doch das war mir egal, was von dieser Rüstung noch übrig war, würde ich sowieso wegwerfen müssen. Der zweite, der sich ebenfalls in vollem Tempo genäherte hatte, geriet ins Straucheln, als sein Kollege vor ihm zu Boden ging, ich nutze die Gelegenheit, schoss einmal, noch einmal, traf jedoch nur seine Rüstung, was ihn zwar aufhielt, jedoch nicht tötete.
Ich ging einen Schritt nach vorne, trat ihn ohne darüber nachzudenken in den Magen, dem dritten Raider entgegen. Ein scharfer Schmerz schoss durch mein Bein, dessen Verletzung ich ganz vergessen hatte, der Raider schnappte nach Luft und ich drückte mich eng an die Felsen um seinen ziellos abgefeuerten Schüssen zu entgehen, als er sein Magazin in blinder Wut leerte.

Die beiden Raider prallten aufeinander, gingen gemeinsam zu Boden und ich hob die Waffe, erschoss den einen, ließ dabei jedoch den anderen aus den Augen, der nach meinem unverletzten Bein griff und es unter mir weg riss. Das andere konnte mein Gewicht alleine nicht tragen, ich stürzte neben ihm zu Boden, die Waffe entglitt meinen Fingern. Ich spürte, wie der Raider hinter mir sich in die Richtung der Waffe bewegte, trat nach ihm, wieder und wieder, traf etwas hartes, etwas weiches, hörte ein hässliches Knacken, bösartige Flüche, dann sah ich einen vierten Gegner auf mich zu rennen. Er war noch weit genug weg, dass seine Kugeln uns um Meter verfehlten, doch das war nur noch eine Frage von Sekunden. Noch einmal trat ich nach hinten, stieß mich dabei nach vorne ab und schaffte es schließlich, meine Waffe zu erreichen.

Ich riss sie hoch, zwang mich, mir die zwei Sekunden zum zielen zu lassen, Sekunden, in denen die Kugeln des letzten Raiders weitere Funken aus dem Felsen über mir schlugen, dann schoss ich und traf ihn zwei Mal. Im gleichen Moment, in dem der vierte Angreifer mit einem Loch im Kopf und einem in der Brust zu Boden ging hatte der Raider neben mir am Boden sich wohl an sein Messer erinnert und damit auf mein ohnehin schon verletztes Bein eingestochen. Ich schrie auf, packte meine Waffe am Lauf und schlug nach ihm, traf ihn am Kopf, schlug weiter auf ihn ein, so lange, bis er sich nicht mehr regte.

Dann kroch ich die zwei Meter zurück, um die Ecke der Felsen herum, nur für den Fall, dass sich vom Highway aus noch ein Raider nähern würde. Ich lehnte die Stirn an den kalten Stein, umklammerte mein Bein mit den Händen, wobei ich spürte, wie das Blut mir über die Finger lief und versuchte, gegen die Übelkeit anzukämpfen. Ich wusste, dass ich die Wunde versorgen musste, doch ich konnte noch nicht, konnte nichts anderes tun, als still da zu sitzen, mein Bein festzuhalten und mich einfach nur aufs Atmen zu konzentrieren.

Nach ein paar Minuten schwand die Übelkeit ein wenig, schaffte ich es, die verkrampften Finger von meinem Bein zu lösen und stattdessen einen provisorischen Druckverband anzulegen. Alles war still geblieben, also war der Nachzügler wohl auch derjenige gewesen, der vom Highway aus die Granaten auf mich geworfen hatte. Ich hoffte es einfach und ließ es darauf ankommen, als ich zu den drei Leichen in meiner Nähe krabbelte, ihre Waffen einsammelte, ihre Taschen durchsuchte und den ganzen Kram noch irgendwie in und auf meinen Rucksack stopfte.

Den Raketenwerfer band ich mir nicht wieder um, stattdessen benutzte ich ihn als Stütze, denn mein Bein wollte mich kaum noch tragen. Ich humpelte noch einmal zu den Leichen, da bemerkte ich meinen Irrtum; das blasse, trockene Gras vor dem Gesicht des einen Raiders, des dritten, bewegte sich leicht obwohl es vollkommen windstill war. Ich konzentrierte mich auf seinen Brustkorb, dann sah ich auch dort die Bewegung. Er lebte noch. Ich hatte ihn nur niedergeschlagen.

Ich zog noch einmal meine Waffe und holte das Versäumte nach.

Natürlich kann ich mir einreden, dass ich es tat, um nicht überrascht zu werden, falls er aufwachen würde und ich noch nicht weit genug weg war; dass er sowieso gestorben wäre, jämmerlich und langsam hier draußen, oder dass er wieder Menschen angegriffen und getötet hätte, falls ihn einer seiner Kollegen gerettet hätte. Doch die Wahrheit ist: Es war einfach nur Rache.
Jetzt, im Nachhinein mit verflogener Wut, habe ich Angst vor mir selbst. Ich habe Angst, weil es mir selbst jetzt noch gelingt, mir einzureden, dass es das Richtige war. Ich habe Angst vor dem, was hier oben aus mir geworden ist, was noch aus mir werden könnte.

Ich wandte mich ab, humpelte weiter in Richtung Osten und sah, nach sicher einer Stunde, endlich die Umrisse von Springvale vor mir. Ich schlug einen Bogen um alle Gebäude, die weitere Raider beherbergen könnten, ging an der alten Tankstelle vorbei zu dem Pfad, der nach Megaton führte und hatte eine weitere halbe Stunde später endlich die vertrauten Altmetallwände, das große Tor unter der Turbine und Deputy Weld, der das Tor bewachte, erreicht.


Ich war unglaublich erleichtert, als ich das Tor durchschritt.

Ich ging geradewegs zu meinem Haus, lehnte dort den Raketenwerfer an die Wand, nahm den Schlüssel von meiner Kette und stellte überrascht fest, dass gar nicht abgeschlossen war. Natürlich, Bryan, dämmerte es mir da. Ich packte den Schlüssel zurück, öffnete langsam die Tür und rief seinen Namen.

Ich hörte eilige Schritte auf der Treppe, die abrupt stoppten. Entsetzt sah der Junge mich an.
Da wurde mir klar, was für einen Anblick ich bieten musste. Zerrissene, angebrannte Kleidung, voll von getrocknetem Blut und dort, wo man es durch den Dreck und das Blut überhaupt erkennen konnte vermutlich kreidebleich. Ich bemühte mich um ein Lächeln, auch wenn mir nicht danach zu Mute war.

"Keine Sorge, Bryan, das sieht schlimmer aus, als es ist."

Da ich vermutlich wie eine Leiche aussah, aber noch lebte, stimmte das wohl sogar, wenn auch nur sehr knapp. Ich nahm einen Sack voll Kronkorken aus meiner Tasche, warf ihn dem Jungen zu.
"Was meinst du, du besorgst uns etwas zu essen und in einer Stunde sehe ich wieder aus wie ein Mensch, ja? Du kannst dir aussuchen, was du willst."
Bryan nickte und ich trat weiter in den Raum hinein, um ihm Platz zu machen. Mich noch immer mit großen Augen anstarrend huschte er an mir vorbei, hinaus nach Megaton. Ich seufzte.

Wenn ich wirklich in einer Stunde wieder halbwegs lebendig aussehen wollte, durfte ich keine Zeit verlassen, also ging ich direkt zum Waschbecken. Zum Glück hatte ich noch genug Medikamente im Rucksack und musste nicht nach oben an meinen Vorrat gehen. Ich zog die verdeckte Kleidung aus, wobei ich die Hose einfach komplett zerschnitt und zu dem anderen Kram auf den Boden warf. Dann nahm ich einen Lappen und war erst einmal eine Viertelstunde damit beschäftigt, den größten Dreck abzuwaschen. Unter dem Dreck war ich noch immer irgendwo zwischen dunkellila und gelbgrün verfärbt, es würde noch einige Tage dauern, bis alle Prellungen verschwunden wären.
Ich betrachtete die Kopfverletzung im Spiegel, stellte fest, dass sie nicht tief war und bereits aufgehört hatte zu bluten. Ich behandelte sie so gut es ging mit einem Stimpak, wechselte auch den Verband an meinem linken Arm und stellte dabei fest, dass ich ihn ab morgen wohl ganz würde ab lassen können.

Zum Schluss konnte ich es nicht weiter aufschieben, mich endlich meinem Bein zu widmen. Ich setzte mich vorsichtshalber auf den Boden, legte alles bereit und wickelte den Verband ab. Ohne den Druck begann es sofort wieder zu bluten, ich erkannte drei Schnitte, zwei kleine und ein großer, klaffender. Mir wurde wieder schlecht.
Ich dachte kurz darüber nach, dass ich vielleicht doch lieber zum Doc hätte gehen sollen, doch jetzt war es sowieso zu spät. Ich nahm erst einen Stimpak, dann nähte ich die große Wunde mit zwei kleinen Stichen zusammen. Das tat zwar nicht mehr sonderlich weh, doch das Gefühl war widerlich. Meine Hände zitterten, als ich erst den festen Verband wieder darum wickelte, dann das ganze Bein noch einmal schiente. Als mir der bloße Versuch, wieder aufzustehen dann noch immer die Tränen in die Augen trieb nahm ich doch ein paar Schmerzmittel und beschloss, sitzen zu bleiben bis sie wirken würden.

Schließlich wischte ich die Blutlache auf, die sich unter meinem Bein gebildet hatte, wusch mir die Hände und packte die Sachen zusammen. Aus dem Rucksack holte ich die Kleidungsstücke, die ich gefunden hatte, humpelte mit ihnen unter dem Arm zum Tisch und breitete sie darauf aus. Ich entschied mich für einfache, braun-beige Sachen, vor allem weil die Hose mir einige Nummern zu groß und deswegen weit genug war, dass sie über das geschiente Bein passte. Auch so war es noch ein kleiner Kampf, in die Klamotten hinein zu kommen.

Zum Schluss stellte ich noch den Raketenwerfer und den Rucksack in eine Ecke und wurde gerade rechtzeitig fertig, bevor Bryan wieder zur Tür herein kam. Er trug zwei Teller, ich bemerkte, wie er zuerst vorsichtig in den Raum spähte und wie erleichtert er war, als er mich sah. Er stellte die Teller auf den Tisch, setzte sich neben mich und obwohl ich mich einfach nur noch hinlegen wollte und mir noch immer übel war, griff ich nach dem Fleischspieß, den er gebracht hatte.
Ich bemerkte, dass er sich nicht traute, zu fragen, also begann ich von selbst zu erzählen. Nur ein paar Kleinigkeiten, von Arefu, der Stadt auf dem Highway über dem Wasser, von der Kirche und der Metro-Station, von Murphy und Barrett und vom Angriff der Raider. Kannibalen, Supermutanten und die Klinik in Seneca ließ ich aus.

Dann fragte ich ihn, was er in der Zeit getan hatte; nicht viel, er hatte ein bisschen mit Maggie und Harden gespielt, aber die meiste Zeit im Haus verbracht. Er musste wohl gemerkt haben, dass ich die Augen kaum noch offen halten konnte, der Blutverlust, die Schmerzmittel und die nachlassende Anspannung ließen mich fast im Sitzen einschlafen und Bryan war es, der mir vorschlug, mich doch hinzulegen.
Ich nickte, entschuldigte mich noch einmal, dass ich so lange fort gewesen war und kroch in mein Bett, um sofort einzuschlafen.


Heute habe ich es dann ruhig angehen lassen. Viel gibt es nicht zu erzählen.
Ich habe Lucy aufgesucht und ihr mitgeteilt, dass ich Ian den Brief übergeben habe. Mehr nicht.
Ich habe lange überlegt, doch ich weiß nicht, was er ihr erzählen wird und es ist auch nicht mein Problem. Es tut mir zwar leid um sie, wenn sie es dann doch irgendwann erfahren wird, doch ich will ihr nichts falsches erzählen.
Dann habe ich kurz Gob "Hallo" gesagt, einen großen Bogen um Moiras Lagerhaus gemacht, angefangen, eine neue Rüstung zusammen zu nähen und mich zwischendurch immer wieder mit Bryan unterhalten.

Ich habe ihm von meinem Vater erzählt, vom Leben in der Vault. Das Heimweh ist wieder da. Ich vermisse ihn. Ich vermisse Amata. Ich denke, wenn ich mich erholt habe, werde ich vielleicht noch einmal versuchen, zum Radiosender zu kommen. Ich weiß jetzt, dass diese Mutanten nicht unbesiegbar sind.
Auch wenn ich wenig Hoffnung habe, ihn nach all der Zeit dort noch anzutreffen, sind da doch so viele Fragen offen. Vielleicht werde ich Menschen treffen, die ihn kennen. Die bestätigen, was Moriarty gesagt hat: Dass weder er noch ich wirklich aus der Vault stammen.

Ich muss zum Radiosender, ich muss einen Weg nach Rivet City finden und ich muss Moira nach dem letzten Abschnitt ihres Buches fragen, ehe sie beschließt, unsere Vereinbarung als nichtig zu betrachten und sich ein anderes Opfer sucht. Ich habe mich noch nicht entschieden, was ich zuerst tun werde.

Heute werde ich es auch nicht mehr entscheiden. Ich warte noch darauf, dass Bryan zu Bett geht, dann werde ich mich an einen Beutel RadAway hängen, denn mein Pip-Boy erzählt mir einige unangenehme Dinge über die Strahlung, die ich mir in den Tunneln unter Seneca eingefangen habe. Was wiederum bedeutet, dass die Nacht an sich eine sehr unangenehme Nacht sein wird, doch das ist wohl besser als darauf zu warten, dass mir ein zweiter Kopf wächst oder ich nachts anfange zu leuchten.
Heal My Wounds #stars The Shining Light

» No one’s arguing about the need for a plan.
Your plan is just stupid and won’t work.
«
:create